Bis 1989 stellte sich mir der Ostlerwitz als – mitunter als Interesse getarnte – Geringschätzung dar. Seit die Mauer "gefallen" ist, wie es so falsch wie poetisch heißt, werde ich angehalten, doch ein bisschen mitzulachen über meine Leute. Humor in eigener landsmannschaftlicher Sache gilt als Anwartschaft auf Zugehörigkeit zum großen westdeutschen Wir. Ein bisschen die Sachsen schmähen oder das schlechte Essen in Brandenburg – was ist schon dabei? Und stimmt es nicht auch, dass da zu viel gejammert wird und es dort nicht schmeckt und hier wiederum die falsche Partei gewählt wird? Eben.

Hinter der "Nun lacht doch mal mit"-Attitüde steht der kaum verhohlene Wunsch danach, die OstlerInnen mögen bitte nicht derart verkniffen sein. Jetzt macht euch mal locker. Wir könnten zusammen ein bisschen über euch lachen, wie wär's? Ihr wisst schon, Ironie und so.

Nur, um mal die Verhältnisse zu klären: Es steht 16 zu 67 Millionen.

In den ersten Jahren habe ich mitgemacht. Ich habe mich verstellt und eingepasst. Habe immer gut aufgepasst und gelernt, wie das neue Land funktioniert, das ja die überdeutliche Mehrheit der Ostdeutschen selber herbeigewählt hatte. Ich gewöhnte mir meinen Ostberliner Dialekt ab und gab auf Aufforderung ein astreines Sächsisch zum Besten. Episches Gelächter! Ich lernte, "viertel vor" statt "dreiviertel neun" zu sagen. Ich umschiffte ostdeutsche Klischeewörter und lernte, Pasta mit einer Hand zu gabeln. Ich war willig, denn ich wollte dazugehören. Ich überhörte, als ich dann halbwegs dazugehörte, die natürlich superlustig gemeinten Kommentare über meine Leute, die schlechtes Englisch sprachen und denen eine kulturelle Codierung abging, die sie nie im Leben aufholen können.

Jetzt sind 30 Jahre um. Ich habe keine Lust mehr, mitzulachen, mitzumachen. Als Ostdeutsche über Ostdeutsche lachen – das ist die perfekte Anpassungsleistung. Und ich kann sagen, ich habe jahrelang geliefert. Der Witz hat aber – wie wir in Berlin sagen – mittlerweile ein Loch. Ein ziemlich großes sogar.

Dabei können ja auch die Westler nicht so richtig was für ihre Auffassung von deutsch-deutschem Humor. Dort ist der Ossiwitz erlernt und er ist stets hilfreich gewesen, wenn es darum ging, mit ein bisschen Ressentiment die eigene Ratlosigkeit zu kaschieren. Die Schülergruppen auf dem Aussichtsturm im Westberliner Himmel illustrieren das anschaulich. Der Zonengabi und den Trabbiwitzen liegt ja im Grunde die Frage zugrunde, warum "die da" nicht einfach sein können wie "wir hier". Denn wenn "sie" wie "wir" wären, wäre doch alles ganz klar und übersichtlich. Eben wie bei "uns". Aus diesem Unverständnis heraus wird dann halt kurz abgelacht – und schon kann es weitergehen mit jenem Leben, wie "wir" es kennen und verstehen. Gelernt ist gelernt.