Fünfzehn Minuten und keine Sekunde länger. Danach war Schluss mit Fernsehen. Abschalten aus Notwehr. Dann rein in den allerfeinsten Anzug und Abendspaziergang durch Kreuzberg und Neukölln. Diejenigen Viertel also, an die das Auszählungsergebnis auch adressiert ist, von wegen Messermänner, Kopftuchmädchen und "Menschenwürde auch für Deutsche", schönen Gruß von den Wählern aus dem Osten.

Fünfzehn Minuten Wahlabend im ZDF begannen damit, dass Bettina Schausten den Countdown runterzählte, ("3,2,1"), als handele es sich um Silvester zur Jahrhundertwende, aber was will man machen, in der ARD ist es auch nicht würdevoller zugegangen. Und als wenig später Jörg Meuthen von der AfD an Schaustens Tresen lehnte, sagte sie nicht etwa: "Ein schwarzer Tag für Deutschland, heute hat die Demagogie gesiegt, wie lange, Herr Meuthen wird es meinen Sender hier noch geben, wie lange die Pressefreiheit?" Nein, sie sagte, natürlich seine Sicht der Dinge meinend: "Ein erfolgreicher Abend." Na, bitte. Hier wird schon antizipierend koreferiert. Dann: "Sind Sie zufrieden?" Ja klar, ist er zufrieden, der Meuthen, das sei jetzt ein "Stück weit eine Zeitenwende".

Landtagswahlen - Wie weit ist die AfD von der Macht entfernt? Die AfD hat in Brandenburg und Sachsen Rekordergebnisse erzielt. Warum man trotzdem auch optimistisch auf die Wahlen im Osten blicken kann © Foto: Herbert Müller für ZEIT ONLINE

Jede Bürgerin dieses Landes, die nahezu jede Kyffhäuser-Rede aus dem Effeff auswendig kann (die Kolumnistin hier kann es), erinnert sich daran, dass AfD-Vertreter spätestens 2016 damit begannen, dort, bei den Treffen der besonders Rechtsextremen in der AfD, den Begriff der "Wende" zu etablieren. Björn Höcke sprach damals von der "Wendezeit", in der das deutsche Volk stecke und dass es nun darum gehe, "ob wir als AfD, und das ist mein Wille und Begehr, und ich weiß, es ist auch euer Wille und Begehr, ob wir diese Wendezeit nicht nur erleben und erleiden, sondern auch tatkräftig gestalten". Schausten hätte nachfragen können, worin die Zeitenwende besteht. Was genau sie beinhalten wird. Stattdessen kommt die stellvertretende Chefredakteurin des ZDF auf folgende Frage: Es seien in beiden Ländern Vertreter "des sogenannten Flügels" erfolgreich gewesen und ob sich mit diesem Wahlergebnis die Ausrichtung der Partei geändert habe, "hin zu einem klarer und radikaleren, äh, hin zu einer extremeren Haltung, und äh, weg von einer Haltung, die Sie im Bundesvorstand vertreten?" 

Wer so ängstlich nachfragt, Galaxien hinter dem bisherigen Kenntnisstand über die nicht nur an den Flügelspitzen diktaturverliebte AfD und ihre Wähler, der wird von einem Rechtsextremen wie Meuthen im Vorbeigehen weggefrühstückt. "Nein", sagt er. Ganz einfach: "Nein." Und: "Wir sind keine radikale und keine extreme Partei. (...) Sie können lange nach extremen Positionen suchen, Sie werden sie nicht finden." Jetzt holt Schausten ihr (einziges) Ass aus dem Ärmel und "hakt" nach: "Bei Kalbitz würde man die – glaube ich – finden."