Die Geschichte von den Amerikanern und ihren Waffen ist eigentlich auch in den deutschen Medien schon erschöpfend häufig erzählt worden. Wir kennen das Format: Irgendwelche stolzen Waffenbesitzer in Nebraska oder Oregon werden interviewt und posieren mit Flaggen und Sturmgewehren für das textbegleitende Foto. Die Waffenbesitzer erzählen von Freiheit, der Autor verweist auf die staatsskeptische Grundeinstellung der Waffennarren. Gewiss, die Massaker werden nicht verschwiegen, der schnöde Kommerz, die National Rifle Association (NRA), all das kommt vor.

Und doch zeigen die Geschehnisse der vergangenen Tage – die Anschläge in El Paso und Dayton und zuvor in Gilroy –, dass diese Geschichte, so oft sie auch erzählt worden ist, schlicht nicht die volle Wahrheit umfasst.

Denn es geht nicht um "die" Amerikaner und ihre Waffen. Es stimmt, es gibt ungefähr 400 Millionen Feuerwaffen in den USA, rund 40 Prozent der überhaupt in der Welt existierenden Pistolen, Gewehre und Maschinenpistolen werden hier gebunkert, von Privatleuten.

Doch die Zahl der Waffenbesitzerinnen und Waffenbesitzer in den USA nimmt ab. Genaue Zahlen fehlen (die Regierung darf sie nicht erheben), aber ungefähr ein Drittel der US-Bürger dürften bewaffnet sein, 30 Prozent gaben gegenüber dem Forschungsinstitut Pew Research an, eine Schusswaffe zu besitzen. In den Siebzigerjahren war es noch die Hälfte der Amerikaner. Laut Pew Research besitzen wiederum 29 Prozent der Waffenbesitzer fünf oder mehr Schusswaffen. Es geht also um eine kleiner werdende Gruppe von Amerikanern, die zunehmend absurdere Arsenale anhäufen.

Der Waffennarr als Beschützer

Schusswaffen gestatten etwa weißen Männern, sich angesichts abnehmender gesellschaftlicher Bedeutung "als relevant, als nützliche Beschützer" zu inszenieren (ihrer Familie, der Allgemeinheit, aber auch ihrer selbst), wie die Soziologin Jennifer Carlson schreibt, die an der University of Arizona lehrt und insbesondere zu Besitz und Gebrauch von Waffen in den USA forscht. Statistische Wahrscheinlichkeiten aber widersprechen dieser Inszenierung, so Carlson: Verheiratete Männer besitzen demnach überdurchschnittlich häufig Schusswaffen, werden aber im Gegensatz zu alleinstehenden Männern unterdurchschnittlich häufig Opfer eines Verbrechens.

Für andere Amerikaner ist der Besitz einer Waffe keine identitätsstiftende Trotzreaktion, sondern eher ein verzweifelter Teufelspakt. Für Afroamerikaner etwa, die wissen, wie leicht der Griff zur Waffe für sie selbst zum Todesurteil werden kann; die aber ebenso wissen, dass sie sich im Fall, dass sie Opfer eines Verbrechens werden, oft nicht auf die Polizei verlassen können. Oder für Frauen, die ahnen, dass die Waffe, mit der sie sich etwa vor ihrem eigenen Mann schützen wollen, sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eines Tages selber auslöschen wird.

Es gehört zur Erfahrung des Lebens in den USA anscheinend dazu, irgendwann einmal plötzliche, sinnlose Gewalt zu erleben, die Mitbürger wie aus dem Nichts an den unscheinbarsten Orten entfesseln. Da ist auch der Autor dieses Textes keine Ausnahme; sollten Sie als Leserin, als Leser ein strikt neutrales Bild dieses Wahnsinns wünschen, dann müssen das andere liefern.

Atemberaubend und beschämend für die amerikanische Gesellschaft sind insbesondere die Kontinuitäten, die dem Beobachter bei jeder neuerlichen Gräueltat klar werden. Und doch schmerzt es jedes Mal aufs Neue.

Denn jedem spektakulären Fall eines Mass Shootings mit mehr als vier Opfern (die Zahl dieser Taten wird in den USA auf rund 250 allein im laufenden Jahr taxiert) stehen unzählige Morde innerhalb von Familien gegenüber. Und die häusliche Gewalt, in deren Verlauf Täter von einer Waffe Gebrauch machen. Und die Suizide: Mehr als die Hälfte der durch Schüsse aus einer Waffe im Jahr 2017 in den USA getöteten Menschen hat sich selbst gerichtet.

Suizid in der erweiterten Form scheint oft auch bei der Motivation von Attentätern eine Rolle zu spielen. Manche ermorden im Zuge dieser Handlung auch Familienmitglieder, wie etwa nun in Dayton geschehen, wo die Schwester des Attentäters und deren Freund zu den Opfern zählen; und weil solche Schützen in den USA davon ausgehen müssen, dass ihre killing spree mit hoher Wahrscheinlichkeit durch einen, wie es in Deutschland heißt, finalen Rettungsschuss von Polizeibeamten beendet wird (oder sie sich am Ende selbst richten), muss man davon ausgehen, dass es sich bei solchen Taten eben oft um erweiterten Suizid handelt. Die ganz persönliche Hölle und die schockierte Öffentlichkeit. Die spektakulären Fälle verdeutlichen nur, wie implizit politisch die als privat verstandene Gewalt in den USA ist.