Reisen sind ein schwieriges Terrain. Auch wenn man es nicht gern zugibt, misslingen sie oft, und statt dass man animiert, erfüllt zurückkehrt, holpert die enttäuschte Seele den geschundenen Füßen hinterher. Vielleicht machen wir uns deswegen so oft auf den Weg: damit wir das Reiseglück vielleicht diesmal erhaschen. Und trotten dann zumeist doch nur durch unbekannte Gegenden, allbekannte Städte.

Mit Trauer und Licht von Maike Albath reist es sich dagegen gut, über die Meerenge nach Sizilien, zusammen mit Elio Vittorini, den die Sizilianer auf der Fähre als Ausgewanderten und Zurückgekehrten erkennen; er frühstückt mit Appetit, nachdem er im Schlaf, im Dämmerlicht, Berge und Ortschaften mit geheimnisvollen Namen passiert hat. Warum ist Vittorini zurückgekehrt, warum überhaupt weggegangen? Um sich, schreibt Albath, von seiner Unruhe und zerstörerischen Wut zu kurieren. Auf einer Insel, die ihrerseits voller Unruhe und zerstörerischer Wut ist, voller Sehnsucht und wildem Aufruhr, voll hochfahrendem Geltungswillen, vor allem aber unfähig, wirklich etwas zu verändern. 

Katharina Hacker, geboren 1967 in Frankfurt am Main, studierte Philosophie und Judaistik in Freiburg und Jerusalem. Für ihren Roman "Die Habenichtse" wurde sie 2006 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Sie lebt als freie Autorin in Berlin und ist Gastautorin von "10nach8". © Arne Dedert/​dpa

Albaths Tour beginnt in Palermo mit Tomasi di Lampedusa und endet mit Andrea Camilleri, der diesen Sommer starb, mit seinem Roman über eine Königin, die nach dem Tod ihres Mannes etwas Gutes in die Wege zu leiten sucht: Eleonora di Mora, deren nur einen Monat währende Macht Camilleri in Die Revolution des Mondes schildert. Und ganz zum Ende des Buchs finden wir, was bleibt: der Verlag Sellerio, gegründet von Elvira Sellerio, in dem unter anderen Camilleri veröffentlichte. 

Es ist eine lange und langsame Reise. Tomasi di Lampedusas Palermo, die Stadtviertel, Palazzi und Menschen werden, wie vieles in diesem Buch, anhand von Gesprächen geschildert, oft mit Verwandten der Schriftsteller, manchmal mit Historikern. Dabei ist Albath nicht indiskret, nur neugierig und voller Vergnügen am Erzählten. Sie nimmt die Perspektive einer angereisten Verwandten ein, um wunderliche Liebesverhältnisse und andere Konstellationen zu beschreiben. Am nächsten aber rücken ihr nicht die persönlichen, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse. 

Warum ist Sizilien, wie es ist? Warum diese starrköpfig anmutende Beharrlichkeit auf dem Schlechten? Warum, bei aller Gabe, Geschichte, Fantasie, so wenig Aufbruch ins Neue? Warum der Gehorsam und die Angst den Mächtigen gegenüber? Woher die Skrupellosigkeit der Besitzenden?

Und woher kommt es, dass diese Insel so oft Anstoß gibt für Neuerungen der Literatur, dass sie selbst das Allerbeste hervorbringt?

Die beiden Zufälle, die Tomasi di Lampedusa zum Schreiben brachten, sind wohl typisch für die Literatur Siziliens: Heirat mit einer – wiewohl nahen – Fremden und ein bis zur Zerrissenheit offenes Leben in England, Lettland, auf Reisen, bis zur Rückkehr. Und die Lesung eines Cousins in San Pellegrino, im Norden Italiens, bei einem der ersten öffentlichen Schriftstellertreffen, das vermutlich den Anstoß gab, selbst zu schreiben. Dazu unbedingte Liebe, die eine Form des Gedächtnisses auch da ist, wo der heimatliche Palazzo mitsamt Möbeln, Büchern, Geschichte und vermutlich Tischwäsche für unzählige Gäste zerstört ist. La Roba, die Albath öfter erwähnt, die Gegenstände, der Besitz, das Beharrliche, spielen eine große Rolle im Sinne der Besitz-, also Machtverhältnisse, wie ein Speicher des Vergangenen, als Gefäß liebender Erinnerung und Sehnsucht. Die Sinne, Auge, Gehör und Geschmack, sind ihre Agenten.

Die Fanfare zur Veränderung, nämlich Garibaldis Landung in Sizilien, rüttelte alle auf, schreibt Albath. Die Ankunft seiner Truppen, die Einigung Italiens spielte für viele Autoren eine große Rolle. Das Leben, wie es die adeligen Familien geführt hatten, endete, vorbei der Glanz, vorüber der Müßiggang. Vergangen all das, was keinen anderen Sinn hatte, als schön zu sein, geistig oder luxuriös. Anders als befürchtet oder erhofft, folgte jedoch bloß eine Verschiebung der Besitzverhältnisse, keine Veränderung der Gesellschaft. 

Maike Albath: "Trauer und Licht – Lampedusa, Sciascia, Camilleri und die Literatur Siziliens" © Berenberg Verlag

In Tomasi di Lampedusas Leopard, schreibt Albath, entspinnt sich die Geschichte an einer Liebe, einem Begehren nach dem, was frischer ist als das eigene Herkommen. Der Neffe des Fürsten, Tancredi, verliebt sich in die Tochter des gerissenen Bürgermeisters. Obwohl es der eigenen Tochter das Herz bricht, sympathisiert der Fürst mit Tancredis Aufbruch, seinem Ehrgeiz – nicht zuletzt in der Hoffnung, selbst ungeschorenen davonzukommen. Wahrscheinlich hat Tomasi di Lampedusa selbst Ungewöhnliches unternommen: Mit einer Psychoanalytikerin heiratete er eine, die das Erinnern ernst nahm, wie eine Lebensmöglichkeit, die einzige, die bleibt, wo die Zerstörung das Heft in die Hand nimmt.