Im Ostberlin der Achtzigerjahre gab es direkt an der Mauer Aussichtsplattformen, von denen aus WestlerInnen den OstlerInnen beim Unterdrücktsein zuschauen konnten. Im Prenzlauer Berg, am Ende der Oderberger Straße, wurden ich und alle anderen dunnemals von westdeutschen Schulklassen und TouristInnen begafft. Die armen, armen Menschen da unten in den grauen, grauen Straßen des Prenzlauer Bergs! Es wurde laut gelacht, ich konnte das Ritschratsch ihrer Pocketkameras hören.

Ich lief durch jene Gegend wie durch ein Gehege – und schräg über meinem Kopf standen ein paar öde Popper, die sich und ihr Leben für den Maßstab allen Seins hielten. Dass wir, anders als erwartet, ein in Teilen ziemlich cooles Leben führten, das Vokabeln wie Arbeitnehmer, Makler, Bafög-Kredit oder Abtreibungsverbot noch nicht kannte, wussten sie ja nicht. Ostdeutsche beglotzen, wie Hasen, die man sich irgendwann holen würde – das fanden sie lustig. Ein kleiner Spaß eben, nicht bös gemeint. Jetzt lacht doch mal mit!

Anja Maier, Jahrgang 1965, ist "taz"-Journalistin, hat mehrere Bücher veröffentlich und ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Im Ostberlin der Achtzigerjahre gab es auch die Westberliner TagestouristInnen. Die flatterten morgens über die Grenze zu uns rüber in den Osten, hatten 25 Mark Zwangsumtausch in der Tasche und verströmten ein Odeur aus Abenteuerlust, Mitleid und Milka-Schokolade. Nicht nur, dass sie für ihr bisschen Spielgeld jede Menge bekamen: Fahrscheine, Bier, Bücher, Sex und in Restaurantwarteschlangen nach vorn gewunken zu werden. Es galt auch als schick, sich den einen oder anderen "Ossi" zu halten. "Ich kannte ja noch zu Mauerzeiten Leute in Ostberlin", ist bis heute ein Satzanfang, in dessen weiterem Verlauf ausgeführt wird, wie interessiert und nah dran man schon damals an jenen dissidenten Menschen war, deren Wohnungen man nur zehn Jahre später würde kaufen können.

Einen ostdeutschen Friedhofsgärtner mit Ausreiseantrag hat jeder westdeutsche Babyboomer im sozialen Portfolio jener Jahre. Vergleichbar dem "schwulen Freund", den man bis vor zehn Jahren noch gern beim Smalltalk erwähnte, um Weltoffenheit und Vorurteilsfreiheit zu illustrieren. Das mit dem "Schwulen" würde man sich heute natürlich nicht mehr erlauben, in Zeiten von LGBTQ* verbietet sich eine derart ausstellende Geringschätzung von selbst. Aber zum Glück hat man noch den "Ossi". Der bleibt ja, wer er ist. Den kennt man, wenngleich auch eher flüchtig. Aber egal, es war doch ganz lustig mit uns damals in Ostberlin, oder? Jetzt lacht doch mal mit!

Lachen über Ostdeutsche, also dieser vermeintlich ironische, den eigenen Ansichten doch gar nicht entsprechende Humor, war und ist gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Nun kann sogar das Lachen über andere durchaus eine feine Sache sein – etwa, wenn man Ungesagtes sagbar machen will, Altbekanntes neu denken möchte. Das Problem bis heute aber ist: Beim Ostlerwitz handelt es sich um Humor, der letztlich nur das übergroße Wir aufruft, das sich seiner selbst vergewissern will – und sich selbst zum alleinigen Maßstab macht. 30 Jahre nach dem Mauerfall ist aus Liebe Ungeduld, aus Ungeduld Abschätzigkeit geworden. Der Ossiwitz ist der etwas klemmige Ausdruck für die noch immer bestehende Fremdheit zwischen den seinerzeit mit großem Pathos wiedervereinigten Landsleuten. Und der anfangs freundlich gemeinte Witz ist härter geworden, unduldsamer.

Seit mehr als 30 Jahren geistert die Freizügigkeitsgeschichte herum: Ostdeutsche, das sind die, die sich gern ausziehen. Man kann das ja schließlich dort heute noch an Seeufern beobachten. Ostdeutsche, das sind folgerichtig die frühen Eltern mit den erwachsenen Kindern und der unverhofften jungen Großelternschaft. Gern gewählter Scherz dazu: Ihr hattet ja nichts im Osten. Kein Westfernsehen, keine Südfrüchte, nicht mal Telefon. Aber offenbar jede Menge Sex und viel Zeit. Haha! Ach komm, jetzt lacht doch mal mit!