Von den schwachen Momenten bekommt hier keiner was mit. Hier ist Glanz, hier ist Soße, hier sind Dekokirschen, die ich mir sachte in den unersättlichen Mund gleiten lasse. Ich will mehr, und dafür wird auch mehr gegeben. Auf dem Papier bin ich Schauspielerin, Autorin, Filmemacherin, Kuratorin und Mutter von vier Kindern. In echt bin ich ein Wrack. Aber die Fassade hält. Der bröckelnde Putz wird mit Haarlack fixiert, mit Glitzer bestäubt und auf Instagram gepostet. Wir sind alle noch da. Wir alle drehen uns aufrecht im Kreis um uns selbst. Bis einer umfällt, den wir dann mit unseren Lackschuhen unters Tischtuch schieben.

Die Probleme der anderen wollen wir nicht hören; wir haben selbst genug. Die anderen sollen verlässlich, vertrauenswürdig, strukturiert und liebenswert sein. Unsere Schwächen kaschieren, uns unter dem Mantel ihrer Stärke durchschmuggeln, uns tragen. Im Fahrwasser ihrer Sicherheit können wir uns vielleicht kurz gehen lassen.

Manchmal streue ich einen Hauch Ehrlichkeit über die Performance. Wenn jemand fragt: "Wie machst du das? Wie bekommst du alles unter einen Hut?", dann will er eins ganz sicher nicht hören, nämlich die Wahrheit: Ich habe blutige Blasen unter den feinen Riemchen meiner Schuhe. Das Outfit, das ich trage, ist geliehen. Ich könnte es mir niemals leisten. Ich habe meine Kinder angebrüllt, um pünktlich zu sein. Mein Arbeitstag bestand heute erneut nur aus Absagen. Zu Hause erwartet mich die Ehekrise. Stattdessen sage ich nur: "Ich mache eben alles nicht perfekt. Ich bin nachlässig, hause in Unordnung und verzichte auf Sport." Dann wird gelacht. Fehler werden prinzipiell verlacht. Aber natürlich sind sie nur die Spitze des Eisbergs. Eine kontrollierbare Spitze. Der Klecks, der einen menschlich macht. Der geplante Fehler. Der Schönheitsfleck.

Es gibt Schauspieler, die kämpfen mit Nervosität vor einem Casting. Ich kämpfe drei Tage lang mit all meinen Körperfunktionen. Ich wache stündlich auf, schweißgebadet. Ich stehe auf und muss mich übergeben. Es folgen Atemnot, Bauchgrummeln, Zittern und Heulkrämpfe. Und dann kommt die Angst dazu, dass erst die Versagensangst mich zur Versagerin macht. Ich träume von Valium. Man könnte es Panikattacke nennen. Mache ich natürlich nicht. So weit kommt's noch. Sogar vor sich selbst muss man den Schein wahren.

Vor dem Eingang zum Casting-Studio werden meine Beine taub und können keinen Schritt mehr tun. Mir wird schwarz vor Augen. Aus dem tiefen Schwarz entsteht ein dumpf-piepsender Sound in meinem linken Ohr, der droht, mich ohnmächtig zu surren. Ich versuche, zu atmen, aber meine Lunge hat vergessen, wie das geht.

Wen soll ich jetzt anrufen? Meine Mutter, meine Agentin, einen Freund, einen Kollegen, eine Mitarbeiterin, meinen Mann? Alle schicken SMS und Liebe. Alle sagen: "Komm klar. Du bist toll. Davon hängt nicht dein ganzes Leben ab. Du bist auch wertvoll, wenn du diesen Job nicht bekommst." Alle lügen! Ich bin eine arme Wurst mit Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Trotzdem gehe ich rein. Blicke mich um wie ein verängstigtes Wildtier und funktioniere auf Autopilot.