Dass der Sohn eines in Auschwitz ermordeten Juden aus der DDR ausgebürgert wurde, hat sie nicht ertragen. "Aus einem Land, das sich antifaschistisch nannte!", schiebt meine Mutter in jedem Gespräch zum Thema hinterher. Sie unterschrieb die Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, die ihr das Zugehörigkeitsgefühl genommen hatte, sammelte Unterschriften für sie und wurde bald darauf selbst aus der DDR ausgebürgert.

Stella Hindemith studierte Kultur- und Literaturwissenschaften in Berlin. Sie arbeitet für verschiedene NGOs zu Antisemitismus, Gender und Rechtsextremismus, außerdem als Dramaturgin in Projekten kultureller Bildung. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Am vergangenen Mittwochabend endete ein Tag, an dem manche von uns seit dem frühen Nachmittag wie gebannt auf die Bildschirme gestarrt hatten, voller Entsetzen, Verzweiflung und Angst. Am vergangenen Mittwochabend endete auch Jom Kippur – viele Jüdinnen und Juden erfuhren deshalb erst zeitversetzt vom Terror in Halle. Wer wollte, konnte an diesem Abend in einer sich wiederholenden Schleife hören, wie wenig ausgerechnet jüdische Perspektiven auf deutsche Geschichte und Gegenwart die Debatten über sie beeinflussen. Bundespräsident Steinmeier hielt an diesem Abend in Leipzig eine Rede zum 30. Jubiläum der berühmten Montagsdemonstration 1989. "Ich höre von Jüdinnen und Juden, die beleidigt und angegriffen werden", sagte der Bundespräsident, der zu diesem Zeitpunkt schon vom Terror in Halle wusste. Und im Anschluss: "Ich höre, dass unser Land zu viele Flüchtlinge und Zuwanderer aus anderen Kulturen aufgenommen habe und das Gefühl der Fremdheit im eigenen Land wachse." Mit der Abfolge dieser Worte setzte er die spätestens an diesem Tag existenziell gewordene Angst von Jüdinnen und Juden mit dem Hass gleich, der ihnen und anderen gilt. Eine denkwürdige Feier des 30. Jubiläums der Proteste.

Als vor dreißig Jahren die Mauer fiel, war ich im Bremer Norden gerade eingeschult worden; unsere Nachbarin berichtete mit Enthusiasmus von glücklichen Bekannten, die jetzt zu ihrer Familie in die DDR reisen konnten. In unserer Klasse tauchten Polnisch sprechende Kinder auf, mit denen niemand redete. "Hier in Deutschland macht man das nicht", sagte der Lehrer zu ihnen, wenn sie etwas taten, das man nicht tun sollte. Unsere Mathelehrerin setzte noch eins drauf, als sie ein rumänisches Mädchen nach Hause schickte, weil sie so schlecht angezogen sei, dass sie nicht unterrichten könne, wenn sie bliebe. Das Glück der Wiedervereinigung war zwar groß – nur mit den europäischen Nachbarn wollte man es dann doch lieber nicht teilen.

Ich wiederum nickte vorsichtig zur rhetorischen Frage der westdeutschen Erwachsenen nach der Freude meiner ostdeutschen Mutter. Die Wahrheit war, dass sie zu allem beharrlich schwieg; ausgerechnet sie schien permanent schlecht gelaunt zu sein. Einen einzigen Satz erinnere ich aus dieser Zeit, den sie gesagt hat: "Ich weiß nicht, was die Deutschen mit der Wiedervereinigung machen." Irgendwann fügte sie hinzu: "Man sitzt auf gepackten Koffern in diesem Land." Ihr Vater, der den Nationalsozialismus überlebt hatte und in der DDR eine Person des öffentlichen Lebens gewesen war, bekam nach der Wende zum ersten Mal in seinem Leben Briefe mit antisemitischen Morddrohungen. Ich verstand die Details der rassistischen Ausschreitungen, Brandanschläge und Morde in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, Lübeck und anderswo nicht, aber das Gefühl der Bedrohung spürte ich deutlich.

In den Neunzigerjahren traten Antisemitismus, völkisches Denken und Rechtsextremismus in gewaltsamen Eruptionen offen zutage, neue rechtsextreme Terrornetzwerke formierten sich. In der DDR hatte man in all den Jahrzehnten zuvor so getan, als sei der Antisemitismus durch ihre Gründung als antifaschistischer Staat erledigt. Die antisemitisch motivierten Prozesse in den Fünfzigerjahren; die Flucht fast aller jüdischen Gemeindevorsitzenden in die Bundesrepublik oder der Hass auf Israel wurden nicht als Ausdruck von Antisemitismus debattiert. Im Gedächtnis der Bundesrepublik war die ab den Sechzigerjahren einsetzende Debatte über Verantwortung und Schuld im Nationalsozialismus mit einer Auseinandersetzung über Antisemitismus gleichgesetzt worden. Dass diejenigen, die sich kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzten, lange Zeit nicht die Mehrheit bildeten und unter ihnen fanatische Israelhasser waren, wurde übersehen. In der Bundesrepublik wurde erst 1996 ein Gedenktag eingeführt, der nur den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet war, vorher war in der BRD ein ausschließlich den Opfern des Nationalsozialismus gewidmetes, staatliches Gedenken nicht vorstellbar gewesen.

Nach dem 3. Oktober 1990 überbot man sich in öffentlichen Debatten darin, die Gefahren kleinzureden, die offen zutage tretende Menschenverachtung zu enthistorisieren, indem man sie als Laune arbeitslos gewordener Jugendlicher bagatellisierte, die nur ein bisschen Aufmerksamkeit brauchten und infantil die Verantwortung des Problems nach Osten bzw. Westen verschob. 1992 schrieb der jüdische Publizist Ralph Giordano in einem offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl, die Minderheiten im Land würden nicht genug geschützt. Und über Kohls Neujahrsansprache zu Beginn des Jahres 1993 schrieb er in der taz: "Nach ihrem Ende habe ich noch lange wie in einer Art Betäubung dagesessen (…). Wozu ist die Politik verkommen? Kein persönlicher Satz der Trauer über 17 ermordete Menschen; keine direkte Erwähnung von Rostock; kein Gespür für die Pflicht, Mölln beim Namen zu nennen, sich zu verneigen vor den Hinterbliebenen der Mordanschläge, ihnen Sicherheit, ihnen Gewißheit der Unwiederholbarkeit zu geben, auch durch die mächtigen Mittel des Staates."

Vielleicht muss man die allgemeinen Erzählungen über Vereinigung und Nachwendezeit – die frühen wie auch die heutigen – als Ausdruck einer in die Vergangenheit projizierten Vision Deutschlands sehen, in der beide deutsche Staaten 1989/90 sozusagen unbefleckt, nicht als postnationalsozialistische Gesellschaften verstanden werden. Diese Sichtweise verortet Antisemitismus als historisches Phänomen in der Vergangenheit – vor 1945. So ist es nicht verwunderlich, dass Zeitungsartikel seit Jahrzehnten mit dem seltsam anmutenden Satz beginnen, es gebe "wieder" Antisemitismus. Diese Sehnsucht nach einer deutschen Einheit zweier irgendwie unbefleckter Staaten führt dazu, dass die dringend notwendige inhaltliche Auseinandersetzung nicht geführt wird – gerade in gebildeten Kreisen gilt es als ausreichend, den Vorwurf des Antisemitismus zurückzuweisen, anstatt sich inhaltlich zu positionieren. Denn egal, was passiert: Die historische Kontinuität von Antisemitismus wird verleugnet und mit ihm auch Kontinuitäten völkischen Denkens.