Es ist Mittwochmorgen, halb sieben: Vor meinem inneren Auge explodiert urplötzlich ein Feuerwerk, gleichzeitig fühlt es sich an, als drücke jemand meinen Oberkörper auf die Nägel eines Fakirbretts. Ich stehe senkrecht im Bett, weil die Müllabfuhr mit laufendem Motor vor meinem Haus hält und Hunderte Glasflaschen mit lautem Klirren in den Wagen kippt. Für die meisten Menschen in der Großstadt ist so eine Situation nicht weiter erwähnenswert, sie stopfen sich Watte in die Ohren und schlafen weiter. Aber nicht für mich: Ich höre das zerbrechende Glas nämlich nicht nur, ich spüre es auch körperlich – und ich kann das Geräusch sehen.

Julia Schmitz, geboren 1983 in Köln, arbeitet als freie Kulturjournalistin und Autorin in Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Was ist bei mir anders, warum nehme ich akustische Eindrücke auf diese Art wahr? Synästhesie nennt man das neurologische Phänomen, das sich hinter der Hypersensibilität meiner Sinnesorgane verbirgt. Während der Großteil der Menschen auf Reize mit nur einem Sinn reagiert – Töne hören, Farben sehen, Gerüche riechen – feuern bei mir oftmals alle Synapsen durcheinander. Areale, die im Gehirn weit auseinander liegen, reagieren bei Synästheten gemeinsam: Wir sehen Geräusche, schmecken Farben, fühlen Buchstaben. Oft sind zwei, manchmal auch drei oder vier Sinne miteinander in Kontakt. Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich und der Kölner Universitätsklinik für Neurologie fanden vor einigen Jahren heraus, dass Synästheten mehr graue Gehirnsubstanz aufweisen als Nicht-Synästheten; unter anderem in dem Bereich, der für die Farbwahrnehmung zuständig ist.

Nur eine Person unter tausend, hieß es lange, besitze diese Form der Wahrnehmung. Mittlerweile wird die Dunkelziffer aber weitaus höher eingeschätzt, rund vier Prozent aller Menschen könnten von Synästhesie betroffen sein, ohne es zu wissen. Denn wer fragt seine Freunde schon, ob sie das Geräusch eines vorbeifahrenden Motorrads auch als ein bräunliches Knäuel sehen oder sich von einem orangefarbenen M unangenehm bedrängt fühlen? Wer kommt von sich aus auf die Idee, dass nicht für alle Menschen der Freitag die Form eines blauen Quadrates hat? Viele Jahre lang erzählte ich kaum jemandem von der bunten Welt in meinem Kopf. Tat ich es doch, stieß ich oft auf Unverständnis. Du siehst Farben, wenn du Musik hörst? Nimmst du zu viele Drogen?

Was in der Zusammenfassung tatsächlich wie die Halluzinationen eines LSD-Trips klingt, kann auf Dauer ganz schön anstrengend sein: Weil alle Kanäle weit geöffnet sind, befindet sich mein Gehirn rund um die Uhr im Dauerbeschuss. Fährt ein Krankenwagen mit eingeschalteter Sirene an mir vorbei, muss ich mich stur auf meinen Weg konzentrieren, überhöre dabei Fragen oder vergesse, wo ich hinwollte. Zu stark ist der Druck auf meine Kehle in diesem Moment, zu einnehmend das Bild eines wabernden roten Streifens vor meinem inneren Auge. Noch unangenehmer ist es bei Regen, wenn das Geräusch des aufspritzenden Wassers auf der Straße mich zusätzlich im Ohr kitzelt und einen silbrig-glimmernden Vorhang vor mein inneres Auge schiebt. Gibt es einen Knall oder eine Explosion, setzen mich ein riesiger brauner Fleck und ein gefühlter Faustschlag in die Magengrube für einen Augenblick außer Gefecht.

Um Körper und Geist von diesem Neuronenfeuer zu befreien, fahre ich regelmäßig in den Wald, wo es ruhig ist. Dann legt sich die Stille wie eine samtig weiche und weiße Decke über mich, ein Specht klopft ein paar schwarze Punkte in mein Sichtfeld und das Rauschen der Kiefern wird zu einem sanften Glitzern.

Dass ich die Welt um mich herum anders wahrnehme als die meisten meiner Bekannten, wurde mir erst spät bewusst. Dabei hatte ich meine Synästhesie schon früh entdeckt: Mit fünf Jahren – ich hatte gerade die Namen der einzelnen Wochentage gelernt – fragte ich meinen Vater, welche Farbe und Form der Montag für ihn habe, meiner sei gelb und rund. "Bei mir ist er grün und dreieckig", antwortete er, nahm sich meine Buntstifte und malte seine Woche auf ein Blatt Papier. Den Begriff Synästhesie hatte er zu dem Zeitpunkt noch nie gehört, erst viele Jahre später sollten wir feststellen, welche wundersame Fähigkeit wir beide teilten.