Wer wie ich in den Siebzigerjahren in Magdeburg aufwuchs, hatte als Kind wenig, womit sich außerhalb der Stadt angeben ließ, abgesehen vom niedrigsten Straßenbahntarif der DDR (15 Pfennige) und dem Fußballverein 1. FC Magdeburg. Anders als die 270 Elbkilometer entfernten Dresdner, die schier erdrückt wurden von ihrer glanzvollen Geschichte und sie scheinbar ungebrochen in die Gegenwart hinübergetragen hatten, galt Magdeburg als hässlich und unbedeutend. Irgendwann früher mochte die Stadt einmal eine blühende Handelsmetropole, Pfalz Ottos des Großen und Bischofssitz gewesen sein, 60 Türme bildeten die mittelalterliche Stadtsilhouette, aber dann hatte Tilly 1631 die Stadt ausgelöscht, trotz des Wiederaufbaus konnte sie an den alten Glanz nicht anknüpfen und 400 Jahre später starb sie noch einmal "im Bombenhagel des 16. Januar 1945", wie es zu DDR-Zeiten gern formuliert wurde. Von den 60 Türmen blieben wenig mehr als ein Dutzend übrig, der Rest wurde durch Schornsteine und Hochhäuser ersetzt. Besucherinnen und Besucher wurden zu Dom und Kloster geschickt, "mehr ham wa nich". Auch dass Magdeburg in den Zwanzigerjahren die Modellstadt der Moderne war, blieb eine Generation lang Expertinnenwissen, obwohl es diese Gebäude noch gab. Vom Magdeburger Recht habe ich in den sechs Jahren Geschichtsunterricht, die ich in Magdeburg hatte, nicht einmal gehört. Umso überraschter war ich, als ich vor ein paar Jahren ausgerechnet in Minsk, Belarus, zum ersten Mal davon hörte. Dort steht das Magdeburger Recht stellvertretend, wenn auch historisch nicht ganz genau, für Werte wie kommunale Selbstverwaltung, Dezentralisierung, freie Wahlen.

Es ist ein Paradox, dass auf dem Breiten Weg in Magdeburg wohl bis heute kaum jemand sagen könnte, was das ist, das Magdeburger Recht, aber in Litauen, Ungarn, der Ukraine oder Belarus fast jeder und jede es kennt, weil es eng mit den Stadtgründungen und der kommunalen Selbstverwaltung dort verbunden ist und als Beleg dafür gilt, dass die Städte Osteuropas seit Jahrhunderten Teil von Europa sind. Denkmäler in Kiew, Minsk oder Jurbakas künden davon.

Am Wochenende hat nun im Magdeburger Kulturhistorischen Museum die Ausstellung Faszination Stadt – Die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Recht eröffnet. Sie will die Bedeutung des Magdeburger Rechts ins Bewusstsein der Stadt zurückholen, weil Magdeburg zwar "eine großartige Geschichte" hat, wie die Direktorin der Magdeburger Museen, Gabriele Köster sagt, aber bedingt durch die völlige Zerstörung der Stadt "eine schlechte Überlieferung". Die Erfolgsgeschichte muss daher anhand von Sekundärüberlieferungen anderer Städte erzählt werden – und anhand von 408 Objekte aus zwölf Ländern. Insgesamt 46 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedenster Fachbereiche wie Archäologie, Kunstwissenschaften, Geschichte und Linguistik aus Deutschland, Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Litauen, Belarus, der Ukraine und Russland sind an Ausstellung und Katalog beteiligt.

Annett Gröschner lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Radiofeatures und Reportagen. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Das Magdeburger Recht hatte sich gegen Ende des 12. Jahrhunderts aus einem Markt- und Kaufmannsrecht entwickelt und gilt als Baustein des modernen Europas, weil es die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Rechtsordnungen entscheidend mitgeprägt hat. Sein Erfolg lag auch daran, dass es nicht festgeschrieben war. Es gab nicht – wie heute üblich – eine konkrete Kodifikation, sondern war ein "im Einzelfall sehr variables Konglomerat von Normen und Rechtsvorstellungen". Es wurde von einem Schöffengremium, dem Schöppenstuhl, im Gerichtsprozess gefunden und war so leichter übertragbar auf die sehr unterschiedlichen Städte, die es anwendeten. Es war kein Gesetz, das von einer übergeordneten Instanz aus Prinzip befohlen oder verordnet wurde, sondern wurde durch Erfahrung geformt. Der Schöffenstuhl wurde erst auf Anfrage tätig, er gab keine Weisungen oder Befehle. So kam es auch, dass das Magdeburger Recht in den unterschiedlichen Orten verschieden ausgelegt wurde und mal mehr, mal weniger auch in der Stadt lebende Minderheiten und Zugezogene, Frauen und Mädchen einschloss.

Mit den Stadtgründungen verbreitete es sich bis weit nach Osteuropa. Rund 1.000 Städte wandten es an, darunter Breslau, Krakau, Vilnius, Buda und Kiew. Westlichster Ort war Quedlinburg im Harz, östlichster Charkiw in der Ukraine.

Was das Recht attraktiv machte für viele Städte von Elbe bis Dnepr, war neben der im Gesetz geregelten städtischen Autonomie die Offenheit für fremde Sprachen, ungewöhnlich für die Zeit, in der Rechtsordnungen hauptsächlich in Latein verfasst waren. Allein in fünf slawischen Sprachen ist das Magdeburger Recht überliefert.

So wurde es zu einer Art Exportschlager, Marke oder Franchise für Städte östlich der Elbe, die schon gegründet waren oder sich in Gründung befanden. Erst mit der Ausbildung territorialer Staatlichkeit wurde das Magdeburger Recht ab dem 16. Jahrhundert nach und nach abgeschafft, in Vilnius und Breslau sogar erst im 19. Jahrhundert. In der Ukraine galt es am längsten und verlor erst mit der Einführung des russischen Zivilkodex 1840 an Bedeutung.