Kurz bevor ich nach Amazonien reiste, erzählte mir eine Freundin eine Geschichte. Sie war selbst einmal im Dschungel gewesen, und auf der Rückreise hatte sie hohes Fieber bekommen. Sieben Wochen lang war sie in einem kleinen brasilianischen Städtchen so krank, dass sie gedacht habe, sie müsse sterben. "Ich wäre lieber im Urwald gewesen als auf der Krankenstation", sagte sie. Irre, dachte ich.

Seit meiner Reise in den brasilianischen Wald vor ein paar Wochen war ich zweimal krank. Ich war krank, als es im Amazonas furchtbar anfing zu brennen, ich lag dort mit Fieber in einer Hängematte. Und nun, zurück in Deutschland, bin ich krank, während ich auf Twitter die Bilder brennender Bäume im Regenwald sehe. Ich liege mit Fieber in meinem Bett. Ist das nur ein heftiger Berliner Infekt? Oder etwas Tropisches? Es ist, als hielte das Kranksein mich im Wald. Ich hänge am Smartphone, poste Artikel über die Brände auf Facebook. Neben meinem Bett liegt ein Stapel Bücher: Traurige Tropen von Claude Lévi-Strauss, ein Klassiker der Anthropologie, ein Bericht seiner Reisen durch Amazoniender Essay Indigenialität des Autors Andreas Weber und drei Bände des französischen Anthropologen Philippe Descola, der viele Jahre im amazonischen Wald geforscht hat.

Es brennt schon lange in Amazonien, seit Jahrzehnten fressen sich vor allem menschengemachte Brandrodungen in den Wald. Aber nun brennt es so heftig, dass auch wir hier etwas vom Ausmaß begreifen. Nachdem sich der Himmel über São Paulo an einem Montag im August verdunkelt hatte vom Rauch, brannte sich die Kunde vom lodernden Amazonien in die Social-Media-Plattformen, in die Nachrichten, auf den G7-Gipfel. Satellitenfotos und Grafiken zeigten die Brandherde und wurden zu Symbolbildern von etwas, das bislang bilderlos geblieben war, abstrakt und ungreifbar: der drohende Klimakollaps. Doch es brennen dort in Amazonien nicht nur die Bäume, es brennt das Zuhause Hunderter indigener Völker, die seit Jahrtausenden in dieser unwirtlichen Umwelt leben. Es brennt die Zeit, die der Menschheit bleibt, um den Kollaps zu verhindern. Und es brennt das Wissen, das Denken, die Kultur dieser Menschen – der Hüter und Hüterinnen des Waldes.

Im Propellerflugzeug über dem Amazonas auf dem Weg zum Volk der Huni Kuin las ich in Andreas Webers Essay Indigenialität: "Wir haben ein Naturproblem. Daher sollten wir von Menschen lernen, die keines hatten", schreibt Weber. "Wir sollten uns für das interessieren, was die Indigenen denken und tun, weil diese Praxis Millionen Jahre lang unseren Planeten fruchtbar hielt und Lebendigkeit hervorbrachte." Ich schaute aus dem Fenster der kleinen Maschine, ich sah bereits Rauch stehen über dem Ozean aus Bäumen, ich sah rotbraune Narben vergangener Brände im Grün.

Eine Mauer aus Blättern, Stämmen, Wedeln, Schlingen

Vom Städtchen Jordão fuhren wir mit drei Booten flussaufwärts, ins Dorf Novo Natal. Ich war mit Txana unterwegs, einem Freund. Er ist Schamane vom Volk der Huni Kuin, er ist ganz hier in der Nähe aufgewachsen, dicht an der brasilianischen Grenze zu Peru, mitten in diesem riesigen Wald. Txana ist 32, anders als viele Huni Kuin kennt er auch die Welt außerhalb des Waldes, außerhalb Brasiliens. Mit dreizehn kam er auf die Schule in Rio Branco, der größten Stadt des Bundesstaates Acre. Inzwischen reist er oft nach Europa. Dort habe ich ihn kennengelernt.

Txana, ein Schamane vom Volk der Huni Kuin, steuert das Boot. Das Mädchen links ist die ältere Tochter von Batani. © Julia Janssen für ZEIT ONLINE

Der Fluss war an vielen Stellen so flach, dass wir aussteigen und das Boot über Sandbänke schieben mussten. "Es ist Trockenzeit", sagte Txana, "aber so wenig Wasser habe ich noch nie erlebt." Er sprach leise, langsam, ruhig und lächelte fast immer, wenn ich ihn sah. Baumstämme lagen im Weg, die Männer stiegen aus, mit Motorsäge und Machete zersägten, zerhackten, zerlegten sie die Stämme, tauchten in den Fluss und stiegen wieder ins Boot. Das Knattern des Außenborders schallte vom Ufer. An vielen Stellen waren die Bäume und der Bambus abgeschlagen bis hinunter zum Ufer, ich sah nun auch von hier unten Rauch aufsteigen zwischen den Baumriesen, ich sah verkohlte Stämme in der Mauer aus Blättern, Stämmen, Wedeln, Schlingen.

In Novo Natal, dem Dörfchen am Ufer des Rio Jordão, zwei Tagesreisen von der nächsten Internetverbindung entfernt, wohnt Ozelia, Txanas Tante. Sie hat lange schwarze Haare, ihr Gesicht ist mit geometrischen Farbmustern verziert. Sie ist die Frau des cassik, das ist so etwas wie der Bürgermeister des Dorfes. Sie bat uns in das große Gemeinschaftshaus in der Mitte des Dorfes, ein Haus auf Pfählen und ohne Wände. Wir setzten uns auf die Bohlen, ich hörte die Hühner unter mir scharren, Ozelia und zwei ihrer Töchter kochten ein paar Meter neben mir auf einem offenen Feuer. Mir war heiß. Mir war übel. Ich fühlte mich krank und müde. Was konnte das sein? Malaria und Denguefieber konnten es nicht sein, dafür war ich noch nicht lange genug im Wald, die Inkubationszeit ist länger. Vielleicht zu viel Sonne? Der Sonnenhut war ein kläglicher Schutz gewesen auf der Flussfahrt hierher im offenen Boot durch die Hitze. Ich legte mich aufs Holz. Txana stopfte mir ein Kissen unter den Kopf. "Wenn dein Körper geschwächt ist, infiziert er sich leicht", sagte er. Die Innenseiten seiner Hände waren glatt. Ich schloß die Augen, dann roch ich etwas. Ich blinzelte. Txana zerrieb Limonenschale unter meiner Nase.