Berlin, die tröstende Stadt – Seite 1

Das Café Al-Nofara in Damaskus ist 500 Jahre alt. Im Jahr 2000 war ich dort das erste Mal und es war auch das erste Mal, dass ich überhaupt in einem Café saß. Ich war damals 15 Jahre alt. Das Al-Nofara ist berühmt für seinen Hakawati, einen Erzähler, der den Gästen mit seinen Märchen und Geschichten Hoffnung und Fantasie schenkt. Heute schlüpfe ich in die Rolle des Hakawati und erzähle euch eine Geschichte über zwei Städte: Damaskus und Berlin. Ich erzähle euch von dem, was sie verbindet. Denn das, was sie verbindet, sind nicht ihre geografische Lage oder ihre Triumphe, sondern der Wunsch ihrer Bewohnerinnen und Bewohner, aus den Trümmern aufzustehen und einen Neubeginn zu wagen.

Widad Nabi, geboren 1985 im syrischen Kobani, lebt heute in Berlin. Die kurdisch-syrische Lyrikerin und Autorin absolvierte einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Aleppo. 2013 erschien ihr Buch "Zeit fūr Liebe, Zeit fūr Krieg" in Aleppo. 2016 folgte "Syrien und die Sinnlosigkeit des Todes" in Beirut. 2017 nahm Widad Nabi am Poesiefestival in Berlin teil. Zurzeit ist sie Stadtschreiberin von Wiesbaden. © Heike Steinweg

Meine Geschichte beginnt im Jahr 1898. Den Geschichtsbüchern zufolge reisten in jenem Jahr Kaiser Wilhelm II. und seine Frau Auguste Viktoria nach Damaskus, das sich prächtig geschmückt hatte, um ihnen einen großen Empfang zu bereiten. Das kaiserliche Paar besuchte die Märkte, die alten Viertel und die Umayyaden-Moschee, vielleicht setzten sie sich auch in das Café Al-Nofara, das direkt daneben liegt. Beeindruckt sagte der Kaiser: "Will ein Kaiser Herrliches erfahren, dann muss er Damaskus bereisen. Es gibt keinen schöneren Ort auf dieser Welt."

Als hätten sich die Schicksale der Städte gekreuzt und die Menschen zusammengeführt, machten sich mehr als 100 Jahre später die Nachfahren jener Damaszener ebenfalls über das Meer in Richtung Deutschland auf. Die Freundlichkeit, mit der sie empfangen wurden, wird in die syrischen Geschichtsbücher eingehen, genau wie der Empfang des Kaisers in Damaskus. Geschichten sterben nicht, sie schlummern in Zeit und Chroniken, bis ein Erzähler sie wiedererweckt – manchmal aus dem Anblick von Städten. Denn vielleicht erwidern Städte selbst nach so langer Zeit das, was ihnen gegeben wurde, vielleicht.

In Berlin finden viele der Damaszener Nachfahren eine Miniaturausgabe ihrer verlorenen Stadt vor: Häuser, Balkone, nette Viertel, Lieblingscafés – all das erinnert sie an das, was sie verlassen mussten. So erkennen sie und auch ich in der Wilmersdorfer Straße die Salhiya-Straße wieder, in der 1898 der deutsche Kaiser und seine Gemahlin von einem Podest auf die Damaszener blickten. Für einige meiner Freunde sind die beiden Straßen nahezu identisch, andere finden ihre Heimatstadt in den engen Gassen und dem Steinboden von Alt-Spandau wieder.

Städte sind nicht nur physische, sondern auch emotionale Orte. Sie formen unsere Identität, unsere Zugehörigkeit. Architektur kann eine Wunde im Gedächtnis der Geschichte sein, aber auch heilsam wirken. Die Berliner Bauten halfen vielen Syrern, das Gefühl von Fremde und des Verbanntseins zu überwinden. Auch mir ging das so.

Bei einem Spaziergang an der Spree geriet ich einmal zufällig in das Nikolaiviertel, von dem mir Freunde schon erzählt hatten. Es war wie Magie, eine Stadt in einer Stadt, eine Geschichte in einer Geschichte, eine andere Welt. Der älteste Ort in Berlin. Zwei hohe Kirchtürme, ein Platz wie ein himmelblauer Innenhof, an den Seiten Säulengänge mit Bögen aus Stein. Das könnte auch in Damaskus sein, dachte ich. Das Herbstlicht ließ alles noch schöner erscheinen. Die Kirche mit den beiden schmalen Türmen erinnerte mich an die Tekkiye Süleymans. Sie war von dem berühmten osmanischen Architekten Sinan erbaut worden, der wusste, dass Orte das Glücksgefühl und das Empfinden der Menschen beeinflussen. Die Tekkiye faszinierte mich schon immer. Sie ist etwa 500 Jahre alt, war Zufluchtsort für Sufis und Gelehrte der alten Welt. Ihre beiden schlanken Minarette sehen aus wie zwei zum Gebet erhobene Arme oder zwei Liebende, die nur darauf warten, dass ein Wunder geschieht und sie sich um den Hals fallen können. Wie die Kirchtürme im Nikolaiviertel.

Ich ließ die beiden Türme oder Minarette in meiner Vorstellung hinter mir, ging über das Kopfsteinpflaster und entdeckte, dass links und rechts in den Säulengängen Kunsthandwerk verkauft wurde. Auch an der Tekkiye wurden Teppiche, buntes Glas, Messingwaren, Brokat und Intarsienarbeiten angeboten. Am Ende des Weges in Berlin steht die Statue des Heiligen Georg mit dem Drachen am Ufer der Spree. Die Tekkiye Süleymans, umgeben von Weiden und Pinien, liegt ebenfalls an einem Fluss, dem Barada.

Das Gefühl, dass die beiden Städte im Verborgenen kommunizieren

Ebenso wie Hakawatis rückblickend erzählen, so will auch ich noch von meinem ersten Besuch in Damaskus und seinem Echo in Berlin berichten. Damals war ich noch ein Mädchen mit den geflochtenen Haaren einer Märchenprinzessin. Meine Schwester war an Migräne erkrankt. Wir suchten in der Stadt Medizin und fanden den Zauber. Auf dem langen Weg von Aleppo nach Damaskus platzte meiner Schwester fast der Schädel. Doch kaum waren wir angekommen, tranken wir das Damaszener Wasser, atmeten die Damaszener Luft, und schon ließen die Schmerzen nach. Wir besuchten die alten Märkte und ich kaufte dort eine wunderschöne bestickte Tasche, Damaszener Handwerkskunst. Ich verlor sie auf der Rückreise und trauerte ihr seither nach, bis mir 20 Jahre später eine Freundin in Berlin eine Tasche schenkte, die der alten ähnelte. Als ich die Tasche in den Händen hielt, sagte ich mir, das Leben kann auch gerecht sein. Und ich hatte erneut das Gefühl, dass die beiden Städte im Verborgenen kommunizierten, dass sie die Geschichten ihrer Bewohner zusammentrugen und sie so von ihrer bitteren Vergangenheit heilten.

Die vielen Details in Damaskus beeindruckten mich damals. In den Cafés saßen Frauen und Männer, rauchten Zigaretten, tranken Kaffee und Tee. Die alten Viertel waren so wunderschön, dass ich für immer bleiben wollte. Überall hörte ich Stimmen aus der alten Zeit. Stimmen, die ich auch in Berlin wieder höre, wenn ich durchs Nikolaiviertel spaziere oder in diesem einen Café in den Hackeschen Höfen sitze, das dem Al-Nofara ähnelt mit seiner offenen Atmosphäre, den Tischen im Freien und der alten Steintreppe gegenüber. Am Hackeschen Markt trank ich Tee wie im Al-Nofara, das ich später noch einmal mit drei Freunden besuchte. Damals hatten wir Angst, uns zu verlaufen, und fühlten uns fremd. Doch wir waren nicht fremd – weder in Damaskus noch in Berlin. Berlin führte uns drei wieder zusammen. Und so wie Damaskus gab uns auch Berlin ein Gefühl der Zugehörigkeit, die nicht einer bestimmten Identität entspringt, sondern einer Architektur, die eine Empfindung von Zuhause vermitteln kann.

Auch Svenja fühlte sich in Damaskus zeitweise an Berlin erinnert. Als wir gemeinsam im Nikolaiviertel spazieren gingen, sie, Annett, Dima und ich, sprachen wir über unsere Städte und jeder Satz öffnete eine weitere Tür. Die Damaszenerin Dima reichte Annett und Svenja die Schlüssel zu ihrem Zuhause. Im Gegenzug führten die beiden uns als Trost für Damaskus in die Straßen und Viertel Berlins ein.

Architektur schenkt eine ganz besondere Form der Identität. Sie bildet sich losgelöst von Religion und Nationalität, ist nur an den Ort gebunden. Sie kann uns Freude oder Trauer entlocken, weil sie nicht bloß Gestalt ist, sondern Zugehörigkeit und Zuhause. Orte, an denen wir uns glücklich fühlen, sind laut dem britischen Philosophen Alain de Botton Abbildungen dessen, was uns einst glücklich machte. In Geschichten können wir beidem auf die Spur kommen.

An dem Projekt "Mapping Berlin Damaskus" von WIR MACHEN DAS, gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa, beteiligen sich vier Autorinnen: Dima AlBitar Kalaji, Svenja Leiber, Annett Gröschner und Widad Nabi. Am 15. September um 17 Uhr lesen die vier Autorinnen auf dem internationalen literaturfestival berlin