Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser ZEIT-ONLINE-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

Zur Feier des 70-jährigen Bestehens der Volksrepublik China haben sieben angesehene chinesische Regisseure den stylischen patriotischen Kurzfilm Mein Volk, mein Land gedreht. Er erzählt die Geschichten von sieben Bürgerinnen und Bürgern in sieben glorreichen historischen Momenten der Volksrepublik. Sie werden von der süßen und zärtlichen Stimme der Sängerin Faye Wong begleitet, die wir aus Filmen von Wong-Kar Wai kennen. Seidenweich flattert die rote Nationalfahne durch die drei Minuten und vierzehn Sekunden des Films. Alle Figuren sind glücklich, unverdorben, hingebungsvoll, opferbereit und stolz auf ihr Land. Alle Errungenschaften wurden vom Volk hart erarbeitet, unter Führung der Kommunistischen Partei, die wohlmeinend und fortschrittlich ist und allen Glück und Frieden bringt. Nie war Nationalismus so schick und herzerwärmend, besser als die Ware in einer Louis-Vuitton-Werbung.

Die historischen Ereignisse sind sorgfältig ausgewählt: die Gründungsfeierlichkeiten der Volksrepublik 1949, der Bau der Atombombe 1964, der Weltmeistertitel für die chinesische Frauen-Volleyballmannschaft 1984, die Übergabe Hongkongs durch Großbritannien 1997, die Olympischen Spiele von Peking 2008, der 70. Jahrestag des Sieges im Sino-Japanischen Krieg 2015 und die erfolgreiche Landung des bemannten Raumschiffs Shenzhou 11 im Jahr 2016. Der Film feiert nicht nur die Erfolge auf militärischem, sportlichem, technologischem und diplomatischem Gebiet, er ist gleichzeitig eine Hymne an die Nationalflagge, den Großen Vorsitzenden Mao Zedong, die hierarchische politische Ordnung und die absolute Opferbereitschaft im Namen der allerzärtlichsten Liebe.

Geschichten wie diese, dick geschminkt und stark gesüßt, haben das chinesische Geschichtsverständnis der jungen Generation geprägt. In ihrer Anbetung der chinesischen Nationalflagge, im Gefühl, geschützt zu sein und gleichzeitig einer überlegenen Rasse anzugehören, kümmert es viele nicht, was ihr Mutterland unter den roten Teppich gekehrt hat. Auch manch ein Ausländer und manch eine Ausländerin teilen dieses Sentiment in ihrer Bewunderung für das "chinesische Modell". Wozu in alten Wunden wühlen? Oder in neuen? Beweist der Erfolg der Nation nicht, dass die Kommunistische Partei Chinas es besser weiß als ihre Kritiker? Und vielleicht gehören die Wunden und Kollateralschäden ja einfach zum "Lauf der Geschichte".

Wer sich mit Geschichte auskennt, weiß, dass dies nicht stimmt. Nationen, die mit ihrer eigenen Vergangenheit keinen ehrlichen Umgang pflegen, ziehen meist die falschen Schlüsse aus ihr. Zu den am weitesten verbreiteten Mythen gehört die Behauptung, die Errungenschaften der Volksrepublik China seinen vor allem dem autoritären Einparteiensystem zu verdanken. Um diesen Mythos zu entzaubern, brauchen wir eine ehrlichere Storyline.

Volksrepublik China - China feiert 70. Nationalfeiertag mit Militärparade Umgeben von Streitkräften sagte Chinas Präsident Xi Jinping, man setze sich für eine friedliche Weltgemeinschaft ein. In Hongkong hatte China die Militärpräsenz erhöht. © Foto: Reuters TV

Erster Akt: das Experiment nach sowjetischem Vorbild

Nach der Gründung der Volksrepublik China erklärte Mao Zedong auf einer Konferenz: "Von nun an werden die Chinesen aufrecht gehen!" Das bezog sich auf die Demütigungen des vergangenen Jahrhunderts. China hatte diverse Kriege gegen England und dessen westliche Verbündete verloren, gegen Russland, und unter Mühen die japanische Invasion zurückgeschlagen.

Die Kommunistische Partei Chinas wollte einen modernen, unabhängigen Nationalstaat schaffen. Zu den entscheidenden Faktoren des Sieges über das von den USA unterstützte alte Regime gehörte die Hilfe der Sowjetunion. Also bediente die unerfahrene neue chinesische Regierung sich beim sowjetischen Vorbild.

In den Jahren von 1949 bis 1976 waren die Chinesinnen und Chinesen Teil eines intensiven Industrialisierungs- und Nationalisierungsprogramms. Abgesehen von streng begrenzter persönlicher Habe wurde ihr Besitz enteignet. Es herrschte Vollbeschäftigung bei vorwiegend schlechter Bezahlung in einem isolierten und schlecht funktionierenden Wirtschaftssystem. Der einzige Arbeitgeber war der Staat, der das Leben der Bürger und Bürgerinnen streng kontrollierte. Ohne Erlaubnis dieses Arbeitgebers konnten die Menschen keine Kondome bekommen, weder ihre Anstellung noch die Wohnung wechseln und keine Reisen zu Verwandten unternehmen. Ob Stahl oder Socken, die Produktion war einer strengen Planwirtschaft unterworfen. Und immer gab es Versorgungsengpässe.

Aber gleichzeitig gab es zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte ein kostenloses staatliches Bildungssystem für alle Kinder und für erwachsene Analphabeten. (Allerdings wurde dieses Bildungssystem im Verlauf des unruhigen Jahrzehnts der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 weitgehend zerstört.) Es gab ein fast kostenloses Gesundheitssystem und eine Gesundheits- und Hygieneerziehung, mit deren Hilfe die Säuglingssterblichkeit von 200 auf 34 je 1.000 Geburten sank. (Allerdings mangelte es weiterhin an guten Ärzten und Medizin.)