Hinzu kommt, dass Höcke neben seinem Performanceframing auch Begriffspolitik betreibt. Er wiederholt in Dauerschleife vor allem nationalsozialistisch konnotierte Begriffe. Dazu gehören, wie mehrfach gezeigt worden ist, Wörter wie "Entartung", "tausendjährige Zukunft" oder "Bewegungspartei". "Kartellparteien" wiederum hat sich spätestens seit dem Sommer 2019 und folglich bei Eintritt in die heiße Wahlkampfphase zur neuen Lieblingsvokabel gemausert. In Interviews und bei öffentlichen Auftritten wird dieser Begriff, der die bestehenden demokratischen Strukturen als undemokratisch darstellt, inflationär gesetzt. Ziel ist es, mit einem recht überschaubaren Fundus skandalös wirkender Begriffe die eigene Position als eine politisch ausgeschlossene darzustellen, sich also – in dem für rechte Populisten prototypischen Gebaren – die Rolle des Geächteten zuzulegen.

Um zu überlegen, wie auf eine solche Begriffstaktik zu erwidern wäre, ist es unerlässlich, nochmals genauer Höckes Interessen nachzuvollziehen. Grundsätzlich wichtig ist dabei, dass die Verwendung solcher Vokabeln strafrechtlich kaum belangbar ist. Der Redner bewegt sich also auf weitgehend gesichertem Terrain. Dennoch sind etliche der verwendeten Begriffe mit einem politischen Tabu belegt, was wiederum bedeutet, dass genau darin ihre Marketingkraft liegt – schließlich suggeriert derjenige, der sie im Munde führt, sich einer Meinungsunterdrückung zu widersetzen. Zudem lässt sich der meist folgende – und stets eingeplante – (empörte) Einwand dazu nutzen, den Gegner an der Nase herumzuführen.

Warum nicht mal "Herr Höcke, Sie lassen nach"?

Dies wiederum geschieht nach stets demselben Muster: Höcke verweist auf andere, in der Regel auf Bürgerinnen und Bürger, die ihm ihre Sorgen und Leiderfahrungen vortrügen. Dabei erfahre er, dass man viele Dinge in diesem Land nicht mehr sagen dürfe, ohne sozial sanktioniert zu werden. So wirft sich Höcke in anwaltliche Pose und geriert sich als Interessenvertretung der – wie auch immer – Unterdrückten.

Völlig unerklärlich ist mir, warum in solchen Fällen nicht viel offensiver zum Mittel der Ironie gegriffen wird. Noch immer scheinen viele unter dem Eindruck des uralten Mythos zu stehen, wonach Ironie generell und in jeder Lage fernsehuntauglich sei. Das Gegenteil ist der Fall: Die politische Kultivierung von Ironie könnte eine rhetorisch wirksame Maßnahme gegen den identitären Bekenntnisduktus der Neuen Rechten sein. Wer immer nur betont, wie gefährlich, wie skandalös, wie hitleresk Höcke in seinem Kern ist, der verpasst die Chance, die Höckes Rhetorik der Eskalation bietet: Schreit sie nicht gerade danach, durch Hyperaffirmation entkräftet zu werden? Was würde passieren, wenn eine Sozialdemokratin begönne, Höcke in einer TV-Debatte rhetorisch zu coachen? Sie könnte darlegen, an welchen Stellen er ihr zu wankelmütig und verdruckst vorkomme und welche Sätze, Wendungen und Begriffe für seinen Zweck der totalen Eskalation noch besser geeignet wären: "Herr Höcke, Sie reden von Migrantenflut – aber wäre Bevölkerungsaustausch nicht der elegantere Begriff? Überhaupt fällt mir auf, dass Ihre Rhetorik an Schärfe und Mobilisierungskraft nachlässt. Derart streichzart hätte ich Sie gar nicht erwartet – Sie wirken auf mich wie eine gute deutsche Markenbutter."

Freilich kann eine solche Attacke gehörig schiefgehen und als hinlänglich peinlicher Versuch auffallen. Doch viele andere Formen des Umgangs dürfen bereits jetzt als grandios gescheitert gelten. Tabuisierung und Diskursausschluss haben zur Etablierung rechter Opfermythen beigetragen; Zähmung durch Beteiligung hat – man sieht das in Österreich – die Anverwandlung von Parteien der Mitte an rechte Bündnispartner gebracht; harter, konfrontativer Protest verhärtet in der Regel Fronten und beschleunigt Prozesse der Radikalisierung; und Bekenntnisrituale für das (linke) Gute durchbrechen nur allzu selten die (linke) gute Filterblase. Insofern sind nun tatsächlich Mut und Entschlossenheit gefragt, um auf Grundlage einer möglichst präzisen Musterbeobachtung neue Weisen der rhetorischen Erwiderung auszuprobieren.

Framing-Thematisierung und strategisch platzierte Ironie könnten erste Ansatzpunkte sein, um den ewigen Kreislauf der Populistenaufwertung zu durchbrechen – auch indem Zuschauern vielleicht aufgezeigt wird, für wie dumm und manipulierbar Höcke sie hält. Subtiler als bislang auf die rhetorischen Strategien der Neuen Rechten zu reagieren, könnte so bedeuten, sie eines Tages entscheidend zu schlagen. Das erfordert taktische Weitsicht – und ein Zurücktreten vom eigenen politischen Reflex. Vielleicht auch: von der eigenen Wut.