Was man jetzt bräuchte, wäre etwas Zeit, eine Theaterbühne und einen dramatisch beleuchteten Tisch. An diesen würde man sich setzen und einen Abend veranstalten, der aus nichts weiter besteht als aus der Deklamation sämtlicher Flughafenreportagen, die in den vergangenen 24 Stunden rund um die Pleite des britischen Reiseunternehmens Thomas Cook erschienen sind. Die Theatervorstellung würde Schicksalsgeschichten heißen. Den Titel hat man sich von den Kollegen des Tagesspiegel geklaut, die ihren Onlineaufmacher in der Unterzeile Große Verzweiflung und Schicksalsgeschichten nannten. Andere Artikel anderer Zeitungen waren auch nicht ganz schlecht, aber die goldene Badelatsche des Katastrophenlageberichts gewinnen dieses Mal eindeutig die Freunde vom Schwesternblatt.

Was man da zusammentrug an Eindrücken, "Bilder von geschlossenen Check-in-Schaltern, langen Schlangen und ratlosen Reisenden", die "von der Nachricht kalt erwischt wurden" an den Schicksalsflughäfen London, Mallorca, Kos und Frankfurt, schüttete einem Schauerlawinen über den Rücken. Es kamen zu Wort:

Dieter aus Köln ("Mir geht's beschissen"), der nicht nach Fuerteventura reisen kann, oder sagen wir besser, nicht wie geplant reisen konnte, und damit die hauchdünne Grenze zwischen der fehlenden Reisefreiheit eines unfreien Bürgers ohne gültige Reisepapiere und der Improvisationsinsuffizienz eines freien Bürgers mit Pass, Geld und Möglichkeiten sehr eindrücklich markiert. Oder Lewis aus Manchester ("Meine Frau und ich sind am Boden zerstört"), der der britischen Nachrichtenagentur PI seine Notsituation dahingehend schildert, dass auch seine bereits vor einem Jahr gebuchte Ferienreise nicht stattfinden wird, und die Rückerstattung, das scheint der springende, der niederschmetternde, der bis an die Grenze des Belastbaren gehende Punkt zu sein, "Monate dauern kann".

Der Markt gibt, der Markt nimmt

Wütend, schockiert, ratlos, emotional – das sind Begriffe, die über die Berichterstattung zum Ferienpech gestreut werden, das zum jetzigen Zeitpunkt in erster Linie die Nordeuropäer betrifft und als einziges Desaster beschrieben wird. Man wartet jetzt eigentlich nur darauf, bis der erste Pauschalurlauber eine Musterfeststellungsklage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erwirkt, um damit auf das widerfahrende Leid aufmerksam zu machen, das darin bestand, den Junggesellenabschied nicht wie geplant in Zypern zu feiern, sondern in Clausthal-Zellerfeld oder Kingston upon Hull, wo man vielleicht gebürtig herkommt.

Die Berichte über die "größte Rückholaktion in Friedenszeiten seit dem Zweiten Weltkrieg" kommen erstaunlicherweise gänzlich ohne die Bemerkung aus, dass, wer seit zwei Jahrzehnten für acht-, neunhundert Euro All-inclusive-Billigurlaub in Billiglohnländern macht, sich zum sozialen und ökologischen Ausgleich auf eigene Kosten um die Rückreise mit Bus, Bahn und Linienflug kümmern könnte. Denn ist es nicht so: Der Markt gibt, der Markt nimmt. Jetzt hat der Markt genommen. Und dann fällt der Rückflug aus. Nichts Ungewöhnliches eigentlich. Zumindest, wenn man auf jener Seite der Welthalbkugel lebt, also der sozial oberen, die die Spielregeln für diese Form des Wirtschaftens millionenfach befürwortet, weil es alternative Formen des Konsums, Reisens, der Arbeit, Mobilität, Energiegewinnung, Nahrung und so weiter ablehnt. Man könnte auch in einer privaten Ferienpension Ferien machen, ohne Charterflieger reisen. Es ist möglich.

Die Aufregung in der deutschen Berichterstattung lässt sich nur erklären, wenn man sich die umfangreichen Statistiken dieses sehr speziellen Wirtschaftssegments namens Tourismusbranche anschaut. Es gibt wenig heilige BRD-Kulturgüter, aber das Verreisen zählt neben der Hundehaltung und dem Fleischverzehr in Kombination mit Bierkonsum eindeutig zur Schaumkrone des deutschen Savoir-vivre.

Viele Jahre lang war Deutschland mit seinen Ausgaben für Tourismus, noch vor den USA und China, auf dem ersten Platz, bevor es auf den zweiten Platz rutschte. So ein Satz schreibt sich schnell hin, trotzdem die Bitte, kurz innezuhalten. Das heißt, dass 80 Millionen Deutsche mehr Geld für Auslandsreisen ausgaben als mehr als 300 Millionen Amerikaner oder mehr als eine Milliarde Chinesen. Auf Platz vier der Reiseweltmeister der vergangenen Jahre steht fast immer Großbritannien. Beide Länder sind von der britischen Firmenpleite gerade exorbitant betroffen. Nicht die Ungarn, nicht die Zyprioten. Ein Drittel aller Europäer ist noch nie in ihrem Leben ins Ausland gereist.

Es gibt, das nimmt man erstaunt zur Kenntnis, eine überwältigend große Anzahl an Statistiken über die Reisebewegungen der Nationen. Einmal festgelesen und in den Tabellen verirrt, erkennt man auch warum. Der Tourismussektor ist eine schier unerschöpfliche Geldmaschine für Kreditkartenunternehmen und Versicherungen. Bevor die Roaminggebühren innerhalb Europas weitgehend abgeschafft wurden, zumindest innerhalb der EU, war es auch eine Goldgrube für die Telefongesellschaften. Diese Wirtschaftszweige geben Unmengen von Geld aus, um herauszufinden, mit wem sich am leichtesten Geld machen lässt.

Man kann aus den Daten erstaunliche Erkenntnisse ziehen: Aus Sicht der Deutschen und Engländer ist das Verreisen in andere Länder eine vollkommen normale Angelegenheit. Tatsächlich gehören sie mit ihrer Art, Ferien zu machen, innerhalb Europas zu einer Urlaubselite. Ein junger Belgier reist 15-mal häufiger ins Ausland als ein gleichaltriger Grieche. Nur ein Prozent aller Rumänen unter 24 Jahren haben mindestens einmal in ihrem Leben eine Nacht im Ausland verbracht. Lediglich die Hälfte aller Italiener, Spanier oder Polen ist über ihre Landesgrenzen gereist. Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Neben den fehlenden Möglichkeiten, ist es sicher auch der Mangel an Notwendigkeit, den ein Italiener darin sieht, sein Land zu verlassen, um sich irgendwo von Animateuren betanzen zu lassen.

Ein großer Theaterabend

Womit wir bei der zweiten Erkenntnis sind. Sie betrifft die wahnsinnige Anfälligkeit der Deutschen für All-inclusive-Urlaube und Pauschalreisen. Sie sind nicht nur gerne Propellerväter und Propellermütter, sie mögen es auch, im Ausland propellert zu werden. Die meisten Deutschen lassen sich in ein Hotel ans Meer bringen und bewegen sich in einem Radius zwischen Buffet, Pool und Bar. Das beantwortet natürlich ganz nebenbei die Frage, warum sich kaum eine Nation so viel und häufig in der Welt bewegt und genauso unwissend zurückkehrt wie zum Zeitpunkt der Abreise. Niedriglohnbeschäftigte Griechen, Italiener, Ägypter, Marokkaner, Portugiesen und so weiter tragen den Deutschen die gebratenen Koteletts und Cocktails an die Liege. Aber wenn man ihn fragt, den Deutschen oder Engländer, ob diese Leute umgekehrt auch mal kommen und arbeiten dürfen, dann lautet die Antwort: AfD, Pegida, Brexit.

Während man das hier schreibt, verfolgt man immer noch mit halbem Auge die aktuellen Nachrichten. Mittlerweile berichtet die Tagesschau von Krisenstäben, weil 50.000 Menschen in Griechenland von der Not betroffen sind. Damit sind natürlich nicht die Beschäftigten in der Tourismusbranche gemeint oder die Beschäftigten der Thomas-Cook-Unternehmen, auch nicht die Flüchtlinge in den Lagern, sondern die Urlauber. "Viele Koffer und verzweifelte Gesichter", berichten die Korrespondenten.

So viel ist sicher. Es wäre ein großer Theaterabend. Ein dramatischer Abend. Ein Abend, der viel über die Wirtschaft, den Journalismus und die Mentalitäten aussagt. Man sieht sich in Gedanken schon über die Bühnen der Staatstheater tingeln.