Es ist ein Geschäft, das ohne Liebe nicht zu erklären ist: Zwei Privatleute kaufen den Berliner Verlag, der lokale Nachrichtenwebseiten betreibt und die Berliner Zeitung, den Berliner Kurier und das Berliner Abendblatt herausgibt. 20 Jahre lang wurde das Unternehmen von einem Eigentümer zum nächsten gereicht, und nun geht es in die Hände von Silke und Holger Friedrich über. 

Wobei – handelt es sich tatsächlich noch um ein Unternehmen? Der Form nach sicherlich. Aber Ziel und Zweck eines Unternehmens ist es eigentlich, Gewinn zu erwirtschaften, und davon hatte sich der Verlag in den vergangenen Jahren zunehmend entfernt. Die Verluste waren chronisch, und der bisherige Eigentümer, das Medienunternehmen DuMont, verlor ganz offensichtlich den Glauben, dass man in Berlin noch Geld verdienen kann. 

Warum kauft ein Ehepaar also einen solchen Verlag? 

"Wir verstehen diesen Schritt als zivilgesellschaftliches Engagement in bewegten Zeiten", sagt sie. 

"Wir möchten mit einer versachlichten, faktenbasierten Berichterstattung den politischen und gesellschaftlichen Diskurs für Berlin und aus Berlin heraus bereichern", sagt er. 

Öffentlich sind Silke und Holger Friedrich bisher wenig in Erscheinung getreten. Dem Fachdienst Meedia zufolge ist er ein erfolgreicher Softwareunternehmer und -manager, zudem Gründer eines Technikthinktanks namens Core. Sie leitet eine von den beiden gegründete Privatschule. Und gemeinsam betreiben sie das E-Werk, einen erfolgreichen Technoclub. 

Zwei Dinge sind sicher. Es braucht viel Idealismus und Bürgersinn, um so ein riskantes Unterfangen zu beginnen – und es braucht viele Millionen Euro. 

Der Berliner Markt gilt als besonders schwierig, mancher sagt, als unschiffbares Gewässer, und das seit 30 Jahren. Erstens gibt es in der Stadt mehr Zeitungen und lokale Medienangebote als in jeder anderen Stadt. Zweitens haben die beiden größten Verlage bis vor einigen Jahren einen unerbittlichen Preiskampf ausgetragen, auf der einen Seite der Berliner Verlag und auf der anderen der Tagesspiegel (der zur DvH Medien-Gruppe gehört, die wiederum 50 Prozent an der ZEIT besitzt). Nicht zu vergessen: Die Bild-Zeitung und die Welt haben ihren Hauptsitz in Berlin – und damit auch exzellente Lokalredakteure. Versuche, den lokalen Medienmarkt durch Fusionen zu bereinigen, sind gescheitert. Von den Zugezogenen ließen sich zu wenige als Abonnenten gewinnen, während Teile der traditionellen Leserschaft wankelmütig wurden und sich dadurch bestärkt fühlen konnten, dass man nur wenig Geschick brauchte, um sich von einem kostenlosen Probeabonnement ins nächste zu hangeln. Als wäre das nicht genug, forderte die Digitalisierung viele Regionalzeitungen noch stärker heraus als andere Medienunternehmen.

Der Traum von internationaler Relevanz

Publizistisch war die Berliner Zeitung seit der Wiedervereinigung einer zusätzlichen Spannung ausgesetzt. Sie war die Zeitung des Ostens. Man könnte auch sagen, sie wurzelte tief in einem sozialkonservativen Milieu, viele ihrer Abonnenten wählten erst die SED-Nachfolgepartei PDS und später Die Linke. Zugleich erarbeitete sich das Blatt aber im Feuilleton und durch seine Reportagen den Ruf, eine progressive, gesamtdeutsche Hauptstadtzeitung zu sein. 

Seither ist einige Zeit vergangen, fast ein Jahrzehnt, und die Friedrichs übernehmen den Verlag nun nach harten Sparprogrammen mitten in einem Umbau. Nur Tage bevor sie sich offiziell als neue Eigentümer vorstellten, wurde intern ein redaktionelles Konzept präsentiert, mit dem alle drei Zeitungen und Onlineangebote aus einer Redaktion heraus gestaltet werden sollen. Was daraus wird, ist offen. 

Die Friedrichs werden all diese Umstände gekannt haben. Trotzdem haben sie sich entschlossen, das Risiko einzugehen. Sie glauben offenbar, dass Berlin ein Medium wie die Berliner Zeitung braucht. 

Und an dieser Stelle sieht es fast danach aus, als schließe sich ein Kreis. Nach der Wiedervereinigung wollte der damalige Eigentümer die Berliner Zeitung zu einer deutschen Washington Post machen, einer Hauptstadtzeitung mit nationaler, wenn nicht internationaler Bedeutung. Dort sollten die Debatten stattfinden, die ein neues, wiedervereinigtes Deutschland prägen. Ökonomisch wurde daraus nichts, aber auch dem publizistischen Vorbild, der Washington Post, erging es nicht gut. Sie litt unter der Digitalisierung, bis sie vor sechs Jahren einen neuen Eigentümer bekam. Einen erfolgreichen Softwareunternehmer mit Bürgersinn, der glaubte, es fehle dem Blatt einfach an technischer Kompetenz und Innovationsfreude. Dieser Mann heißt Jeff Bezos, ist Gründer von Amazon und einer der reichsten Männer der Welt, und er hat die Washington Post seither auf einen guten Weg gebracht. 

Nun ist die große Frage für Berlin: Welchen Plan verfolgen die Friedrichs? Wie weit reichen ihre finanziellen Ressourcen? Schon einmal war der Vergleich mit der Washington Post leider unzutreffend.