Wonach wir im Supermarkt greifen – Seite 1

Mitte Oktober wird wieder über den Wirtschaftsnobelpreis entschieden, genauer: den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Die Beratungen an der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften gehen jetzt in die heiße Phase. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit, versteht sich. Ich bin mir sicher, dass sich unter den Vorschlägen aus berufenen Expertenkreisen auch Nominierte finden, die sich "um die Integration biologischer Einsichten in die Ökonomie" verdient gemacht haben. Etwa Samuel Bowles, Ernst Fehr und Herbert Gintis – drei Ökonomen, die auch in hochrangigen naturwissenschaftlichen Zeitschriften publizieren.

Sabine Frerichs ist Professorin für Wirtschaftssoziologie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Schnittfeld von Recht, Wirtschaft und Gesellschaft sowie im Bereich europäischer Integration und Transnationalisierung. Sie verfolgt die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaft aus soziologischer Perspektive und beschäftigt sich dabei auch mit der Verhaltensökonomie. Sie ist Gastautorin für "10 nach 8". © privat

Diese Grenzgänger der Disziplin zielen darauf, die Ökonomie in eine echte Verhaltenswissenschaft zu verwandeln. Ein Projekt, für das auch früher schon Nobelpreise vergeben wurden: 1992 an Gary Becker, der ökonomische Erklärungen auf andere Bereiche menschlichen Verhaltens, beispielsweise das Heiraten, ausgeweitet hat. 2002 an Daniel Kahneman und Vernon Smith, die psychologische Einsichten und experimentelle Methoden in die Wirtschaftswissenschaft eingeführt haben. Und 2017 an Richard Thaler für seine Beiträge zur Verhaltensökonomie. Bowles und seine Kollegen erweitern die Verhaltensökonomie nun neuro- und evolutionsbiologisch. Politisch birgt diese Wendung zur Biologie jedoch Risiken: Der Versuch, historisch gewachsene Institutionen wie die Marktwirtschaft evolutionsbiologisch zu erklären, läuft Gefahr, sie als Naturnotwendigkeit erscheinen zu lassen. Es lohnt sich daher, genauer hinzuschauen, welche Art Politik in der Verhaltensökonomie steckt. 

Die Verhaltensökonomie hat sich zur Aufgabe gemacht, das in der Wirtschaftswissenschaft vorherrschende Modell vom rational agierenden Homo oeconomicus zu korrigieren. Die leitende Frage ist, wie der Mensch wirklich ist, mit all seinen menschlichen Schwächen. Thaler zufolge liegen die Grenzen der Rationalität in der Natur des Menschen. Das muss nicht unbedingt biologisch verstanden werden. Jedoch ist im Versuch, allgemeine Verhaltensgesetze aufzuspüren, eine Tendenz zur Naturalisierung von Denk- und Handlungsweisen angelegt. Die Antworten der Verhaltensökonomie werden in die Politik eingespielt, die mehr denn je evidenzbasiert sein, also auf gesicherten Erkenntnissen aufbauen sollen. Und dabei möglichst kosteneffizient: ökonomisch eben.

Am besten bekannt ist die Verhaltensökonomie für die Untersuchung kognitiver Fehlleistungen, welche die Rationalität unserer Entscheidungen beeinträchtigen. So gefällt uns oft das Produkt am besten, das uns als Erstes ins Auge springt, auch wenn es bei genauerer Überlegung nicht die beste Wahl ist. Dies macht sich die Werbung zunutze. Bei komplexen Entscheidungen, etwa solchen, die unsere finanzielle Zukunft betreffen, stecken wir dagegen gerne den Kopf in den Sand und tun gar nichts – oder wählen das, was uns in unserer Lebenssituation als normal erscheint, ob Bausparplan, Kapitallebensversicherung oder Aktienfonds. Und auch dann halten wir uns am liebsten an irgendeine Standardvariante. Diese Trägheit macht sich die Politik des nudging, wörtlich: des Anstupsens, zunutze. Durch Tricks und Kniffe sollen Entscheidungssituationen so gestaltet werden, dass wir auch unbedacht eine für uns geeignete Alternative wählen. Ein Beispiel sind betrieblich oder staatlich geförderte Rentensparpläne, in denen man automatisch Mitglied ist, mit vordefinierten Beitragsleistungen. Diese Vorselektion kann relativ leicht rückgängig gemacht werden (opt-out). Man kann sich also auch gegen eine Teilnahme an einem solchen Programm oder für eine andere Variante des Produkts entscheiden. Dies kommt einer Politik entgegen, die auf Wahlfreiheit und Marktwettbewerb setzt.

Die Verhaltensökonomie befasst sich zudem mit den moralischen Empfindungen, die unser Handeln leiten: die Orientierung am Wohlergehen anderer, an gesellschaftlichen Normen und moralischen Prinzipien. Kooperatives Verhalten ohne Gegenleistung widerspricht dem traditionellen Homo oeconomicus, der nur sein materielles Eigeninteresse im Kopf hat, ist jedoch nicht nur durch unsere Alltagserfahrung, sondern auch durch viele verhaltensökonomische Experimente belegt. Ökonomische Anreize sind unter solchen Umständen kontraproduktiv. Denn wenn der Mensch in erster Linie über sein Portemonnaie adressiert wird, droht dies seine intrinsische Handlungsorientierung am Wohl anderer beziehungsweise am Allgemeinwohl zu unterminieren. Es kommt zu einem Verdrängungseffekt: Was ursprünglich freiwillig geleistet wurde, wird nur noch gegen Bezahlung bereitgestellt. Zivilgesellschaftliches Engagement, von der Blutspende bis zum Ehrenamt, etwa geht zurück, wenn für die gleiche Tätigkeit auf einmal auch eine dem Marktpreis entsprechende Vergütung erzielt wird. Die Verhaltensökonomie rät daher, ökonomische Anreize durch Appelle an unser Verantwortungsgefühl für Mitwelt und Umwelt zu ergänzen.

Als Ratgeberin der Politik versucht die Verhaltensökonomie also zu viel Markt ebenso zu vermeiden wie zu viel Staat. Für einige Pioniere der Disziplin ist dieses Programm auch biologisch begründet. Sie verlängern die Verhaltensökonomie in die Neuroökonomie, welche neurobiologische Erklärungen für unsere begrenzte Rationalität liefert, und in die Evolutionsbiologie, welche die Ursachen für solche Verhaltensmuster in der Menschheitsgeschichte verortet. Das ist spannend, greift bei komplexen Institutionen wie der modernen Wirtschaftsordnung aber zu kurz, weil es die jüngeren Kapitel unserer Zivilisationsgeschichte vernachlässigt und ökonomische Ideen gar in die Funktionsweise des Gehirns hineininterpretiert. So spricht Paul Zak von der Nutzenfunktion als einer physiologischen Einheit im Hirn. Für Richard McKenzie sind Arbeitsteilung, Marktwettbewerb und Freihandel als Teil der Ökonomisierungsstrategie des menschlichen Gehirns zu verstehen. Und Paul Glimcher sucht nach einem neuronalen Organ, das unseren Umgang mit Geld erklärt, aber evolutionär sehr viel älter sein muss. Natürlich ist alles, was wir tun, auch in unseren Hirnen realisiert, und nicht alles ist mit unseren Hirnen technisch gesehen möglich. Suggeriert wird hier aber etwas anderes: dass wirtschaftliche Institutionen biologisch bestimmt sind.

Legitimierung einer auf Eigentumsmehrung gepolter Wirtschaftsordnung?

Die Gefahr, die Vorgeschichte zu stark zu betonen, zeigt sich an der Debatte über den Besitztumseffekt. Damit ist der psychologische Mehrwert gemeint, den der bloße Besitz eines Gutes ausmacht, unabhängig von dessen Anschaffungswert und Austauschbarkeit. Dinge, die sich gerade in unserem Besitz befinden, sind uns "teurer", als es ihrem Wert entspricht: der eigene Bleistift etwa oder der eigene Parkplatz. Diskutiert wird nun, ob es einen "Eigentumsinstinkt" gibt, wie Jeffrey Stake es nennt, ein angeborenes Besitzstreben also, oder so etwas wie "natürliches Privateigentum" (Gintis), welches in Ressourcenkontrolle und Territorialverhalten zum Ausdruck kommt. Damit könnte eine auf Eigentumsmehrung gepolte Wirtschaftsordnung Legitimation aus der Biologie erhalten. Auch verhaltensökonomische Experimente zeigen allerdings, dass der Besitztumseffekt an Bedingungen geknüpft ist. Bei Affen hängt er vom konkreten Besitzgegenstand ab und ist bei Essbarem stärker ausgeprägt als bei Spielzeug. Bei Menschen kann der Effekt durch eine veränderte "Rahmung" oder Interpretation der Situation (framing) zum Verschwinden gebracht werden. Und aus kulturvergleichenden Studien geht hervor, dass die Bedeutung des Besitzes kulturell erlernt ist. Eigentlich wissen wir das. Auch in der Share Economy zeigt sich, dass das Beharren auf Eigentum verlernt werden kann. Es ist also irreführend, den Besitztrieb als natürliche Konstante darzustellen.

Ein anderer Fall eines geschichtlichen Kurzschlusses betrifft die Frage, warum wir uns auch Fremden gegenüber häufig fair und kooperativ verhalten. Etwa Handelspartnern gegenüber, die wir nicht kennen und mit denen wir nie wieder zu tun haben werden. Fairness in dieser Form ist kulturübergreifend belegt, wenn auch unterschiedlich begründet. Neuroökonomisch wird unsere Bereitschaft zur Kooperation mit Fremden auf bestimmte Hormone zurückgeführt, die Mitgefühl und Vertrauen begünstigen. Evolutionsbiologisch wird wiederum von den Ursprüngen der Menschheit her argumentiert: Kultur wird zwar ansatzweise mitgedacht, etwa in der Form der Sprachentwicklung, welche genetische Veränderungen ebenso voraussetzt wie ein sich entwickelndes Gemeinschaftsleben. Damit sind wir aber noch Hunderttausende von Jahren von der modernen Gesellschaft entfernt. In der Zwischenzeit haben sich unsere Gene und Gehirne kaum entwickelt, die Struktur und Kultur menschlichen Zusammenlebens aber umso mehr, und zwar weit über basale Verständigungsformen hinaus. Unser Umgang mit Fremden ist heute durch die Institutionen des Marktes und des Geldes geprägt – und die abstrakte "Sprache des Preises". Diese Institutionen lassen sich jedoch nur begrenzt in die Menschheitsgeschichte zurückspiegeln. Unsere Wirtschaftsform ist das Ergebnis massiver gesellschaftlicher Veränderungen innerhalb weniger Jahrhunderte. Kapitalismus entsteht im Kopf: nicht als Instinkt, sondern als Idee. Unter anderem durch Gelehrte, die auch die moderne Wirtschaftswissenschaft entwickelt haben.

Zugestanden: Die geschichtlichen Wurzeln unseres Wirtschaftssystems mögen weiter zurückreichen. Fernhandel gibt es schon sehr viel länger, einige Rechtsgrundlagen gehen aufs Alte Rom zurück, und Besitzhäufung macht seit Beginn des Ackerbaus und der Sesshaftigkeit Sinn. Doch selbst mit dieser Vorgeschichte umfasst unsere Zivilisationsgeschichte nicht mehr als zwölftausend Jahre. Wenn die Verhaltensökonomie zur Erklärung dieser Entwicklung dennoch in die Urgeschichte der Menschheit zurückspringt, führt das dazu, dass eine von mehreren möglichen kulturhistorischen Entwicklungen quasi biologisch notwendig erscheint, die bestehende Gesellschaftsordnung als alternativlos hingestellt wird – eben weil sie unserer Natur entspricht.

Der Nobelpreis belohnt herausragende Forschung, die dem "Wohle der Menschheit" dient. Relevant ist dafür nicht nur der eigentliche Gehalt der Forschung, sondern auch, welches Erkenntnisinteresse dahintersteht und welche Handlungsempfehlungen daraus abgeleitet werden. Meine Kritik zielt weniger auf die Anerkennung wissenschaftlicher Leistungen als auf die Autorisierung politischer Botschaften, welche ein Eigenleben entfalten können. Biologisch inspirierte Verhaltensökonomen wie Bowles, Fehr und Gintis suchen nach den evolutionären Wurzeln menschlicher Sozialität und ziehen daraus Schlüsse für die Entwicklung und Gestaltung moderner gesellschaftlicher Institutionen und Systeme. Wie Wirtschaft, die Politik und auch das Recht unserer sozialen Natur gerecht werden und zugleich das Beste aus uns herausholen. Zum Wohle der Menschheit. Wirklich?