Im Ostberlin der Achtzigerjahre gab es direkt an
der Mauer Aussichtsplattformen, von denen aus WestlerInnen den OstlerInnen beim
Unterdrücktsein zuschauen konnten. Im Prenzlauer Berg, am Ende der Oderberger Straße, wurden ich und alle anderen dunnemals von westdeutschen Schulklassen
und TouristInnen begafft. Die armen, armen Menschen da unten in den grauen,
grauen Straßen des Prenzlauer Bergs! Es wurde laut gelacht, ich konnte das
Ritschratsch ihrer Pocketkameras hören.
Ich lief durch jene Gegend wie durch ein Gehege – und schräg über meinem Kopf standen ein paar öde Popper, die sich und ihr Leben für den Maßstab allen Seins hielten. Dass wir, anders als erwartet, ein in Teilen ziemlich cooles Leben führten, das Vokabeln wie Arbeitnehmer, Makler, Bafög-Kredit oder Abtreibungsverbot noch nicht kannte, wussten sie ja nicht. Ostdeutsche beglotzen, wie Hasen, die man sich irgendwann holen würde – das fanden sie lustig. Ein kleiner Spaß eben, nicht bös gemeint. Jetzt lacht doch mal mit!
Im Ostberlin der Achtzigerjahre gab es auch die Westberliner TagestouristInnen. Die flatterten morgens über die Grenze zu uns rüber in den Osten, hatten 25 Mark Zwangsumtausch in der Tasche und verströmten ein Odeur aus Abenteuerlust, Mitleid und Milka-Schokolade. Nicht nur, dass sie für ihr bisschen Spielgeld jede Menge bekamen: Fahrscheine, Bier, Bücher, Sex und in Restaurantwarteschlangen nach vorn gewunken zu werden. Es galt auch als schick, sich den einen oder anderen "Ossi" zu halten. "Ich kannte ja noch zu Mauerzeiten Leute in Ostberlin", ist bis heute ein Satzanfang, in dessen weiterem Verlauf ausgeführt wird, wie interessiert und nah dran man schon damals an jenen dissidenten Menschen war, deren Wohnungen man nur zehn Jahre später würde kaufen können.
Einen ostdeutschen Friedhofsgärtner mit Ausreiseantrag hat jeder westdeutsche Babyboomer im sozialen Portfolio jener Jahre. Vergleichbar dem "schwulen Freund", den man bis vor zehn Jahren noch gern beim Smalltalk erwähnte, um Weltoffenheit und Vorurteilsfreiheit zu illustrieren. Das mit dem "Schwulen" würde man sich heute natürlich nicht mehr erlauben, in Zeiten von LGBTQ* verbietet sich eine derart ausstellende Geringschätzung von selbst. Aber zum Glück hat man noch den "Ossi". Der bleibt ja, wer er ist. Den kennt man, wenngleich auch eher flüchtig. Aber egal, es war doch ganz lustig mit uns damals in Ostberlin, oder? Jetzt lacht doch mal mit!
Lachen über Ostdeutsche, also dieser vermeintlich ironische, den eigenen Ansichten doch gar nicht entsprechende Humor, war und ist gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Nun kann sogar das Lachen über andere durchaus eine feine Sache sein – etwa, wenn man Ungesagtes sagbar machen will, Altbekanntes neu denken möchte. Das Problem bis heute aber ist: Beim Ostlerwitz handelt es sich um Humor, der letztlich nur das übergroße Wir aufruft, das sich seiner selbst vergewissern will – und sich selbst zum alleinigen Maßstab macht. 30 Jahre nach dem Mauerfall ist aus Liebe Ungeduld, aus Ungeduld Abschätzigkeit geworden. Der Ossiwitz ist der etwas klemmige Ausdruck für die noch immer bestehende Fremdheit zwischen den seinerzeit mit großem Pathos wiedervereinigten Landsleuten. Und der anfangs freundlich gemeinte Witz ist härter geworden, unduldsamer.
Seit mehr als 30 Jahren geistert die Freizügigkeitsgeschichte herum: Ostdeutsche, das sind die, die sich gern ausziehen. Man kann das ja schließlich dort heute noch an Seeufern beobachten. Ostdeutsche, das sind folgerichtig die frühen Eltern mit den erwachsenen Kindern und der unverhofften jungen Großelternschaft. Gern gewählter Scherz dazu: Ihr hattet ja nichts im Osten. Kein Westfernsehen, keine Südfrüchte, nicht mal Telefon. Aber offenbar jede Menge Sex und viel Zeit. Haha! Ach komm, jetzt lacht doch mal mit!
Kommentare
Ich kenne an Witzen über Menschen aus einer bestimmten Region Deutschlands eigentlich nur Ostfriesenwitze.
Ostfriesen, Bayern, Franken(-witze in Bayern), Preussen (in Bayern und Franken), Schwaben (in vielen südlichen Teilen Deutschlands) fallen mir mal als witz-stigmatisierte Gruppen ein, denen ich persönlich schon begegnet bin.
Oh... das war jetzt erstaunlich langweilig.
Finde ich überhaupt nicht. Ich würde mal sagen „schön den Spiegel vorgehalten“ - dumm nur, dass keiner reinschauen wird. In den letzten 30 Jahren war die Bereitschaft ja auch gering.
Wir machen immer wieder denselben Fehler. Kurz zuhören, dann glauben, wir hätten verstanden, und dann ein Milliarden-Programm auflegen. In einer gesunden Gesellschaft werden die Dinge nicht mit Geld geregelt.
Puhhh, die Dame scheint echt frustriert und mit geringem Selbstbewusstsein geschlagen zu sein.
"Puhhh, die Dame scheint echt frustriert und mit geringem Selbstbewusstsein geschlagen zu sein."
Hmm, könnte man annehmen. Bin ich eigentlich ein echter anständiger Wessi, wenn ich keinen einzigen Ossi-Witz kenne? Weil "Ossiwitze gehörten im Westen zum guten Ton.", also habe ich wohl keinen guten Ton.
Merke: wenn man auf Verallgemeinerung mit Verallgemeinerung antwortet, hat man leider das Thema schon verfehlt.
Es ist immer wieder lustig, in Ossiland Opfer eines Schwabenwitzes zu werden.
Ich bin nämlich herkunftsmässig Badener und die Schwaben sitzen wohlgemerkt (wohltuend?) auf der anderen Seite des Waldes. Der Blitz schlägt also in der falschen Landsmannschaft ein.
In Wessiland ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Schwabenwitzes zu werden, übrigens deutlich grösser. Und die Witze dort sind deutlich gröber. Die Herablassung übrigens auch. Besonders in Nord-Wessiland.
Natürlich gehen diese Witze allesamt darauf hinaus, dass ich als Süddeutscher allzu langsam rede, oder Dinge langsam oder gar nicht begreife. Nun könnte man (in resultierendem, exil-süddeutschem Ingrimm) hinzufügen, dass die Menschen im Norden eher schneller reden, aber weniger sagen, aber das möchte ich hier nicht tun.
Können wir nicht einfach einmal anfangen, einander zu achten?
Ja, ja, über Baden lacht die Sonne und über Schwaben die ganze Welt. Den badischen Humor werde ich nie verstehen.
Es gibt eben Badische und Unsymbadische! ^^
"Es ist immer wieder lustig, in Ossiland Opfer eines Schwabenwitzes zu werden. Ich bin nämlich herkunftsmässig Badener..."
Wäre das nicht schon justiziabel, einen Badener für einen Schwaben zu halten? Ich kann nachfühlen, was da in Ihnen abläuft, weil ich als Niederbayer nördlich des Mains und westlich des Lechs regelmäßig für einen Österreicher gehalten werde ...;-))
Ihr Schlusssatz ist mein persönliches Wort zum Sonntag. Ich bin dabei
"...Den badischen Humor werde ich nie verstehen...."
Man brauchte dazu auch - sagen wir mal - eine besondere Art der Intelligenz und Auffassungsgabe. Was nicht jedem gegeben ist. Die Badener tragen es mit Humor :-)
Ich finde, für einen Badenser schreiben Sie doch ein ganz manierliches Hochdeutsch! :)
Durch Ihre Verallgemeinerungen wird es wohl auch nicht besser...
Man wird nicht Opfer eines Witzes. Man lacht nur über Sie. Das ist weit weg von Opfer und Mißachtung sehe ich jetzt auch nicht in Witzen über die Herkunft. Witze sind Geschmackssache und ob sie Witze bleiben oder die Intention verfolgen zu verletzten, hängt davon ab, wo man sie erzählt, wie sie erzählt werden und ob man dann schlussendlich gemeinsam darüber lacht. Humor ist eine soziologisch verflixt komplexe Sache, wenn man einen Stock im Arsch hat. Er wird dann sogar interdisziplinär, wenn man sich rechtfertigen muss. Aber manchmal ist der Witz aber auch gar nicht lustig. Dann wird die Sache erst recht kompliziert.
Ich (Ossi) höre mir natürlich immer sehr gespannt Ossiwitze an. Ich ziehe daraus keine Rückschlüsse auf mich oder den Erzähler. Ein Witz ist ein Witz ist ein Witz ist ein Witz. Zonengabi ist damals witzig gewesen und ist es heute auch noch. Finde ich jedenfalls.
Apropos Zonengabi:
https://www.sueddeutsche.de/…
Danke, schöner Artikel über das "making of" des Titanic-Covers
Stimmt, ich dachte auch immer, Elbfiassler radebrechen eher... (ist jetzt nicht wirklich ernst gemeint). Als Schwäbin achte ich die Badener durchaus und habe viele badische und alemannische Freunde. Ich lebe schon lange nicht mehr in BaWü, aber trotzdem oder vielleicht deshalb macht es mir immer wieder Spaß, "Schaukämpfe" mit Badenern zu führen, denen ich hier begegne. Dann holen wir die gesammelten Werke an Vorurteilen und Platitüden aus der Schublade, werfen sie uns um die Ohren und lachen uns schlapp dabei. Man kann nämlich sehr gut miteinander übereinander lachen.
Die Elsässern, welche in ihrem Staat auch nicht immer als vollwertige Franzosen angesehen werden, erklären pauschal ALLE Deutschen (was die in der unmitelbaren Nachbarschaft lebenden Badener besonders fuchsen dürfte) zu "Schwoowe".
" Stimmt, ich dachte auch immer, Elbfiassler radebrechen eher... "
Was sind Elbfiassler?
“Zonengabi“ ist tatsächlich komplett an mir vorbei gegangen.
Wohne als Schwabe in Baden und denke mir oft: Der einzige Unterschied ist eigentlich der, dass der Badener beim Sparen besser drauf ist.
Ossiwitze find ich jetzt nicht mehr so verbreitet, wenn man vom Sachsenwitz absieht. Der zielt ja aber meist auf den Dialekt ab. Und da müssen auch Schwaben und andere ein dickes Fell haben.
Ich bin da ziemlich schmerzbefreit. Einfach einen guten Gegenwitz bringen.
Das Elsässische ist wirklich ein super Dialekt. Für Badenser dürfte das die Höchststrafe sein, so tituliert zu werden. :-)
Bin seit neuestem eh dafür, dass Merkel das Elsass kaufen lässt!
"Die Elsässern, welche in ihrem Staat auch nicht immer als vollwertige Franzosen angesehen werden, erklären pauschal ALLE Deutschen (was die in der unmitelbaren Nachbarschaft lebenden Badener besonders fuchsen dürfte) zu "Schwoowe"."
Oh, das grenzt aber schon an Rassenhass und Erbfeind und so ...;-))
"...Für Badenser dürfte das die Höchststrafe sein, so tituliert zu werden..."
Für Badener ist eine der möglichen Höchststrafen, als Badenser tituliert zu werden ...
„Für Badener ist eine der möglichen Höchststrafen, als Badenser tituliert zu werden.“
Man sagt ja auch nicht „Frankfurtser“.
In der Pfalz, wo ich meine Kindheit und Jugend verbrachte, wurden sie (die Badener) meist "Gäälfießler" genannt. Ich weiß nicht, ob es eine Verbindung zum (Württemberger) Gelbfüßler aus "Die 7 Schwaben" gibt, jedoch gibt Ludwig Bechstein in seiner Version des Schwanks eine sehr launige Herkunftserklärung:
"Der Gelbfüßler endlich war aus der Bopfinger Landschaft, deren Einwohner einstmals einen Wagen voll Eier, die sie ihrem Herzog als Abgabe bringen mussten, recht voll stampfen wollten und die Eier mit den Füßen festtraten, davon denn die Eier ETWAS zerbrochen waren und die Füße der Bopfinger gegilbt hatten.
Übrigens hat das Badische - believe it or not - tatsächlich mal zum Schwabenland, genauer gesagt zum Schwäbischen Reichskreis, gehört. Das war lange bevor die spätere Residenz- und (gewesene) Hauptstadt Karlsruhe sowie die Kurpfälzische, heute badische Quadratestadt Monnem ÄH Mannheim gegründet wurden. https://de.wikipedia.org/wik…
https://de.wikipedia.org/wik…
Mir sinn halt die, wo bled schwätze un deshalb schon a bissel bled sei müsse. Un weiter? Geld hen mir me wie die do obbe. Von nix, kommt ebe nix. So sieht's aus.
Als Schwabe in Baden zu leben, muss in etwa so sein wie als Deutscher in den Niederlanden. Man lebt unter einer Lokalbevölkerung, die für sich Toleranz und Offenheit gegenüber jedermann in Anspruch nimmt, nur nicht gegenüber ihren (großen) Nachbarn im Osten.
In der Tat, wenn man als Niederbayer in den Stuttgarter Raum kommt, meinen die Leute man stammt aus Österreich. Und in der Schweiz das selbe Spiel :)
absolut richtig, man wird den humor vlt verstehen, wenn man sich mit psychoanalyse beschäftigt, hat also nichts mit verstand zu tun. eines kann ich sagen : schwabenwize sind durchaus tiefsinnig (willi reichert).
was allerdings badener oft von sich geben ist an bösartigkeit und arroganz nicht mehr zu übertreffen.
ich sagte ja schon, dass es mit intelligenz nicht zu tun hat.
allerdings sind die badener ein riesiger spass für jeden psychoanalytiker.
Deswegen habe ich das Wort "Badenser" verwendet ;-)
Mittlerweile dürfte sowohl den Badenern als auch den Schwaben klar sein, dass man einander braucht, wenn man als Bundesland Baden -Württemberg überleben will. Eine Teilung in Baden und Württemberg wäre wirtschaftlich nicht vertretbar.
Daher beschränkt sich die Intoleranz in meinen Augen auf's Frotzeln.
"...Übrigens hat das Badische - believe it or not - tatsächlich mal zum Schwabenland, genauer gesagt zum Schwäbischen Reichskreis, gehört. ..."
Selbstverständlich und ein Gutteil war auch österreichisch (wenn man diesen völlig ahistorischen Begriff in diesem Zusammenhang verwenden will). Ein traditionsbewusster Badener würde das ja nicht tun, aber der eher schlampige Rest vereinnahmt dann auch ehemals bayerische Kerngebiete nach Baden.
Ich kann mich noch gut dran erinnern, wie mir eine Bäuerin in der Gegend von Markdorf am Bodensee mal erklärt hat, dass ihr Hof in Baden liegt und wo genau hinter ihrem Hof mal die Grenze des Großherzogtums Baden (bzw früher des Hochstifts Konstanz) verlief ...
"Was sind Elbfiassler?"
Sorry, mal wieder ein Tippfehler. Es sollte "Gelbfiassler" heissen, auf hochdeutsch "Gelbfüssler. Eine eher despektierlich gemeinte schwäbische Bezeichnung für Badener (kommt von der gelben Fussbekleidung badischer Soldaten früher).
"Man sagt ja auch nicht „Frankfurtser“."
Genau so geht es. Das ist der perfekte "Gegenwitz" (vgl. Till Eulenspiegel), um jedem den Wind aus den Segeln zu nehmen, und alles ist geklärt, keiner muss beleidigt sein.
"Daher beschränkt sich die Intoleranz in meinen Augen auf's Frotzeln."
So ist es. Meiner persönlichen Erfahrung nach bewegen sich die Schwaben-Baden-Erbfeind-Sprüche heutzutage vorwiegend auf dem Gebiet der Frotzelei und des Herumalberns.
"So ist es. Meiner persönlichen Erfahrung nach bewegen sich die Schwaben-Baden-Erbfeind-Sprüche heutzutage vorwiegend auf dem Gebiet der Frotzelei und des Herumalberns."
Und falls das doch nicht der Fall sein sollte (d.h. der Witzeerzähler würde irgendeine ernst gemeinte Bedeutung damit verbinden), spricht das weniger für die Existenz eines echten Problems als für die bekannte Tatsache, dass es halt auch Menschen gibt, die schlichtweg dumm sind.
Gottes größte Gabe ist immernoch der Schwabe.
Ach Gott - die Gelbfüße jetzt auch....
Gelbfüssler kommt wohl von den Uniformen der badischen Husaren (1790) und der Leibgarde zu Zeiten Napoleons bis 1871 . Die hatten nämlich schreigelbe Hosen und waren militärisch ziemlich erfolglos.
Ob letzteres an der aus den Hosen folgenden, schlechten Tarnung oder an der allgemeinen Abneigung gegen kriegerischen Raufhändel in Baden liegt, sei dahingestellt.