Die Macht der Komposition – Seite 1

Sprachwandel funktioniert durch Gewöhnung. Je öfter man ein unbekanntes Wort liest oder hört, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass man es irgendwann selbst schreibt oder ausspricht. An manche Wortneuschöpfungen von Politikern möchte ich mich allerdings nicht gewöhnen.

Wenn man einen Blick auf die Website der AfD wirft, begegnen einem häufig negativ besetzte Wörter wie "Flüchtlingswelle" oder "Klimawahn". Wörter, die nach einem simplen Prinzip konstruiert wurden, das man in der Linguistik als Komposition bezeichnet. Dabei werden mindestens zwei Wörter (genauer Wortstämme) aus meist unterschiedlichen Kontexten zu einem neuen Wort zusammengefügt. Ein einfaches Beispiel: Klima + Wahn = Klimawahn.

Nun könnte man natürlich einwenden, dass man sich hier doch bitte nicht über solch ein Kompositum aufregen muss. Das Prinzip der Komposition ist schließlich ein gängiges Merkmal des Sprachwandels und taucht auch in der Sprache anderer Parteipolitiker auf. Man denke zum Beispiel an Annegret Kramp-Karrenbauers Fastnachtsrede, in der sie abwertend über eine "Latte-Macchiato-Fraktion" witzelte. Die Frage ist jedoch, ob die Wortschöpfungen, die die AfD inflationär gebraucht, nicht an Grenzen demokratischer Prinzipien stoßen – zumal Sprache in sozialen Netzwerken durch ihre Verbreitbarkeit ein völlig neues Potenzial entfaltet und die AfD dieses Potenzial erkannt hat wie kaum eine andere Partei in Deutschland.

Auch wenn das Entstehungsprinzip der von AfD-Politikern verwendeten Komposita simpel scheint, ihre Wirkung ist es nicht. Sie rufen oftmals starke negative Emotionen hervor und erzeugen einen Bedeutungsrahmen, einen Frame, der den Bedeutungsgehalt einzelner Wörter einschränkt. So werden dann auch jene, deren Interessen mit diesen Wörtern verknüpft sind, in einen bestimmten, meist negativen Deutungsrahmen gestellt.

Wie das funktioniert? In der Morphologie, einem Teilgebiet der Linguistik, findet man mit dem Kopf-Rechts-Prinzip dazu einen wichtigen Anhaltspunkt. Nach diesem Prinzip steht der Wortstamm, der die grammatischen Merkmale des zusammengebauten Kompositums vorgibt, rechts, also: (das) Klima + (der) Wahn = (der) Klimawahn. Das Wort "Klima" verliert durch die Zusammenfügung der Wörter sein Geschlecht und dient hier nur noch als Bestimmungswort, als Modifikator, der die Bedeutung des Kopfes näher eingrenzt. Manchmal werden die einzelnen Wörter bei der Komposition auch mit einem Bindestrich verbunden (nach dem Prinzip der Durchkopplung), also zum Beispiel "Klima-Wahn", was auf morphologischer Ebene wie ein Zwischenschritt wirkt. Für den Bedeutungsgehalt – auf semantischer Ebene – ist es hier aber nicht relevant, ob nun "Klimawahn" oder "Klima-Wahn" geschrieben wird. Das Wort "Klima" spezifiziert in beiden Fällen das Wort "Wahn" näher. Damit wird suggeriert, dass wir es bei einer von der AfD kritisierte Position innerhalb der Klimadebatte mit einer bestimmten Form des Wahns, also einer krankhaften Fehlbeurteilung der Realität, zu tun haben. Der kritisierten Position wird dadurch die Glaubwürdigkeit im demokratischen Diskurs abgesprochen. Mit nur einem Wort.

Betrachtet man die vielfältigen Komposita von AfD-Mitgliedern zum Beispiel auf Twitter näher, so lassen sich bestimmte Muster feststellen:

Klassifizierung und Analyse

a) Wasser-Metaphorik und Naturkatastrophen

Die "Flüchtlingswelle" wurde schon oft problematisiert, im vorliegenden Tweet ist der Bedeutungsrahmen aber besonders eindeutig gesetzt: "Alarm", "Überforderung" und "Chaos" begleiten das Kompositum hier ebenso wie die bedrohlichen Schattenrisse von Männern am Meer. "Flüchtlingswelle" weckt so besonders effektiv den Eindruck, als würde die Fluchtmigration uns wie eine Welle überschwemmen und – apropos "Chaos" – geordnete Verhältnisse durcheinanderwirbeln.

Ähnlich wird auch die Metaphorik von Naturkatastrophen in Komposita genutzt. So postete die AfD-Politikerin Alice Weidel beispielsweise ein Bild, in dem das Wort "Kostenlawine" vorkommt. Auch hier wird ein Bedrohungsszenario entworfen: Wenn man Kosten wie Steuern den Charakter einer Naturgewalt zuweist, erzeugt das den Eindruck, sie seien unberechenbar und könnten einen unter sich begraben.

b) Komposita, die sich auf Finanzen beziehen

Begriffe wie "Flüchtlingskredite", "Flüchtlingssteuer" oder auch "Flüchtlingsbürgen" betonen die Tatsache, dass die Integration von Flüchtlingen Geld kostet, was per se nicht falsch ist. Durch die stetige Verbindung des Wortes Flüchtling mit dem Kostenaspekt wird aber vermittelt, dass Flüchtlinge allein als Kostenfaktor zu betrachten sind. Das lässt zum Beispiel Ergebnisse einer Studie der Bertelsmann-Stiftung außen vor, die belegt, dass der deutsche Arbeitsmarkt auf außereuropäische Zuwanderung angewiesen ist – und somit auch die Integration von Flüchtlingen einen mindestens langfristigen volkswirtschaftlichen Nutzen haben könnte.

Ähnlich funktioniert das Framing auch bei den vielfach gebrauchten Begriffen "Armutsmigration" oder "Wirtschaftsflüchtling", wobei die Komposition des zweiten Begriffs, wie ihn beispielsweise der Berliner AfD-Chef Georg Pazderski auf Twitter verwendet, besonders problematisch ist. Das Kompositum suggeriert, dass Menschen allein aus wirtschaftlichen Gründen den Status Flüchtling in Deutschland erhalten und damit auch den Anspruch auf Asyl. Das trifft nicht zu. Der Begriff "Wirtschaftsflüchtling" verdreht somit die Rechtslage. In einer anderen Lesart suggeriert er, Menschen, die es aus ökonomischen Motiven nach Deutschland zieht, würden für sich in Anspruch nehmen, Flüchtlinge im Sinne der Genfer Konvention zu sein. Beiden Bedeutungen gemeinsam ist, dass die Verbindung von Migration und Ökonomie auch hier als negativ gerahmt wird. 

c) Wörter, die Minderheiten diskriminieren

Schon als Alice Weidel das Wort "Messermänner" und das vom Buchautor Thilo Sarrazin bekannte Kompositum "Kopftuchmädchen" in einer Rede im Bundestag am 16. Mai 2018 verwendete, wurde ihre Sprache breit problematisiert. Dennoch finden diese Wörter auf Twitter weiter Verwendung – etwa "Messermänner" zusammen mit "Bahnhofsstoßer" beim Berliner Bundestagsabgeordneten Gottfried Curio.

Menschengruppen auf ein ihnen zugeschriebenes Attribut wie Kopftuch oder Messer zu reduzieren, ist eine Beleidigung und Diffamierung dieser Menschen. Gerade im Hinblick auf das Kompositum "Messermänner" wird damit behauptet, eine bestimmte Gruppe von Männern sei gefährlich bewaffnet. Indem nun in Weidels Rede "Messermänner" und "Kopftuchmädchen" in einem Atemzug genannt werden, ist durch dieses Doppel-Kompositum auch einigermaßen klar, wer mit "Messermänner" gemeint ist: Es sind die Männer zu den "Kopftuchmädchen", männliche Muslime. Ihnen wird durch diesen Sprachgebrauch die Aufgabe zugewiesen, im Einzelnen zu beweisen, dass sie keine (potenziellen) Messermänner sind.

Dieser besonders drastisch diffamierende Gebrauch von Komposita nährt den Verdacht, dass AfD-Politiker Begriffe zur gezielten Provokation nutzen, ganz im Sinne des AfD-Strategiepapiers aus dem Bundestagswahlkampf 2017: "Die AfD muss – selbstverständlich im Rahmen und unter Betonung der freiheitlich demokratischen Grundordnung unseres Landes – ganz bewusst und ganz gezielt immer wieder politisch inkorrekt sein, zu klaren Worten greifen und auch vor sorgfältig geplanten Provokationen nicht zurückschrecken."

Kein demokratischer Diskurs auf Augenhöhe

d) Wörter aus dem Kampf- und Kriegskontext 

Wenn der Berliner Abgeordnete Frank Hansel bei Twitter das Wort "Ökodschihadisten" gebraucht, suggeriert er sprachlich und inhaltlich, dass eine ökologische Grundhaltung eine Form des Dschihadismus spezifiziert. Der Begriff "Dschihadist" lässt sich hier als eine Bezeichnung für Menschen auslegen, die zur Verteidigung und Verbreitung ihrer religiösen Ansichten vor Gewalt nicht zurückschrecken. In diesem Sinne drückt der Begriff "Ökodschihadisten" nicht nur aus, dass die so bezeichneten Menschen zur Durchsetzung und Verteidigung ihrer ökologischen Ansichten gewaltbereit sind. Er suggeriert zugleich, diese Ansichten seien nicht politisch oder wissenschaftlich grundiert, sondern religiös im Sinne eines religiösen Fanatismus.

Es gibt für die AfD freilich nicht nur den Heiligen Krieg des Islam: Wenn Beatrix von Storch über linksextreme "Kulturvernichter" spricht, verortet sie den politischen Gegner ganz allgemein als zerstörerische Horde. Und wenn Alice Weidel der Presse "Migrationspropaganda" attestiert, bringt sie zudem einen Aspekt strategischer und psychologischer Kriegsführung ins Spiel. Den Komposita in diesem Kontext ist gemeinsam, dass sie Menschen gewalttätiges Verhalten gegenüber Andersdenkenden unterstellen. Damit wird das Gefühl geweckt, dass man sich vor ihnen verteidigen müsse, und zwar mit der gleichen Gewaltbereitschaft, die einem vermeintlich entgegengebracht wird.

e) Wörter aus dem Kontext psychischer Krankheiten 

Äußerst fragwürdig sind außerdem Komposita, die Menschengruppen im politischen Diskurs vollständig delegitimieren. Grade in der letzten Zeit und im Kontext der über die Asperger-Autistin Greta Thunberg identifizierten Klimabewegung Fridays for Future lassen sich Wortbildungen mit Wörtern aus dem Kontext psychischer Krankheiten oder Krankheitszuständen feststellen wie etwa der bereits erwähnte "Klimawahn". Auch das oben gezeigte Zitat des AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen beschreibt konkurrierende politische Positionen als eine Form der Hysterie, also mit einer veralteten psychiatrischen Diagnose.

Georg Pazderski steigert das Ganze noch als "Klimawahn-Hysterie" und spricht von "Klimahysteriker-Demonstrationen". Und auch die AfD-Fraktion im Bundestag twittert über die "Klima-Wahnsinnigen von #FridaysForFuture".

Dass Pazderski grünen "Klima-Apokalyptikern" den "gesunden Menschenverstand" der US-Amerikaner entgegenstellt, spiegelt dabei deutlich ein spezifisches Machtverständnis wider: Mit der Zuschreibung der Kategorien "gesund" und "krank" bestimmt er, wer in der Debatte um das Klima Glaubwürdigkeit verdient und wer nicht. Das verhindert einen demokratischen Diskurs auf Augenhöhe.

f) Wörter aus dem Kontext von Kultur und Varieté 

Fast schon harmlos wirken gegen die Pathologisierung der Klimabewegung jene Komposita, die Wörter aus Kontexten von Kulturangeboten wie Theater, Film oder Zirkus enthalten. Dabei lässt sich auch hier an vielen Stellen eine Delegitimierung erkennen.

Wie gemacht für soziale Medien

Wenn Gottfried Curio auf Twitter beispielsweise von "großem Politik-Theater" schreibt, um auf ein YouTube-Video von sich zu verweisen, das den Titel "Schöne neue Scheindemokratie" trägt, unterstellt er, dass es sich bei der Politik (zu der sich die AfD in diesem Kontext wohl nicht zählt) um eine inszenierte Show handelt. Damit wird die Glaubwürdigkeit von "Hauptrollen" wie Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer oder Carola Rackete angezweifelt.

Ähnliche Ab- und Umwertung findet statt, wenn die AfD-Fraktion im EU-Parlament über "christdemokratische Gesinnungsakrobatik" spricht, wenn Jörg Meuthen "Fachleute mit Sachkompetenz statt Laiendarsteller und #Kobold-Experten" fordert oder wenn Alice Weidel einen Begriff wie "Finanzjongleure" verwendet. Hier wird zwischen einer vermeintlichen Scheinwelt von politischen Akteuren und der Realität unterschieden.

Das geht übrigens auch subtiler: Jörg Meuthen hat in einem Tweet über das TV-Duell zur Europawahl geschrieben, dass dort "ziemlich beste Freunde in einer lachhaften Gegnerschafts-Simulation" auftreten. Neben der Anspielung auf den französischen Film Ziemlich beste Freunde findet sich hier mit dem Wort "Simulation" noch eine weitere filmische Referenz und zwar zu Die Matrix. Darin begreift der Schauspieler Keanu Reeves in der Rolle des Neo, als er eine rote Pille schluckt, dass es sich bei seiner Realität der vorangegangenen Jahrzehnte nur um eine Scheinwelt handelt.

Diese Assoziation ist nicht unerheblich. Der Begriff der red pill beziehungsweise red pilling ist mittlerweile innerhalb der Cyberkultur und bei Aktivisten der US-amerikanischen Alt-Right-Bewegung sehr verbreitet. Dabei geht es vor allem darum, Menschen davon zu überzeugen, dass sie in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten an der Nase herumgeführt werden und nur die red piller die Realität erkannt haben und damit auch der Öffentlichkeit verborgenes Wissen besitzen.

Muss politische Sprache neutral sein?

Es bleibt nun die Frage, inwieweit Sprache in der Politik generell neutral sein muss. Inwieweit dürfen Politikerinnen überhaupt Komposita bilden, Metaphern nutzen und Emotionen wecken?

Darauf antwortet die Soziologin Franziska Schutzbach, die ein Buch zur Rhetorik der Rechten veröffentlicht hat: "Sprache muss in der Politik nicht neutral sein, sie ist es eigentlich ohnehin in keinem Bereich." Auch könne man mit einer Sprache ohne Gefühle kaum jemanden für politische Belange mobilisieren. In der Politik reiche es nicht, rein technokratisch vernünftige politische Angebote zu machen. Es müsse vermittelt werden, dass es zum Beispiel um Solidarität gehe oder um Empathie oder um Fürsorge für den Planeten. "Sprache soll dabei aber nicht auf autoritäre Lösungen abzielen. Sie muss demokratisch orientiert sein, also mehr Partizipation und Inklusion für alle fordern, und nicht nur für wenige."

In diesem Sinne lassen sich die Komposita, die die AfD verwendet, im Einzelnen kritisieren – und umso mehr, als hinter ihnen ein System der Ab- und Umwertung steht. Sie werden dem demokratischen Anspruch auf Partizipation und Inklusion nicht gerecht, weil sie Bedeutungsrahmen schaffen, die andere Akteure und Meinungen delegitimieren. Das reflektiert auch die populistische Denkweise: "Wir" und nur "wir" haben recht, "die anderen" sind entweder Schauspieler oder geistig nicht in der Lage, die Wahrheit wiederzugeben. Oder schlimmer noch: "Sie" trachten "uns" nach Wohlstand und Leben – und "wir" müssen uns mit allen Mitteln verteidigen.

Diese Sprech- und Denkweise ist wie gemacht für soziale Medien. Provokationen – und das sind die Diffamierungen der anderen und Überhöhungen der eigenen Positionen natürlich immer – erzeugen Reaktionen und damit auch Reichweite. Das schafft, offensichtlich, politischen Erfolg in einer Demokratie. Ein demokratischer Diskurs ist zugleich nicht mehr möglich.