Das Berliner Stasi-Museum und das Ischtar-Tor mit syrischer Aghabani-Stickerei © Studio Khaled Barakeh nach einer Fotografie von Guevara Namer (2019)

Ich reise gerne nach Klang. Swanetien, Sarmatien, Podolien sind Destinationen der Verheißung, die aus dem Wort kommt. Auch Damaskus gehört in die Reihe. Ich war noch nie dort und habe im Moment auch keine Hoffnung, dass ich die Stadt je betreten werde. Aber allein das Wort schafft Geschichten im Kopf. Damast ist darin und Kuss. Diskus und Diskurs.  

Annett Gröschner lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Radiofeatures und Reportagen. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Damast ist, wenn es nicht eine billige Kopie aus dem Chemiefaserwerk ist, ein ganz besonderer Stoff. In China erfunden und in Damaskus so verbreitet, dass er den Namen der Stadt erhielt, kommt er schon lange nicht mehr aus Syrien. Auch nicht aus der Oberlausitz, wo seit 1666 die deutschen Damastwebstühle standen. Am ehesten wieder aus China.

Die Mütter meiner Generation bekamen Damast als Aussteuer, in Tischdeckengröße. Seide, Kammgarn und Leinen, manchmal auch feine Baumwolle bildeten schimmernde Muster, nur unter schrägem Lichteinfall als solche erkennbar. Die Damasttischdecke wurde zu besonderen Anlässen aufgelegt. In den Lagerfaltungen hatte sich während langen Liegens Staub als andersfarbiger, matter Schimmer angesammelt, der ausgebreitet regelmäßige Vierecke mit nach außen gewölbten Fluchtlinien bildete. Großmutter griff bei Ausflügen zu Kaffeekränzchen in den Stoff und sagte manchmal das für Kinder seltsame Wort "Friedensware". Sie hätte auch leise und staunend "Damaskus" sagen können. Manchmal verschüttete sie den Rotwein, statt ihn zu trinken, aber nie mit Absicht. Auf Damasttischdecken zog der Wein nie sofort in den Stoff, sondern bildete erst einmal Tropfen, die zu Flecken wurden, wenn Großmutter hektisch mit einem Stofftaschentuch oder der Serviette den Rotwein aufzuwischen versuchte.

Die poetischen Umrisse von Aleppo kenne ich schon dank Widad Nabi, meiner syrischen Tandempartnerin beim Projekt Weiter Schreiben. Die von Damaskus muss ich noch lernen.

Ich kann also kein Damaskuserlebnis vorweisen. Im doppelten Sinne nicht. Paulus von Tarsus begegnete der Lichterscheinung des auferstandenen Jesus auf dem Weg in die Stadt und wurde bekehrt, vom Verfolger der Urchristen zu ihrem Apostel im göttlichen Missionsauftrag. Im Volksmund wurde das Damaskuserlebnis auch "vom Saulus zum Paulus" genannt. Oder Schlüsselerlebnis. Oder Wendung um 180 Grad. Aber Damaskuserlebnis klingt viel schöner.

Zwar habe ich ab und an einige meiner Ansichten der Zeit angepasst, aber an meiner Sicht auf die Welt hat sich trotz friedlicher Revolution und dem einschneidenden Erlebnis der Wiedervereinigung – Wendung um 180 Grad – und dem nachfolgenden Leben in einer anderen Gesellschaftsordnung wenig geändert. Im Gegenteil, diese Sicht hat sich in den letzten Jahren noch gefestigt. Ich könnte es mit einem Satz aus Heiner Müllers Stück Der Auftrag beschreiben (und würde es, wenn es von mir wäre, gendern): "Solange es Herren und Sklaven gibt, ist unser Auftrag nicht erledigt." Ich habe den Satz an einem Wochenende im Juni auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof gefunden. Jemand hatte den Zettel, zum Schutz vor dem Regen in Klarsichtfolie verpackt, auf das Grab von Heiner Müller gelegt und mit einem Stein beschwert, vielleicht von Hegels Grab entwendet, auf dessen Grabstein viele Steine liegen.

Ich könnte es auch anders formulieren, mit Franz Jung und seiner Vorarbeit für das Buch mit dem grandiosen Titel Die Technik des Glücks: "Ein kleiner Bruchteil weniger Glücklicher darf nicht von der Ausbeutung der vielen, der Unglücklichen leben. Wir dürfen die Welt nicht nur betrachten, wir müssen sie verändern. Bis alle glücklich sind."