Er steckt voller Wut und Ressentiment. Er glaubt zu wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Mit der Migrantenflut, der Political Correctness, dem Genderwahn. Jemand muss endlich aufräumen mit dem politischen Kartell, das dieses Land lähmt und reglementiert. "Wir" gegen "sie", das Volk gegen die Eliten, die Guten gegen die Bösen. Der Populist ist ein Antidemokrat und Antipluralist, der will, dass seinesgleichen die Macht übernehmen und dass die anderen dann endlich Ruhe geben. Die haben ja ohnehin schon zu viel Stimme, zu gute Netzwerke, und wenn sie eine Mehrheit auf ihrer Seite wissen, kann es nur daran liegen, dass sie unfair spielen. Der Populist hat kein Problem, sie mit allen Mitteln zum Schweigen zu bringen – und nur bis er seine Macht gesichert weiß, lässt er das noch halbwegs demokratisch aussehen. Der Populist will Meinungsfreiheit, aber nur für seine eigene Meinung. Basta.

Mit dieser Wahrnehmung, dieser Beschreibung von Populismus, verbinden sich gerade wieder allerhand Befürchtungen: dass mit der erstarkten populistischen AfD in Sachsen und Brandenburg eine totalitäre Politik kurz vor ihrer Vollstreckung steht. Aber trifft die Beschreibung des Populismus als per se antidemokratisch wirklich den Kern des Populismusphänomens? Oder liegt das Problem im Umgang mit Populisten vielmehr darin, dass Populismus und Demokratie gar keine unbedingten Gegensätze sind – und dass die beständige Behauptung des Gegenteils den Populisten, die sich dann in der Ablehnung der anderen als "wahre Demokraten" gerieren, erst die Unterstützer in die Arme treibt? Ja: Konfrontiert uns der Populismus womöglich sogar mit der ursprünglichen Kernidee der Demokratie?

Nach der einflussreichen Definition des Politikwissenschaftlers Jan-Werner Müller konstituieren den Populismus keine bestimmten politischen Inhalte. Was Populisten zu Populisten macht, das ist vielmehr die Behauptung: Wir – und nur wir – repräsentieren das Volk. Der Populismus sei daher "der Tendenz nach zweifelsohne antidemokratisch". Doch diese Folgerung ist keine analytische Wahrheit. Zwar nehmen populistische Regierungen wie die in Ungarn oder Polen zumeist autoritäre Züge an. Das heißt aber nicht, dass populistische Bewegungen nicht auch von demokratischen Impulsen angetrieben sind. Ob die Parole "Wir sind das Volk" wirklich antidemokratisch ist, zeigt sich erst, wenn die Populisten, die sie proklamieren, an der Macht sind – und wie sich "das Volk" dann zu denen verhält, die nicht in ihm aufgehen mögen.

Populisten geht es um Freiheit und Gleichheit in einem unmittelbaren Sinn. Niemand, das vermitteln sie ihren Anhängern, hat das Recht, mich zu beherrschen, denn der andere ist ein Mensch wie ich. Das aber kommt der demokratischen Uridee sehr nahe, wie sie der österreichische Verfassungsrechtler Hans Kelsen in seiner 1920 erschienenen Schrift Vom Wesen und Wert der Demokratie zusammenfasste: "Wenn wir schon beherrscht werden müssen, so wollen wir nur von uns selbst beherrscht sein." Und: "Politisch frei ist, wer keinem anderen als seinem eigenen Willen untertan." Daraus lässt sich auch ableiten: Wer sich be-herrscht fühlt, ist nicht frei – und die Herrschaft also, im Sinne dieses Wunsches nach unmittelbarer Freiheit und Gleichheit, nicht legitim.

Heutige Populisten teilen genau diesen grundlegenden Impuls: "Heimlicher Souverän ist eine kleine, machtvolle politische Führungsgruppe innerhalb der Parteien", heißt es etwa im AfD-Grundsatzprogramm. Daraus wird dann das Ziel der Partei abgeleitet, das "politische Kartell" zu zerschlagen – und dem wahren Volk seine Herrschaft zurückzugeben. Populisten wollen nicht Freiheitsräume für "andere" Minderheiten, sondern maximale Herrschaft der "eigenen" Mehrheit. Sie wollen frei sein im radikalen Sinn, sie wollen sich selbst beherrschen, und zwar so, wie sie es für richtig halten. In diesem Sinne hält der Journalist und Buchautor Justus Bender die Anhänger der AfD sogar für "Hyperdemokraten" und "Hyperliberale", die eine Befreiung von den Zumutungen der repräsentativen Demokratie fordern.