Diese Haltung ist – Überraschung – weder zwingend urban noch elitär. Sie hat auch nicht zwingend mit intellektuellen Berliner Milieus zu tun, wie gern unterstellt wird. Es ist höchste Zeit, sich dieses Narrativ, diesen Spin, nicht mehr aufzwingen zu lassen. Dabei könnte man sich nun auf hehre Werte wie Anstand und Mitmenschlichkeit berufen. Vielleicht ist es aber auch produktiver, an dieser Stelle eine ganz andere Kategorie einzuführen, die Linke so zuverlässig befremdet, wie sie bei Rechten vielleicht ein abstraktes minibisschen Verständnis erzeugen kann: Es geht hier nämlich auch um so etwas wie Heimatliebe, darum, ganz egoistisch, die eigene kleine Herkunfts- und Lebenswelt vor zerstörerischen Kräften zu beschützen. In Dresden mag man Angst vor Neuköllner Verhältnissen haben (ohne jemals länger dort gewesen zu sein), in Neukölln kann man aber auch durchaus Angst vor Dresdner Verhältnissen bekommen. Das von Jörg Meuthen beschworene "Hell-Deutschland" ist nun einmal vor allem insofern hell, als es weiß ist – und es bitte auch bleiben soll.

Die zuletzt in Analogie zur Ostalgie beschworene Sehnsucht nach der "alten BRD" ist dabei ebenso wenig zentral, wie es die Verhältnisse in der so apostrophierten "Haupstadtblase" sind. Es geht auch und vor allem um die Gegenwart von Orten wie etwa dem Ruhrgebiet, in denen das Gefühl von Zuhause ohne Migration und ihre sozialen Folgen gar nicht mehr zu denken ist (oder nie zu denken war). Dieses Zuhause ist akut bedroht. Wer Michel Houellebecqs Unterwerfung nicht AfD-like als antimuslimisches Pamphlet liest, sondern als dystopisches Panorama, der ahnt, wie seine Zerstörung ablaufen kann. Wenn der Rassismus nur lange genug differenziertes Verständnis dafür bekommt, dass er Menschen erkennbar anderer Herkunft nur unter großem Vorbehalt toleriert und niemals als gleichrangige Bürger akzeptiert, wenden sich diese Menschen ab und bilden ihrerseits totalitäre (und rassistische) Strukturen. Und wenn sie ohnehin schon totalitäre (und rassistische) Denkmuster pflegen, ist das Letzte, was hilfreich ist, Totalitarismus (und Rassismus) von der anderen Seite.

Hilfreich ist nicht hilfreich

Nun ist natürlich auch die Kategorie des Hilfreichen zweifelhaft. Doch mit ihr lässt sich vielleicht einmal darauf hinweisen, dass es auch außerhalb der sächsischen und brandenburgischen Provinz Menschen und Milieus gibt, die Verständnis brauchen, wenn sie sich nicht verschließen sollen. Auch zwischen Konstanz und Niebüll richten Abwendung und Ausgrenzung Schaden an. Oder deutlich optimistischer ausgedrückt: Auch hier gibt es ein Deutschland, das sich – bei allen Problemen mit schlecht gemanagter Migration – als positive Erzählung begreift.

Der Punkt wird in der Fläche der besonders AfD-freundlichen Bundesländer freilich nicht ganz leicht zu machen sein: Wie vermittelt man Menschen, die sich selbst von einer links-grünen Diskurshegemonie bedrängt und sowieso seit Jahrzehnten "vom Westen" missachtet fühlen, dass man ihre rechts-braune Diskurshegemonie, die Überpräsenz ihrer Themen, ihrer Zuspitzungen und auch Lügen in der öffentlichen Debatte, nicht mehr erträgt?

Vielleicht appelliert man doch, ein letztes Mal verzweifelt, an die Empathie, an selbst erlebte Fremd- und Unsicherheit der Rassistinnen, und sei es nur als einzelner Auswärtsfan in einer anderen Stadt vor einem Fußballspiel. Vielleicht erinnert man sie an die unangenehmen Erfahrungen oder mindestens das unbehagliche Gefühl, das damit einherging. Und weist dann dezent darauf hin: Wer von Rassisten als andere markiert ist, erfährt dieses Gefühl jeden Tag.

Weil das noch nicht einmal vollständig wahr ist, weil sich lebenslange rassistische Erfahrung, wie sie einschlägig beschrieben wird, nicht an- und ausziehen lässt wie ein Fußballtrikot, gebührt denen, die von Rassismus betroffen sind, alle Solidarität. Und es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass das Reden oder Nichtreden sich an ihren Bedürfnissen orientiert. Die Differenz zwischen dem bürgerlich auftretenden Nationalkonservativen und dem geifernden Neonazi ist für eine offene Gesellschaft nur sehr bedingt wichtig, solange beide Rassisten sind. Das spricht sich hoffentlich noch herum.