Um mal gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Der öffentlich gewordene Entwurf eines "Mietendeckels" für Berliner Wohnungen ist eine Wucht! Die vielleicht wirklichste, echteste und wuchtigste Wucht seit Jahrzehnten. Weil er auf ein einfach zu beschreibendes Problem – zu hohe Mieten bei gleichzeitig zu wenig Wohnraum – eine einfache und vor allem linke Antwort gefunden hat, nämlich: Mieten runter.

Mietendeckel ist natürlich ein sehr missverständlicher Begriff, weil er klingt, als würde man einen Deckel auf die vertraglich vereinbarte Summe halten und den Preis damit konservieren. Tatsächlich geht es auch um nachträgliche Mietsenkungen bei bestehenden Mietverhältnissen. Die klassische Gegenargumentation lautet bei Vorschlägen zur staatlichen Regulierung immer Marktschädigung, Vertrauensverlust bei Investoren, Benachteiligung von privaten Eigentümern, und so weiter. Auch interessant, oder? Wie die "Regeln des Marktes" derart gut inhaliert wurden, dass man sie reflexhaft zurückbeten kann. Bloß weil etwas üblich ist, das jetzt bitte nur als Fußnote verstehen, ist es noch lange nicht ethisch.

Wenn Wohneigentum verkauft wird und Mietimmobiliengiganten die Häuser übernehmen, kann man gar nicht so schnell Briefe öffnen, wie die Mieterhöhungen ins Haus flattern. Eine Arbeitslosengeld-2-Bezieherin kann eine Erhöhung von wenigen Euro bereits dazu zwingen, die Wohnung zu verlassen, weil die vom Jobcenter vorgesehenen Unterkunftskosten überschritten sind. Die Unterkunftskosten sind aber, gemessen am rasant steigenden Mietniveau in Städten wie Berlin, so grotesk gering, dass man besser gleich auf einen Baum zieht.

Gerade in einem Stadtteil wie Kreuzberg, das vor der Besiedelung in den Siebzigerjahren ein wirklich mieses Drecksloch ohne ordentliche Infrastruktur war, ist die Situation ungerecht. Es waren die Gastarbeiter, die entlang des ehemaligen Mauerstreifens gemeinsam mit Linken, Studenten und Hausbesetzern die Gegend zu dem gemacht haben, was sie heute ist: ein Investorenparadies. Die Migranten, Grünen, Linken und Ökos haben ihre Läden, Schneidereien, ihre Clubs und Bars, ihre alternativen Kitas und Schulen und alles das eingerichtet, was sie aus Guatemala oder Griechenland, Göttingen oder Gaziantep kannten oder wovon sie immer träumten. Das ist ja überall in der Welt so: Die Arbeiter und Secondos machen aus Ödnis (Kreuzberg übrigens, so waren die offiziellen Pläne, sollte Stadtautobahn werden) lebenswerte Dörfer inmitten von Metropolen. Dann kommen die Investoren, heben jeden Gullideckel an, bauen eine ebenerdige Dusche mit schieferfarbenen Bodenfliesen ein, bepflanzen den Müllplatz mit Efeu und vermieten oder verkaufen das Gulliloch als gehoben ausgestatteten Wohnraum für öde Menschen mit öden Ansichten, aber etwas mehr Knatter im Portemonnaie. Die ursprünglichen Bewohner müssen halt einfach umziehen – und so geschieht es dann auch. Die Kreuzberger ziehen nach Reinickendorf, die Reinickendorfer ziehen weiter nach Marzahn, die Marzahner ziehen nach Brandenburg und wer sich das nicht leisten kann (werden auch immer mehr), der zieht dann, tja, weiß man auch nicht, auf Jupiter, Merkur oder Saturn.

Deshalb haben die Linken in Berlin den Vorschlag gemacht, dass die bestehenden Mieten – manche mehr, andere weniger – wieder günstiger werden. Es geht also nicht mehr nur um das Rumgeschraube an bestehenden Gesetzen wie bei der legendären Mietpreisbremse, die ohnehin kaum ein Mieter je verstanden hat. Oder hat man im Leben schon einmal wen getroffen, der auf die Frage "Wie geht’s?" antwortete: "Gott schütze die Mietpreisbremse, sie hat mein Leben gerettet!"