Während ich so ging und ging, mehr hatschte als flanierte, schief und gedrückt, mit verglimmenden Zigaretten zwischen meinen Lippen und einem Rucksack, der mir so schwer wurde, dass ich ihn gern abgestellt hätte, sah ich lauter schwarz-weiße Bilder vor meinen Augen: mein Großvater versteckt in einem Dorf bei München, zitternd in einem Luftschutzkeller in Frankfurt, als Bub, in Lederhosen und Trachtenjanker, mit seiner Familie an einem oberbayerischen See. Aber vor allem sah ich Bilder, die ich tatsächlich gesehen habe: Münchner, Männer wie Frauen, wie sie ihre Stadt wiederaufbauen, und das ganze folkloristisch "Ramma damma" nannten, gerade so, als hätten sie mit der Zerstörung ihrer Stadt nichts zu tun. Als wären die Bomben aus einem Nichts auf sie und ihre Stadt gefallen und nicht Resultat ihres Wahnsinns gewesen. Ich sehe die Bilder ganz genau vor mir: die Mannsbilder immer noch mit kurzen Rotzbremsbärten über ihren Oberlippen; die Weiber, mit einer vom Führer ausgezeichneten Kinderschar im Schlepptau; die Journalisten, die diese Zeit als "Stunde null" deklarierten und mitbauten an dem Mythos, der das ganze Land erlösen sollte von Verbrechen, die fast alle bejubelt hatten, verstanden, für gerechtfertigt hielten und von denen sie plötzlich nichts mehr wissen wollten. Dieser nicht enden wollende Weg in mein Daheim war ähnlich scheußlich wie meine Erkenntnis, damals noch als Kind, dass meine Nachbarn, Lehrer, Supermarktverkäufer und Postboten alle mitverantwortlich waren für eine Monstrosität, in die ich mich als junges Mädchen hineinlas und die alles sprengte, was ich mir vorstellen konnte.

Aber wie muss das gewesen sein für meinen Großvater? Er brauchte keine Bücher, er hatte damals die aktuelle Tagespresse, er musste Nachrichten bekommen haben, von den Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen, die ihm der deutsche Hass auf Juden nahm. Er musste gewusst haben – wie alle anderen, auch wenn sie später vorgegeben hatten, dies niemals gewusst zu haben –, dass seine Familie erschlagen, vertrieben und ermordet wurde; dass er, wenn er in den Himmel schaute, vielleicht eine Wolke sah, in der die Reste seiner Familie hinfort zogen.

Was muss das für eine herzzersplitternde Traurigkeit gewesen sein? Und was für eine Unerträglichkeit, mit den Menschen, die ihm ans Leben wollten und seiner Familie ans Leben gegangen ist, post-1945 zusammengearbeitet zu haben? Was ging ihm durch den Kopf, wenn er bei ehemaligen Parteigenossen Semmeln kaufte, ein ehemaliger SSler seine Tram-Bahnkarte abzwickte oder ein Portier ihn fröhlich mit "Guten Morgen, Herr Lembke!" begrüßte, der wenige Jahre zuvor "Kauft nicht bei Juden!" auf Schaufenster gepinselt hatte?

Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht. Was ich aber weiß, ist, dass in München wieder vor Juden ausgespuckt wird, dass sie angespuckt werden und auf ihre Häuser "Judensterne" geschmiert werden. Was ich weiß, ist mein Schmerz um die Familie, die ich nie kennen gelernt habe. Was ich weiß, ist mein Entsetzen, meine Wut und mein Zorn auf die Menschen damals und auf die Menschen heute. Was ich auch weiß, ist, dass, hätte ich die Möglichkeit dazu, ich meinen Großvater so gern in den Arm nehmen und sein Herz an meines drücken würde. In der Hoffnung, dass meines das seine ein wenig trösten könnte über diese untröstliche Zeit. Und dass er spüren würde und könnte, dass ich alles dafür gebe, dass kein Großvater auf der Welt sich mehr retten muss in ein Schweigen über das Unaussprechliche. Sondern dass er, wie alle anderen Großväter auch, seinen Schmerz in die Welt hinausbrüllen hätte dürfen.

Und dass ich – da er es heute so wenig kann wie damals – für ihn brüllen werde, in dieser Stadt, in diesem Land wie in allen anderen Städten und Ländern der Welt.