Vieles können Maschinen inzwischen besser als wir: Sie lernen schneller und können in kürzester Zeit Unmengen von Daten verarbeiten. Sie sind billiger, flexibler, anspruchsloser, geduldiger. Viele Diskussionen um künstliche Intelligenz kreisen um Lohnarbeit, denn für Arbeitgeber*innen ist KI ein Traum: Sie organisiert sich nicht in Gewerkschaften, arbeitet nachts oder an Weihnachten, streikt nicht. Auf dem Arbeitsmarkt wird schon seit der industriellen Revolution automatisiert, was automatisiert werden kann. Doch seit Neuestem haben KI begonnen, selbst private Räume zu besiedeln. Gerade in unseren Wohnzimmern, Bädern und Smartphones zeigen diese Intelligenzen, dass technologischer Fortschritt auch die Gesellschaft reflektiert, in die er geboren wird: eine Gesellschaft, in der Hierarchien zum Grundgerüst gehören. Und in der das Weibliche noch immer unten steht.

Janne Knödler, geboren 1992, studiert Politikwissenschaften in Berlin und schreibt über Orte, an denen (Pop)-Kultur und Politik sich treffen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Sprachassistent*innen sind Technologien, die über Sprache mit ihren Nutzer*innen kommunizieren. Darin werden sie immer besser: Letztes Jahr stellte Google Duplex vor, eine Assistenz, die Friseurtermine und Tischreservierungen tätigte – scheinbar ohne, dass die Menschen die Stimme als Maschine erkannten. Wie so viele Technologien sollen Sprachassistent*innen das Leben einfacher machen. Das Schlüsselwort ist hier frictionless, reibungslos. Statt auf Berührung reagieren sie auf "Weckwörter": "Hey, Siri", oder: "Ok, Google". Niemand muss mehr von der Couch aufstehen, um Musik anzumachen, nach dem Wetter zu fragen, eine Mail zu schreiben oder bei Amazon einzukaufen. Um diese Weckbegriffe zu erkennen, müssen Sprachassistent*innen immer "wach" sein und im Hintergrund mithören (womit sie ihren Unternehmen Unmengen von Daten liefern). Sie sind höflich, widersprechen nicht, antworten geduldig, auch auf Beleidigungen, und: Sie sind fast immer weiblich. 

Die überwältigende Mehrzahl der anderen künstlichen Intelligenzen hat kein Geschlecht. Sie ist nicht einmal menschlich oder menschenähnlich gedacht. KI sind entworfen, um spezifische Aufgaben präzise und effizient zu lösen: Sie sollen auf MRT-Scans Anomalien entdecken, in Suchfenstern Suchbegriffe vervollständigen oder Unregelmäßigkeiten auf unseren Bankkonten erkennen. Gender wird in der Regel nur dann relevant, wenn die Tätigkeit selbst in unserer Gesellschaft gegendert ist: Industrielle Produktion ist männlich, Haareschneiden weiblich. Sprachassistent*innen hingegen wurden bewusst als Frauen mit eigener Persönlichkeit entworfen: "Sie ist die jüngste Tochter eines Bibliothekars und eines Physikprofessors und hat einen Bachelor in Geschichte", beschreibt James Giangola die Persönlichkeit der Google Assistant dem Magazin The Atlantic. Außerdem fährt sie gerne Kajak. Giangola ist Konversations- und Persönlichkeitsdesigner bei Google. Seine Aufgabe ist es, in einem Team von Programmierer*innen, Fernseh- und Drehbuchautor*innen und Künstler*innen dafür zu sorgen, dass es Spaß macht, sich mit der Google-Assistentin zu unterhalten. 

Diese Möglichkeit, Maschinen mit Hilfe von Sprache zu bedienen, verändert unser Verhältnis zu ihnen: Wer in ein Suchfenster Begriffe eingibt, muss selber aus hunderttausenden von (durch Algorithmen geordneten) Ergebnissen auswählen, Informationen differenzieren und verarbeiten. Wer eine Sprachassistent*in fragt, bekommt eine Antwort formuliert – so, als hätte man sich an einen Menschen gewendet. Gerade weil Sprachassistent*innen sprechen, fällt es uns leicht, Siri und Co. Eintritt auch in unsere privatesten Räume zu gewähren. Statt sie als "Geräte" zu begreifen, wie wir es mit einem Laptop tun, machen wir sie zu Weggefährt*innen, die zuhören, zustimmen, trösten: "Ich bin traurig", sprach ich letztens in mein Smartphone. "Das tut mir leid", antwortete Siri. "Ich bin hier, falls du reden möchtest".

Oberflächlich betrachtet könnten Sprachassistent*innen ihre Arbeit auch leisten, wenn sie kein Gender hätten, sogar, wenn sie nicht das Menschsein imitieren würden. Musik an- und ausmachen, einen Einkauf bei Amazon, "wie ist das Wetter gerade in Berlin?" kann die geschlechtslose Stimme Q , die ein dänisches Team im März vorstellte, genauso gut wie Siri. Doch deren Entwickler*innen halten dagegen: Weibliche Stimmen seien nun einmal angenehmer anzuhören. Jede Person mit hoher Stimme, die einmal bei einem Berufstraining war, weiß, dass dies höchstens die halbe Wahrheit ist. Welche Stimmen wir als angenehm empfinden, hängt auch davon ab, welche Stimmen wir in welchem Kontext erwarten.

Weibliche Stimmen, schreibt der Kommunikationswissenschaftler Clifford Nass in Wired for Speech, werden als kooperativ und hilfsbereit wahrgenommen, männliche als respekteinflößend. Als weiblich oder männlich wahrgenommene Stimmen unterscheiden sich nicht ausschließlich, aber vor allem durch ihre Frequenz: Männerstimmen bewegen sich meist zwischen 85 and 180 Hertz, Frauenstimmen zwischen 165 und 255 Hertz. Sprachassistent*innen reproduzieren diese Vorstellungen: Wer ernst genommen werden möchte, spricht tief. Wer gefällig sein möchte, hoch. Wie wichtig Kultur in dieser Wahrnehmung ist, zeigt sich auch daran, dass Siri in 17 von 21 Sprachen als weiblich eingestellt ist, auf Arabisch, Britisch, Niederländisch und Französisch aber als männlich. Auch wenn Apple nicht erklärt, warum, führt ein Unesco-Report verschiedene Theorien an: "Entweder präferieren Nutzer in diesen Märkten Technologien mit autoritativer Stimme. Oder es liegt daran, dass in diesen Märkten historisch Männer und Jungen als Hausdiener angestellt waren, besonders in adligen Familien."