ZEIT ONLINE hat alle Reden des deutschen Bundestags durchsuchbar gemacht. In ihnen zeigt sich, welche Themen die Debatten dominiert haben und wie stark sich die Sprache im Bundestag verändert hat.

Wer erinnert sich nicht an diesen jungen Politiker in Turnschuhen, der den stellvertretenden Bundestagspräsidenten so unverschämt wie formvollendet beschimpfte: "Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch." Das war am 18. Oktober 1984 und es wäre das erste Mal gewesen, dass verbal ein Arschloch ins Parlament eingezogen wäre. Wäre. Denn im Protokoll findet sich die Beleidigung nicht. Joschka Fischer hatte sie ausgesprochen, als die Sitzung bereits unterbrochen worden war. Zu lesen ist im Protokoll mithin nur noch: "Meine Damen und Herren,
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Schließen Sie uns doch am besten gleich alle aus! — Weitere Zurufe von den GRÜNEN)
Ich unterbreche die Sitzung des Bundestages, bis der Herr Abgeordnete Fischer, der von der weiteren Teilnahme an der Sitzung ausgeschlossen ist, den Plenarsaal verlassen hat."

Aber schon 1986 tauchen "Arschlöcher" – oder deren Kurzform "Ärsche" –  dann tatsächlich in den Protokollen auf. Bis heute 32 Mal. Haben also doch die Grünen den Ton verschärft? Oder haben die Neuen damals ihre abgeordneten Kollegen an den Rand der Contenance getrieben? Die dürftigen Daten belegen das nicht. Der "Arsch" und seine Varianten traten niemals als direkte Beleidigung auf, sondern stets als Zitat: mal aus Ausschusssitzungen, mal historisch ("Auf fremdem Arsch ist gut durchs Feuer reiten" von dem FDP-Abgeordneten Ulrich Irmer 1992), mal als Filmtitel ("Kleines Arschloch", 1998). Im Jahr 1999 lobte Walter Riester, die Arbeitsämter rissen sich den "Arsch" auf, und ein anderes Mal befand der Grüne Winfried Hermann die Atommüllentsorgung für "arschteuer".

Erst 2018 war es dann laut der Protokolle so weit: In der Sitzung vom 21. Februar – die AfD war da gerade fünf Monate Neumitglied – ließ sich ein namentlich nicht genanntes Mitglied der SPD-Fraktion hinreißen und rief "Arschloch!" in den Redebeitrag des AfD-Abgeordneten Karsten Hilse. Wenige Monate später bezeichnete Katrin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) Menschen, "die auf die Straße gehen und hetzen und Hitlergrüße zeigen", als "Arschlöcher". Dem haben laut Protokoll Parlamentarier und Parlamentarierinnen aller Fraktionen Beifall gespendet, allerdings niemand aus der AfD.

Der Ton im Bundestag ist also gar nicht so rau, wie mancher möglicherweise vermutet hätte. Aber nicht, weil dort besser erzogene Menschen säßen, sondern schlicht, weil die Geschäftsordnung Beleidigungen vom Kaliber "Arschloch" untersagt. Wer wirklich im Gedächtnis bleiben will, muss kreativer sein. In der eingangs erwähnten Sitzung beispielsweise hat Joschka Fischer den CSU-Abgeordneten Hans Klein, nun ja, beleidigt, indem er rief: "Sie altgewordener Messdiener!". "Idioten" und "Trottel" hingegen gab und gibt es noch immer viele – auch unter den Abgeordneten, jedenfalls nach Auffassung von deren Kollegen. Sie sind die Klassiker unter den Beschimpfungen. Seit 1949 wurden diese Begriffe 152-mal verwendet. Stetig und fraktionsübergreifend.