Caroline Calloway ist blond, hübsch und das, was man heute eine "Influencerin" nennt. Auf Instagram alternieren Fotos von ihr mit Zitaten und Zeichnungen, letztere angefertigt von Calloway-Fans. Gut 700.000 Menschen gefällt das. Ich hatte, wie so viele andere, noch nie von Calloway gehört – bis sie unlängst zu einem der meist diskutierten Onlinephänomene wurde. Ein Artikel, den ihre ehemals enge Freundin Natalie Beach für das New York Magazine schrieb, hatte Folgendes dargelegt: Calloway habe sowohl Instagram-Captions als auch einen ersten Entwurf ihrer geplanten (und mit 350.000 US-Dollar Vorschuss dotierten) Autobiografie von Beach verfassen lassen, außerdem Follower gekauft und Anzeigen geschaltet – kurzum alles dafür getan, berühmt zu werden. Der als große Enthüllung inszenierte Text ließ mich etwas ratlos zurück. "Enthüllt" wurde hier nämlich nicht viel, außer dass Calloway eine ziemlich egozentrische Person und schlechte Freundin zu sein scheint.

Julia Korbik (*1988) lebt als Autorin und freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt über Politik, Popkultur, Feminismus und Alltag. 2018 wurde sie mit dem Luise-Büchner-Preis für Publizistik ausgezeichnet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Dass der Text über eine eher mäßig erfolgreiche Onlinepersönlichkeit überhaupt jemanden interessierte, ist Calloways Image als aufmerksamkeitsheischender, trickreicher Karrieristin zu verdanken. Wie das US-Medium Vox.com berichtet, plante sie 2018 weltweite Workshops, 165 Euro für ein persönliches Lifecoaching. Am Ende fanden offenbar nur wenige der Workshops statt, laut New York Magazine beschwerten sich Teilnehmer*innen über die schlechte Organisation, die unerwarteten Reisekosten und die kümmerlichen Salate, die ihnen als "nährende Mahlzeit" vor Ort präsentiert wurden. Als die Journalistin Kayleigh Donaldson Calloway daraufhin vorwarf, ein "scammer", eine Betrügerin zu sein, nutzte diese das flugs für ihr Selbstmarketing. So lautet Calloways Instagram-Bio: "No, not that one. The other scam. The one that you love." In anderen Worten: Caroline Calloway mag eine Schwindlerin sein, aber eine, die geliebt wird.

Und auf ihre eigene, verquere Art, hat sie recht: Die Betrügerin ist die Frau der Stunde. Calloway mag der aktuell faszinierendste Fall einer in der Öffentlichkeit stehenden Frau sein, die im Namen des Erfolgs täuscht – sie ist aber längst nicht der einzige. Da wäre zum Beispiel Elizabeth Holmes, lange Zeit als biotechnologisches Wunderkind gefeiert. Ihr Unternehmen Theranos entwickelte ein Bluttestverfahren, das kostengünstiger und schmerzfreier sein sollte als das der Konkurrenz. Doch 2018 stellte sich endgültig heraus: Alles erstunken und erlogen, das von Holmes entwickelte, angeblich revolutionäre Verfahren funktioniert nicht. Ungleich glamouröser ist der Fall der Deutschrussin Anna Sorokin, die sich als Pseudomillionenerbin unter die Reichen und Schönen New Yorks mischte. Über mehrere Jahre hinweg schaffte sie es, gutgläubigen Bekannten und Freund*innen teils erhebliche Geldsummen abzunehmen. Ebenfalls als Betrügerin entlarvt wurde die Schauspielerin Felicity Huffman (Desperate Housewives): Sie und andere Eltern – darunter die Schauspielerin Lori Loughlin (Full House) – zahlten Bestechungsgelder, um ihren Nachwuchs an amerikanischen Topuniversitäten unterzubringen. Obwohl zu den Angeklagten auch Männer gehören, richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf Huffman und Loughlin. Weil sie berühmt sind, ja. Aber auch, weil sie Frauen sind.

Frauen, die betrogen haben. Allerdings in unterschiedlichem Maße: Während Calloway vor allem durch Planlosigkeit glänzte und wohl nicht bewusst täuschte, vertrauten Menschen Holmes im wahrsten Sinne des Wortes ihr Leben an – um dann feststellen zu müssen, dass das Bluttestsystem "des weiblichen Steve Jobs" gar nicht funktionierte. Was Holmes wiederum umso faszinierender macht: Der Streamingdienst Hulu verfilmt den Skandal als Serie, mit Kate McKinnon in der Hauptrolle. Netflix wiederum hat sich die Rechte an der Anna-Sorokin-Geschichte gesichert, für das Drehbuch wurde Shonda Rhimes (Grey’s Anatomy) engagiert.