Im Juni 2016 twitterte der Journalist Mathieu von Rohr ein Foto vom Flughafen in Zürich, das allgemein sehr lustig gefunden wurde. Darauf zu sehen waren, nebeneinanderstehend, zwei eher kleine Flugzeuge und eine Boeing 747. Von Rohr klärte im Tweet auf, dass es sich bei den kleinen Jets um Regierungsmaschinen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und des damaligen französischen Staatspräsidenten François Hollande handelte und bei dem Jumbo um das Bandflugzeug der Gruppe Iron Maiden (was man freilich auch daran sehen konnte, dass auf ihm angemessen groß "Iron Maiden" stand).

Gut drei Jahre später kursieren nun wieder Fotos von mehreren Flugzeugen auf einem Rollfeld. Sie zeigen eine Maschine, mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel (nebst Delegation) am Sonntag zum Klimagipfel nach New York geflogen ist, und eine weitere für den Antrittsbesuch von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer beim Amtskollegen in Washington. Ferner flog noch ein Bereitschaftsflugzeug in die USA (falls es zu Pannen kommen sollte) und bald fliegt auch noch der Außenminister hinterher. Da die reisenden Damen keine exzentrischen Rockmusikerinnen sind, sondern gerade noch nächtelang Insassinnen eines "Klimakabinetts" waren, wird das allerdings wenig lustig gefunden. "Instinktlos" nannte die Bild-Zeitung den "Flug-Irrsinn". "Regierung erfolgreich abgehoben", witzelte die taz.

Nun gibt es durchaus rationale Gründe für die Planung: Alle Spitzenkräfte reisen mit Gefolge (wenn auch die Reihen bei Kramp-Karrenbauer dünn besetzt waren), von einem eventuellen Absturz wären nicht gleich mehrere politische Verantwortungsträgerinnen eines Landes betroffen, und New York und Washington sind auch nicht dasselbe Ziel, sondern in etwa so weit voneinander entfernt wie Berlin und Kassel. Aber das Fressen ist natürlich gefunden: die staatlichen Klimaschützerinnen als stattliche Klimaschweine.

Die Aufregung erscheint zunächst folgerichtig. Politik in einer parlamentarischen Demokratie ist ja nicht nur insofern repräsentativ, als dass das Volk sich vertreten lässt, anstatt unmittelbar Einfluss zu nehmen. Sie ist es auch, weil in der Kommunikation zwischen der politischen Sphäre und einer größeren Öffentlichkeit immer wieder symbolische Handlungen notwendig sind, um Verständnis für die Ergebnisse komplexer Entscheidungsprozesse zu schaffen. Und nichts diskreditiert Politik auf dieser Ebene so stark wie das Sich-Genehmigen von Sonderrechten. Es ist, als hätte Willy Brandt sich nicht selbst hingekniet, aber es allen anderen aufgetragen.

Andererseits: Zeigt nicht gerade die so vehemente Forderung nach politischen Zeichen in diesem Kontext, wie sehr sich das Thema Klima von allen anderen unterscheidet? Wer bei Klimafragen auf die (unzureichende) Symbolpolitik handelnder Politikerinnen abhebt, hat ihre systemsprengende Dringlichkeit grundlegend nicht verstanden. Oder er hat ein Interesse daran, dass diese Dringlichkeit von der Öffentlichkeit nicht verstanden wird, sondern im Klein-Klein eines Gerechtigkeitsfurors gegen "die da oben" verschwindet.

Klimaschutz als politisches Ziel wird von idiotischen Reiseplanungen der Spitzenpolitik ebenso wenig beschädigt wie durch eine Klarsichtfolie in den Händen von Greta Thunberg. Und die Selbstüberprüfung jedes einzelnen Lebensentwurfs wird nicht dadurch überflüssig, dass Verantwortungsträger vorbildlich handeln, indem sie zum Beispiel Meetings digital abhalten oder eben bei unvermeidlichen Reisen auf Synergien achten.

Die unglückliche Symbolik der zwei Staatsmaschinen bekommt nun aber eine Aufmerksamkeit, die nur dann angemessen wäre, wenn sie im Widerspruch zu den vorangegangenen politischen Entscheidungen stünde. Derweil korrespondiert sie komplett erwartbar mit der Mut-, Gedanken- und Fantasielosigkeit des Klimapakets. Sie ist also eine Nichtbotschaft, sie fügt dem politisch Inhaltlichen weder etwas hinzu, noch konterkariert sie das politische Handeln der vergangenen Wochen.

Wenn das nun skandalisiert wird, ist aus dem Sehnen nach der Vermittelbarkeit von Politik reine Kinderei geworden. Oder es bekundet, dass die Skandalisierer den Inhalt des Klimapakets für eine politische Härte halten, die normalen Bürgern ohnehin kaum zuzumuten ist, und jetzt erst recht nicht mehr. Wenn dem so wäre, wäre das der Skandal.