"Leg meine Hände in Fesseln, sie haben Ketten verdient!" – so beginnt das siebte Gedicht im ersten Buch von Ovids Amores. "Wahnsinn hat die ungestümen Arme gegen meine Herrin erhoben; das Mädchen weint, verletzt von meiner Hand." Der Sprecher bereut, seine Geliebte misshandelt zu haben – und erklärt einige Verse später, dass der Schönen ihr zerzaustes Haar gut steht: "Atemlos sah ich ihren Körper und ihre zitternden Glieder an – wie ein Windhauch über Pappellaub streift." Die missbrauchte Frau, geschlagen, womöglich vergewaltigt oder beides, wird zum ästhetisierten Objekt eines male gaze, noch dazu des Täters, dessen Tun in einigermaßen haarsträubenden Euphemismen mit den sanften Berührungen des Windes verglichen wird.

Katharina Wesselmann (*1976) war 14 Jahre lang Latein- und Griechisch-Lehrerin in Basel, wo sie sich über Homers "Ilias" habilitierte. Seit 2019 ist sie Professorin für Didaktik der Alten Sprachen an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Generell erscheint lateinische "Liebesdichtung", als deren Hauptvertreter Ovid, Properz und Tibull erhalten sind, in der heutigen Zeit plötzlich schwierig. Die Sprecher der Gedichte inszenieren sich als Opfer Amors, als Leidende und Begehrende, die keine Kontrolle über ihre Triebe haben. Das Objekt ihrer Leidenschaft ist eine domina dura, eine harte Herrin, die sie einfach nicht erhören will, was zu Stalking, Victimblaming und Slutshaming führt. Die fehlende Verantwortlichkeit des Täters sehen wir im oben erwähnten Auszug schon auf sprachlicher Ebene: die Hände haben Ketten verdient, der Wahnsinn hat die Arme erhoben, das Mädchen ist von der Hand verletzt worden. Die Stilfigur der pars pro toto, das Ersetzen des handelnden Subjekts also durch Teile, ist kein Zufall; der Täter ist unzurechnungsfähig und hat die Kontrolle über seine Hände verloren. Das Opfer des Gewaltausbruchs wird bloß von außen betrachtet; ein Hineinversetzen in seine psychische Verfasstheit findet nicht statt.

Beim Studium lateinischer und griechischer Texte drängen sich nach dem Perspektivwechsel durch #MeToo unangenehme neue Realitäten auf: Die Handlung von Homers Ilias wird durch Geschacher um die entführte Sklavin Briseis in Gang gebracht, Catull bedroht seine Dichterrivalen mit analer und oraler Penetration, bei Terenz gilt die Eheschließung von Vergewaltiger und Opfer als Happy End. Wie soll man mit diesen Stoffen im Schulunterricht umgehen?

Blinde Tradition

Die deutschsprachige Altphilologen-Community hat auf #MeToo bisher nicht reagiert. In der Schule zielt die Vermittlung meist auf absolute Identifikation, um Jugendliche für die Antike zu faszinieren. Das treibt zum Teil absurde Blüten, wenn Schüler*innen erklärt wird, dass römische Heranwachsende ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hätten wie heutige; die Gewalt in den Texten wird schlicht ignoriert. Werden dennoch unbequeme Fragen gestellt, lautet die Standardantwort, die Welt der griechisch-römischen Antike sei eben leider nicht ganz so wunderbar wie die unsrige gewesen. Hier haben wir das Gegenteil der naiven Überidentifikation: die totale Distanzierung. Aber wenn die Welt der antiken Texte so fremd ist, wenn sie rein gar nichts mit unserer Gegenwart zu tun hat – wieso sollen dann Jugendliche antike Texte überhaupt lesen?

Als Antikenfreund kann man nun einwenden, Kunst sei unter rein ästhetischen Gesichtspunkten oder im eigenen Zeitkontext zu betrachten. Dieses Argument ist aber gefährlich: Wenn sich Kunst aktuellen Fragestellungen verschließt, stellt sich sehr bald die Frage nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz.

Diese Frage wird in Zeiten einer zunehmenden Marginalisierung der Geisteswissenschaften dringlicher. Zudem verbreitet sich die Kritik an den Traditionen der Klassischen Philologie, die, so hört man heutzutage häufig, ein Mausoleum toter, weißer, männlicher Autoren sei, ein (im Wortsinn) exklusives Elitenfach, unzugänglich für Nicht-Europäer*innen. Die Behandlung von Themen wie Sex und Gender ist Teil dieses Problems, weil jahrhundertelang nur die männliche Perspektive auf die antiken Texte existierte, die überdies meist ebenfalls von Männern geschrieben sind. Diese doppelte Maskulinisierung ging offenbar mit der Verharmlosung und Billigung von sexueller Gewalt einher, was heutige Lernende zunehmend abstößt.

Diese Situation ist für die klassisch-philologische Community nicht einfach, auch und gerade für solche Lehrende und Forschende, die eigentlich gern neue Perspektiven einnehmen würden. Für männliche Lehrer kann es eine Herausforderung darstellen, sich mit Inhalten wie sexueller Gewalt zu befassen. Neben der eigenen Unsicherheit gegenüber den Schüler*innen besteht immer die Gefahr, sich Animositäten auszusetzen: einerseits wird von weiblich-feministischer Seite der Vorwurf der Ahnungslosigkeit erhoben, andererseits droht die Häme der Konservativen. Dazu kommt die Furcht vor Konsequenzen seitens Eltern oder Schulleitung, im akademischen System auch die Angst vor einem vorzeitigen Karriereende. Zahlreiche Lehrende entscheiden sich daher für die konsequente Vermeidung jeglicher als heikel empfundener Inhalte.