Ausbildungsstätten für Spitzensport sind häufig Brutstätten für Machtmissbrauch. Schülerinnen und Schüler der Ballettakademie der Wiener Staatsoper erhoben im April dieses Jahres Vorwürfe gegen das Pädagogikpersonal und bemängelten die fehlende körpertherapeutische und psychologische Beratung. Gegenüber der österreichischen Wochenzeitung Falter berichteten sie von Demütigungen, Verletzungen, physischer Gewalt und sogar sexuellem Missbrauch. Die Akademie wurde darin als ein geschlossenes System von Drill und Druck beschrieben. Eine mittlerweile eingesetzte Kommission soll diese Strukturen reformieren. Aber sind sie überhaupt reformierbar? Oder ist es das im Ballett propagierte Körperbild, das den Boden für missbräuchliche Situationen bereitet? Geht es womöglich auch ganz anders?

Theresa Luise Gindlstrasser, geboren 1989, arbeitet als freie Kulturjournalistin und Autorin in Wien. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Wolfgang Rappel

Als ich mit vier Jahren entschied: "Ich will Ballerina werden", lautete eine der ersten Aufgaben: "Gehen wie eine schöne Prinzessin". Weil Begriffe wie Grand battement, Pirouette oder Erste Position nicht unbedingt selbsterklärend sind, funktioniert das Einüben des Ballettvokabulars über sprachliche Bilder. In meinem Fall fungierte es als Einüben in Normvorstellungen von Schönheit und Frau-Sein. Nach einigen Jahren Ballettunterricht wurden die Bilder mechanischer: "Schultern zurück, Bauch rein, Bein hoch." Einzelne Körperteile sollten eine korrekte Position am Koordinatensystem einnehmen. Von wegen ganzheitliches Training – mein Körper wurde in Einzelprobleme zerlegt, für die es Einzellösungen zu finden galt. Zwischen "Kopf nach oben" und "Zehen strecken" ging das Gefühl für den Körper als Ganzes verloren.

Trotzdem: Wenn ich am Ballettbarren stehe, wenn vom Klavier der Auftakt ertönt und wenn sich die Körper um mich herum für die Übungsabfolgen einrichten, dann denke ich "You're at home, baby" und schmelze in ein erstes Plié. Dass Plié eine mit auswärts gedrehten Beinen, also im Turnout vollführte Kniebeuge meint, weiß ich. Ich weiß außerdem: Es gibt genau eine richtige Richtung, sich an der Stange zwischen den Übungen umzudrehen. Es gibt genau ein richtiges Arrangement, sich als Gruppe für spätere Abfolgen in der Mitte des Raumes zu platzieren. Egal ob in Wien, Berlin, New York oder Moskau: Ein Turnout ist ein Turnout ist ein Turnout. Aber ist das wirklich so?

Im Ballett gibt es verschiedene Trainingssysteme oder Schulen. Diese unterscheiden sich aber nur minimal voneinander. Wer "russisch" gelernt hat, findet sich auch bei Balanchine oder Royal Academy of Dance zurecht. Begriffe und Bewegungen sind schulübergreifend stark standardisiert und kleinteilig organisiert. Von Blickrichtung bis Zehenspitze, im Balletttraining wird der ganze Körper inszeniert. Oder anders gesagt: diszipliniert. Früh übt sich, wer dressiert sein will. Das Reagieren auf minimale Kommandos oder Hilfestellungen erfordert so viel Konzentration wie Kraft.

Irgendwann hatte ich meinen ersten Auftritt in Tutu und auf Spitzenschuhen. Ich tanzte im Tüllkleid auf schmerzenden Zehen. Eine von einem Mann inszenierte Frau, die möglichst wenig Platz einnimmt. Nach der Vorstellung erhielt ich eine Beurteilung: Ich wäre talentiert und ambitioniert, sollte aber aus ästhetischen Gründen abnehmen. Anstatt Empörung empfand ich Erleichterung. Nicht ich war das Problem, nur mein Körper musste richtiggestellt werden. Ein neutraler Körper ohne Eigenheiten oder Gewohnheiten, stets bereit, die Grenzen des Machbaren zu überschreiten, leise genug, um in der Gleichförmigkeit mit anderen Körpern zu verschwinden, einzigartig genug, um für ein Solo zu glänzen – das auf die Spitze getriebene Ideal im Kapitalismus.

Heute denke ich: Der Ballettunterricht meiner Kindheit und Jugend sollte mich verwandeln, sollte meinen Körper dem Körper angleichen, den sich das Ballett Mitte des 20. Jahrhunderts erfunden hat und den es braucht, um diese Art von Ballett zu tanzen. Ballett erfindet Körper. Es ist möglich, muskulär auszugleichen, was das Skelett nicht hergibt. Solche Kompensationen führen jedoch auf Dauer zu Gelenkverschleiß, führen dazu, dass nur wenige und nur für eine kurze Schaffenszeit "Ballerina" sind.

Apropos Staatsoper: Wenn ein anorektisch-militärischer Körper fürs Opernpublikum produziert werden soll, dann wird sich das, Reformen hin oder her, als normierende Gewalt in der Ausbildungssituation niederschlagen. Was aussieht wie Drill ist auch meistens Drill, das müssen die Konsumentinnen und Konsumenten wissen. Der Ballettkörper in Tutu und auf Spitzenschuhen, wie er beständig fixiert wird, ist sich selber Feind. Wie war ich stolz auf Blasen an den Füßen und Knurren im Magen. Das ist Disziplin: Feindschaft gegenüber dem eigenen Körper und Feindschaft gegenüber anderen Körpern. Was für ein anerzogener Selbsthass.