Ich kann nicht wegsehen. Seit sie in die U-Bahn eingestiegen ist, sich schwungvoll auf den Platz mir gegenüber gesetzt und sanft die Beine übereinander geschlagen hat, klebt mein Blick auf ihr. Ein feiner Muskel zieht sich unter der braunen Haut ihres Oberschenkels entlang, wo ihre Shorts abschließen. Keine Cellulite, nirgends auch nur ein winziger Krater. Immer wieder streicht sie sich die Haare aus dem Gesicht, während ihre langen Finger auf dem Handydisplay herumtippen. Sie beißt sich in die vollen Lippen, über denen eine kleine Nase wie eine sauber gebogene Absprungschanze sitzt, so makellos, dass es wehtut. Als sie für einen Moment nach oben sieht, mich direkt ansieht, sehe ich weg. Ich spüre, wie mir das Blut ins Gesicht schießt. Innerlich fluche ich.

Sie hat gewonnen. Weil ich sie angesehen habe.

Es ist nicht nur sie. Es sind alle Frauen. Egal, wo ich sie sehe. Mein Blick fährt sie ab, betastet sie. Auf der Straße, in der Bibliothek, auf Bildern. Je schöner sie sind, desto schlimmer ist es. Als würde etwas von ihnen an mir haften bleiben. Ich zoome heran, wenn ich kann. Schiele heimlich unter meiner Sonnenbrille hindurch. Fahre, wenn ich ihre Bilder auf meinem Telefon betrachte, mit dem Finger über das Display, betaste ihre Hüftknochen. Ich tue es stundenlang, wenn sie nicht zurücksehen können.

Manchmal passiert mir selbst es auch. Dann spüre ich es, das heimliche Starren einer fremden Frau. Ihr verschämtes Wegsehen. Dann bin ich es, die leise triumphiert.

Männer sehen Frauen an, Männer sehen Männer an, Frauen sehen Männer an. Doch nie bin ich einer größeren Obsession begegnet, als der, die eine Frau zum Körper anderer Frauen entwickeln kann. Was ist es, das wir suchen, wenn wir uns so ansehen? Und wie sollen wir uns lieben lernen, wenn wir uns noch immer mit Blicken töten?

Ich muss an die Geschichte der Gorgo Medusa denken; an die wunderschöne Frau, die von ihrer Geschlechtsgenossin Athene in ein Ungeheuer verwandelt wurde, nachdem Athene sie mit Poseidon beim Liebesspiel überrascht hatte (in Ovids Überlieferung vergewaltigte Poseidon Medusa). Der Anblick des Monstrums war derart unerträglich und ihr Blick selbst auch so wild, dass fortan alle, die die Medusa ansahen, zu Stein erstarrten. Perseus enthauptete die Medusa schließlich, was ihm nur gelang, weil er sie nie direkt anschaute – sondern lediglich ihr Spiegelbild in seinem glänzenden Schild. Athene benutzte den schließlich auch versteinerten Kopf der Medusa danach als Schutz vor Feinden, und so wurde die Medusa selbst zur Schutzgöttin, wenn auch erst nach ihrem und durch ihren Tod. Medusa, die schöne Frau, die zur hässlichen gemacht worden war von einer anderen Frau, beschützte sie. Nachdem sie ihr Opfer geworden war.

Der weibliche Blick muss aber gar nicht töten, die Fähigkeit, zu entblößen, reicht völlig aus, um uns gegenseitig Schmerzen zuzufügen. Die Kurzgeschichte The Lady in the Looking Glass (Die Dame im Spiegel) von Virginia Woolf handelt von einer Frau, die Leserin und Erzählerin nur mehr durch einen Spiegel betrachten können. Doch auch sie selbst scheint dazu verdammt, sich durch die abwesenden Augen eines Anderen zu sehen, die Augen des Spiegels, der sie nie berührt, nie erreicht, doch ständig zu entkleiden und zu penetrieren versucht. Das Ende der Geschichte ist eines der atemberaubendsten und gleichzeitig traurigsten, die ich kenne. Als bliebe ihr nichts anderes übrig, entblößt sich die Dame schließlich dem richtenden, entlarvenden Blick des Spiegels vollends. Ein paar Schritte auf ihn zu, wie im Kampf, wie, um ihm einen Beweis zu erbringen, dass sie wirklich da ist. Doch der Spiegel spiegelt nur, was sich in seinem Blickfeld befindet, in diesem Fall: nichts außer einer stummen Hülle. "Hier war die Frau selbst. Sie stand nackt in jenem mitleidlosen Licht. Und da war nichts. Isabella war vollkommen leer."

Woolfs ortloser Blick des Spiegels lässt sich auch als ein Blick auf das weibliche Selbst lesen. Im Spiegel sehen wir eine Andere, die wir selbst sind. Einen Körper, der unserem eigenen Blick ausgeliefert ist, als wäre er ein fremder. Der Blick auf die Frau und der Blick der Frau selbst scheinen, nicht nur in dieser Erzählung, sondern in jedem Moment, jedem Augenaufschlag unserer eigenen Geschichte, auf merkwürdige Weise miteinander verschlungen.