Für seinen Facebook-Kommentar unter einer Nachrichtenmeldung zum Tod des Bankers und Sexualstraftäters Jeffrey Epstein kassiert Steffen H. Dutzende Likes, Herzchen und Lachreaktionen. "Wenn Sie überrascht waren von Epsteins Suizid, was glauben Sie, wie überrascht ER war." So was kommt an in diesen Zeiten und solchen Netzwerken. Und als Thomas K. anfügt, die Trumps und Clintons dürften wohl vor Epstein von seinem Freitod gewusst haben, da fehlt zum perfekten konspirativen Dialog eigentlich nur noch der Hinweis auf die Unglaubwürdigkeit unvorhersehbarer Ereignisse. Den liefert Thomas K. dann noch selbst: "Zufälle gibt’s …" Und immer seien die Kameras kaputt, schreibt ein weiterer Nutzer. Zwinker, zwinker.

Die Leiche ist noch kaum erkaltet, da wuchern im Netz bereits die Gewissheiten:

1.     Der Selbstmord war keiner.

2.     Die Hintermänner der Tat sind zweifelsfrei bekannt (und mächtig).

3.     Alles andere sind Vertuschungsversuche (der mächtigen Hintermänner).

Jeffrey Epstein ist tot. Das wissen wir. Sonst wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht mal so viel. Abgesehen von der Tatsache, dass im Internet die Verschwörungstheoretiker heißlaufen. Steffen H. und Thomas K. sind nicht allein. Es brodelt.

Am Todesfall Epstein manifestiert sich so zum wiederholten Mal das verschwörungstheoretische Potenzial der weltweiten Vernetzung. Wir beobachten einen stets aufs Neue wiederkehrenden Ablauf:

1.     Ein Ereignis X findet statt.

2.     Ereignis X wird durch mediale Berichterstattung in die Öffentlichkeit getragen.

3.     Vermeintlich kritische Wirklichkeitswahrnehmer setzen in einem Akt simultaner Ungläubigkeit ihre Sherlock-Holmes-Hüte auf und raunen im Chor: "Moment mal! Da stimmt doch was nicht! Die belügen uns! Hier, auch der Autor dieses Textes: Er schreibt Todesfall, nicht Suizid! Was weiß er???"

Äußerungen wie die von Steffen H. und Thomas K. sind nicht weniger als ein Symptom für die Erosion der Glaubwürdigkeit im digitalen Zeitalter. Die Lügenpresse-Schreihälse hierzulande, der alle paar Tage "Fake-News!" twitternde US-Präsident dort. Sie alle sind vereint in ihrer "Halt! Stopp! Die Dinge sind ganz anders, als sie scheinen!"-Mentalität. Es fehlt ihnen dabei nicht an Selbstbewusstsein oder an Selbstgewissheit. Keineswegs. Stattdessen fehlen ihnen Beweise für ihre Behauptungen. Dass alles in Wahrheit ganz anders ist, belegen sie nur über (scheinbare) Plausibilitäten.

Natürlich ist das unverschämt! Wer eine Aussage in den Raum stellt, muss liefern. Argumente. Belege. Beweise. So war es jedenfalls früher. Heute, in der Epoche des Antifaktischen, gelten Belege und Beweise nicht etwa als abgewertet (schon das wäre schlimm genug), nein, oft sind sie schlichtweg schnurzpiepegal. Man braucht sie nicht im Diskurs. Der Konspirationist, der sich selbst natürlich "Wahrheitssucher" nennt oder "kritischer Geist", befindet sich in der bequemen Lage, dass allein durch die Unterstellung böser Absichten ein Aha- oder auch ein Ja-klar-Effekt bei seinen Mitmenschen entsteht. Bei solchen Mitmenschen jedenfalls, die auch kritische Geister sein möchten, aber auf seriöse (und mühsame) Verfahrensweisen von Wissenschaft, Forschung oder investigativem Journalismus pfeifen.