Die antiken Texte zu zensieren ist aber die falsche Strategie. Erstens bleibt dann nicht mehr viel übrig, zweitens berauben wir uns eines Potenzials an Konflikt und Reibung mit unseren eigenen Traditionen. Sexismus im Jahr 2019 ist kein isoliertes Phänomen, sondern ein Punkt in einem jahrtausendealten Prozess. Die Geschlechterbilder der Antike stellen weitere Punkte auf dieser Zeitskala dar; die alte Weisheit von der Antike als "Wiege der europäischen Kultur" gilt nicht nur im Guten, sondern auch im Fürchterlichen. Die Zensur problematischer Inhalte würde unweigerlich zur Verarmung der Diskurse führen. Es geht aber auch anders.

Die US-amerikanische Philologin Madeleine Kahn schildert eine Kontroverse bei der Lektüre von Ovids Metamorphosen zwischen ihren Studierenden in Kalifornien. Die Diskussion dreht sich vor allem um den Mythos von Tereus, Prokne und Philomela: Tereus, der mit Prokne verheiratet ist, vergewaltigt ihre Schwester Philomela. Um sie am Reden zu hindern, schneidet er ihr die Zunge heraus. Philomela jedoch webt ein Gewand, in das sie Zeichen einfügt, die die Tat offenbaren, und lässt es ihrer Schwester zukommen. Aus Rache schlachten die beiden Frauen Proknes und Tereus’ Sohn Itys und setzen ihn dem Vater zum Essen vor.

Die Geschichte ruft bei Kahns Studentinnen Abscheu und Entrüstung hervor. Eine Studentin, die selbst Opfer einer Vergewaltigung geworden sei, weigert sich, weiter Ovid zu lesen, bezeichnet die Metamorphosen als "a handbook on rape" und schildert ihre Erfahrung beim Lesen der Philomela-Geschichte mit den Worten: "It's like being raped all over again". Andere Studentinnen setzen sich für eine Fortführung der Ovid-Lektüre ein. Es ergibt sich schließlich ein anregendes und höchst produktives Gespräch über die unzähligen fiktionalen und metafiktionalen Aspekte des Texts: die Nicht-Identität von Autor und Erzähler, die Wertung der einzelnen Figuren, die Legitimität der Rache. Gerade durch die Hitze der Debatte, die eben durch die Drastik des Stoffes bedingt ist, entsteht ein Klima der Produktivität.

Ein kreativer Zugang mit frischer Perspektive erscheint also möglich. Ein weiteres Beispiel ist die Behandlung des Sabinerinnen-Mythos durch Sara Hale und Arum Park unter dem Titel Teaching Classics in Times of #MeToo. Die beiden Forscherinnen entscheiden sich, die Geschichte der von den Römern "geraubten" Sabinerinnen einmal anders zu analysieren und den Fokus auf die Resilienz der sabinischen Frauen zu richten, die ihr schreckliches Schicksal überwinden und Frieden zwischen römischen und sabinischen Männern stiften. 

Auch bei anderen antiken Autoren gibt es unendliche Möglichkeiten für neue Diskurse, der eingangs zitierte Ovid ist ein Musterbeispiel. Die elegischen Topoi, mit denen Ovid arbeitet, das Bild der Liebe als eines unausweichlichen Schicksals, als Ort für Leid, Kampf und Aggression, lassen sich nahtlos bis in unsere Zeit weiterverfolgen, bis in die Welt aktueller Filme, Serien und Songs – mit all ihrer Problematik, die heute wie nie zuvor unter dem Brennglas gesellschaftlicher Kritik liegt. Die Metamorphosen mit ihren mehr als 50 Vergewaltigungsgeschichten sind ein Lehrstück dafür, wie in Texten Diskurse durcheinandergehen, die eigentlich nicht zusammenpassen, drastische Gewalt einerseits und Humor andererseits, oder Lust an der Darstellung des Schrecklichen einerseits und Empathie mit den leidenden Figuren andererseits. Auch hier wäre es falsch, auf die vermeintliche kulturelle Unterlegenheit der römischen Welt hinzuweisen. Stattdessen lohnt es sich, zeitgenössische Beispiele auf ähnliche Phänomene hin zu betrachten – und ubiquitär fündig zu werden. Man denke etwa an die Serie Game of Thrones mit ihren drastischen Gewaltdarstellungen, ihrem Humor und ihrer empathischen Figurenzeichnung.

Die antiken Texte strotzen vor politisch inkorrekten Inhalten. Sie unter den Teppich zu kehren oder zu verharmlosen ist fatal für unsere kulturhistorische Selbstwahrnehmung. Lassen wir sie stattdessen Teil einer hochaktuellen, brisanten und relevanten Debatte werden.