In Berlin auf die Straße zu treten, ist wie eine mittelschwere Wanderung. Man steigt über Schrotthaufen voller Metallgerümpel. Zum Briefkasten zu gehen, bedeutet Laufen durch eine unabwechslungsreiche Landschaft aus E-Scootern, die sich über Leihfahrrädern stapeln. Die nicht so schlimmen Tage sind nur deshalb nicht so schlimme Tage, weil auf der Straße die zeltartigen Fahrradanhänger den Rollern und Rädern den Platz als Erstes wegnahmen. Es ist deutlich leichter, zwei hangargroße Fahrradanhänger zu umgehen als fünfzig kreuz und quer über die Straße verstreute E-Dinger.

Man geht also raus und bewegt sich nur noch millimeterweise mit dem Rücken an der Wand vorwärts, und abends in der Dämmerung macht man sich langsam auf den Nachhauseweg. Und da passiert neuerdings Folgendes: In dunklen Gassen fährt im Affenzahn ein Auto an einem vorbei, das unerwartet mit quietschenden Reifen abrupt neben einem stehen bleibt. Die Tür wird aufgerissen, und mehrere Männer mit Handschuhen springen raus und laufen auf einen zu. Man kramt voller Panik nach Pfefferspray oder Regenschirm, um sich für den Überfall zu wappnen, und schreit wie verrückt um Hilfe. Anschließend, man ist erneut drauf reingefallen, weil man sich an die neue Straßenkultur noch nicht gewöhnt hat, klemmt man sich voller Scham hinter einen Laternenpfahl, weil: Die wollten einen gar nicht entführen.

Die Arbeitsbedingungen der Männer scheinen so schlecht zu sein, dass zum ordentlichen Halten und Parken keine Zeit ist, weshalb sie aus fahrenden Lieferwagen herausspringen und losrennen, um E-Scooter einzusammeln. Der Elektrokram muss ja über Nacht wieder aufgeladen werden. Fix und fertig kommt man also in seiner Zuhausestraße an und bleibt mit einem Pumps in einem ausrangierten Laserdrucker hängen. Immer steht oder liegt irgendetwas herum. Zum Beispiel Stehleuchten mit Halogenstrahlern in trichterförmigen Lampenschirmen an zwei schwenkbaren Armen. Dinge, die sich die Leute mal anschafften, die sie nicht mehr wollen und aus Doofköpfigkeit einfach draußen ablegen, obwohl sich das nicht gehört. Genauso wenig wie es sich gehört, ein Gefährt, das man gegen eine geringe Gebühr benutzte, genau dort abzustellen, wo man abgestiegen ist. Also mitten auf dem Gehweg. Wer so etwas tut, hat sicher auch die seltsame Angewohnheit, nach Betreten der privaten Räumlichkeiten die Socken im Laufen abzustreifen und tagelang genau dort liegen zu lassen. 

Die Ehre des Gehwegs

Um es kurz zu machen: Es geht darum, die Ehre des durch alle Epochen und Kulturen gemeinsamen, öffentlichen Kulturgutes "Gehweg" wiederherzustellen. Der Gehweg ist eine für Fußgänger reservierte Straße. "Zu Fuß gehen" ist eine alte Kulturtechnik. Sie benötigt wichtige Voraussetzungen. Auf einem Gehweg dürfen nur eine Straßenlaterne, ein Papierkorb, ein Baum und eine Sitzbank stehen. Muss der Bürgersteig, das Trottoir, der Gehweg wirklich erst Unesco-Weltkulturerbe werden, damit man aufhört, dieses öffentliche Gut zu schänden? Wer sich einfach nur mit bloßer Muskelkraft ein paar Minuten am Stück ungestört, ohne Hindernisse und ohne Gefahr vorwärts bewegen will, wird sich demnächst wohl in eine Art Gehweg-Freizeitpark begeben müssen.

Der öffentliche Raum wird immer weniger. Von Jahr zu Jahr teilt man sich den Gehweg mit mehr und mehr abgestelltem Kram. Früher riefen die Nachbarn die Polizei, wenn sich jemand ausnahmsweise erlaubte, drei Wochen vor dem Sperrmülltermin sein altes Sofa auf die Straße zu stellen. Jetzt steht seit dem 15. Juni Elektrozeug im Quartier herum. Nicht nur ein, zwei oder dreißig Teile, sondern alle paar Zentimeter eins. Während in Berlin die Gastwirte die 1,50-Meter-Gehweg-Formel aufgebrummt bekamen, nach der ein Wirt seine Stühle und Tische nur so weit herausstellen kann, dass der Gehweg nicht behindert wird, dürfen eine Handvoll Firmen ihre Akkudinger zu Tausenden auf der Straße abstellen lassen. Völlig abgesehen davon, dass die für die Allgemeinheit reservierte Fläche, zum In-die-Luft-Gucken oder einfach nur Dastehen und Vor-sich-Hinträumen, sich stetig reduziert, verbreiten die in der Gegend herumliegenden Dinge eine unsinnliche Atmosphäre. Bislang waren das Drinnen, die Großraumbüros, die Fabriken, die Lager, funktional, rational und alles in allem schönheitsfeindlich gestaltet. Nun aber gerät auch das Draußen zu einer hässlich beleuchteten und vollgestellten Rumpelkammer. Es ist, als lebe man im E-Rokoko. Batteriebüsten aus Plastikprunk und Akkuramsch, wohin das Auge schaut. Hört das auf? Hört das je wieder auf?