Mein Yogastudio zieren hohe Decken, gemütliche Sitzgelegenheiten und der Duft von Palosanto. Dort reihen sich Körper an Körper, die Beine in den Lotussitz geschlungen – in der Stille mit sich selbst. Die Motivation der meisten ist nicht spirituelle Erleuchtung, sondern körperliche Fitness. Vorn ein kleiner Altar mit hinduistischen Göttern, heiligem Wasser und dem Foto eines weißen Pärchens, lächelnd und mit Blumenketten geschmückt.

Tasnim Rödder, 24 Jahre alt, ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für "ze.tt", "Missy Magazine", "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" und "Mit Vergnügen". Außerdem ist sie Teil der Chefredaktion des Indie-Bookazines "transform – Magazin fürs Gute Leben". Für die Deutsche Welle ist sie aktuell im namibischen Radio zu hören. © Marlen Müller

Es sind, wie ich bald herausfinde, Sharon Gannon and David Life. Die zwei Amerikaner lernten sich in New York City kennen und begründeten 1984 das Jivamukti-Yoga: Eine sehr körperliche Praxis, die in die gegenwärtige Welt passt. Großer Wert wird zudem auf die Rechte der Tiere, Veganismus, Umweltschutz und soziales Engagement gelegt. Das heißt: Zwei Künstler entdeckten das Yoga für sich und adaptierten es an das Großstadtleben. Sie entschieden, dass es gut ist, sich pflanzlich zu ernähren, sozial zu engagieren und umweltfreundlich zu leben.

Yoga verhält sich wie ein Stück Knete in Kinderhänden. Es unterliegt dem Wandel von Laune, Trend, Zeit und Gesellschaft. Seit den 2000ern werden immer mehr Yoga-Arten auf den Markt gebracht: Unter anderem gibt es Lach-, Bier- und Schwangerschaftsyoga. Was aber hat das mit der ursprünglichen Idee noch zu tun?

 "Die Hatha Yoga Pradipika (bekannteste klassische Schrift des Yoga) aus dem Mittelalter hatte nur sechs körperliche Übungen, die dazu dienten, den Yogi auf die lange Meditation im Sitzen vorzubereiten", sagt Janna Aljets, die seit sechs Jahren Jivamukti-Yoga lehrt und regelmäßig Workshops zu Yoga und Feminismus, kritischer Theorie oder Postkolonialismus abhält. "Das körperliche Yoga, das wir größtenteils in Deutschland praktizieren, ist ein Produkt der Kolonialzeit."

Die Lehre des Yogas wurde durch die Einflüsse der persischen Kultur und während der britischen Kolonialzeit in Indien verdrängt. Erst im 19. Jahrhundert feierte die Praxis ihre Renaissance: Es waren Briten, die Yoga zuvor unterdrückt hatten und dann zu ihren Zwecken wiederbelebten. Britische Soldaten entdeckten die Asanas (körperliche Yoga-Haltungen) als Fitnessübungen und kombinierten sie mit Gymnastik. So entstand ein sehr körperlich betontes Verständnis des Yoga, das im 20. Jahrhundert seine Wege nach Europa fand.

Kaum bekannt ist, dass sich auch die Nationalsozialisten Teile der Yogalehre aneigneten. Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, las die hinduistische Bibel Bhagavad Gita als "das geheime Wissen der Arier", weil man irrtümlich annahm, Yoga stamme aus der vedisch-arischen Kultur. Wie Mathias Tietke in seinem Buch Yoga im Nationalsozialismus schreibt, legitimierte Himmler sogar seine Taten damit: Er las aus der Bhagavad Gita die Notwendigkeit heraus, mit innerer Gelassenheit zu töten.

Nicht nur die Fragen nach Motivation und körperlicher oder geistiger Praxis entfremdete Yoga von seiner ursprünglichen Form. Auch das Geschlecht spielt in der Yoga-Genese eine tragende Rolle. "Yoga kommt aus einer patriarchalen Gesellschaft, Theorie und Geschichte wurden größtenteils von Männern geschrieben – und praktiziert", sagt Aljets. Nachdem größtenteils männliche Gurus – Swami Sivananda, Krishnamacharya, B.K.S. Iyengar, Pattabhi Jois – in den Fünfzigerjahren nach Europa pilgerten und Yoga verbreiteten, transformierte sich die Praxis um die Jahrtausendwende zum Sport mittelständischer Hausfrauen. Mit der Yogapraxis assoziierte man Entspannung, Dehnung, Achtsamkeit – Attribute, die nicht zu einer männlich gelesenen Sportart passten.