Als ich Mitte der Neunzigerjahre Austauschschülerin an der US-amerikanischen Ostküste war, faszinierte mich, wie dort Schulsport getrieben wurde. Kein Vergleich mit den zwei Stunden Sportunterricht in Deutschland, die wir mit Hinweis auf unsere "Tage" oder den vergessenen Turnbeutel liebend gern schwänzten. Nein, in den USA war man stolz darauf, wenn man in eine der unzähligen Mannschaften – von Tennis, Softball, Basketball über Track, Schwimmen oder Cross Country – aufgenommen worden ist, um für die eigene Schule und gegen die anderen Schulen des School Districts anzutreten. Besonders verehrt wurden diejenigen, die die Aufnahmeprüfungen für die als "typisch amerikanisch" bekannten Sportarten geschafft hatten: Basketball, Baseball, American Football für die Jungs – und Cheerleading für die Mädchen.

Fasziniert beobachtete ich das ausschließlich aus Mädchen bestehende Team der Cheerleaderinnen, deren popkulturelle Bedeutung mir natürlich schon vorher in Deutschland in Musikvideos (die Grunge-Cheerleader in Nirvanas Smells-like-Teen-Spirit-Video!) oder in Filmen (die fiesen Cheerleaderinnen der Bronson Alcott High School in Clueless, die Alicia Silverstone um den Titel als Homecoming-Queen bringen wollen!) nahegebracht worden war. Cheerleaderinnen waren seltsam überirdische Wesen, die alles, was das Weiblichkeitsklischee hergibt, in sich vereinigten: unnahbar und zickig auf der einen Seite, wunderschön und sexy auf der anderen. Alle Mädchen wollen so sein wie sie, und alle Jungs wollen mit ihr ins Bett. Der Inbegriff der amerikanischen Traumfrau beziehungsweise des Traummädchens. Nur waren die Cheerleaderinnen auf meiner Highschool nichts dergleichen. Sie waren einfach normale Teenager, pickelig oder nicht, schlauer oder dümmer, dünner oder dicker. Nur ein bisschen akrobatischer als ich (was nicht so schwer ist) und sehr daran interessiert, mit bunten Pompons bestückt unsere Mannschaft mit mehr oder weniger originellen Schlachtrufen ("Go Vikings, Go!" Oder "V – I – K – I – N – G – S !") zum Sieg zu führen.

Durch meine reale Begegnung mit dem Popkulturphänomen der Cheerleader wurden sie entzaubert und ich wundere mich immer wieder, wenn ich ihnen ausgerechnet in Deutschland "in echt" begegne. Ebenso überraschend tauchte auch der Skandal der Saison 2019/2020 um das Cheerleader-Team von Alba Berlin auf meinem Radar auf. Marco Baldi, Geschäftsführer des 1991 gegründeten Basketballvereins, der einer der erfolgreichsten Europas ist, hat auf der Website verkündet, dass die Auftritte der Alba Dancers mit sofortiger Wirkung der Vergangenheit angehören sollten: "Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass das Auftreten junger Frauen als attraktive Pausenfüller bei Sportevents nicht mehr in unsere Zeit passt."

Stefanie Lohaus ist Journalistin. Herausgeberin und Redakteurin des "Missy Magazine". Sie lebt in Berlin und ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Urban Zintel

Was Baldi damit meint, ist, dass es für ihn 2019 keinen Sinn mehr hat, dass Frauen im Männersport lediglich am Spielfeldrand eine Rolle spielen. Stattdessen möchte er in Zukunft die Basketballfrauen bei Alba stärker fördern. Die Cheerleaderinnen deshalb gleich zu verbannen, ist ein ungewöhnlich radikaler Schritt für einen Vereinsmanager. Nur selten prangern Sportverantwortliche den omnipräsenten Sexismus im Sport an. Selbstverständlich verdienen Frauen im Sport weniger Geld – im Falle der Alba Dancers: nichts. Selbstverständlich gelten für Frauen andere Regeln im Sport als für Männer. Denn Männer machen eben Sport – Basketball, Fußball, Boxen. Und Frauen machen … – Frauensport. Selbst bei Sportarten, die Männer und Frauen gleichermaßen betreiben, gelten für Frauen häufig andere Regeln. So gilt als Siegerin beim Damentennis diejenige, die zwei von maximal drei Sätzen gewonnen hat; die Herren müssen hingegen drei von maximal fünf gewinnen. Die abweichende Frauenregel wurde 1902 von der U.S. Lawn Tennis Association eingeführt und nie wieder abgeschafft. Man fürchtete damals, dass Frauen sich sonst beim Sport überanstrengen könnten. Wohl kaum, wie man heute weiß. Auch die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern steht selten zur Debatte, wenn nicht gerade Frauenfußball-WM ist. Das berühmte geblümte B-Waren-Teeservice, dass die Frauenfußballnationalmannschaft 1989 für den Europameistertitel bekam, ist zwar schon einige Jahre Geschichte, trotzdem verdienen Frauen quer durch alle Sportarten im Schnitt noch immer weniger als Männer.

Zahlreiche Kommentator*innen – neben Innenminister Horst Seehofer einige Autorinnen in verschiedenen Medien – kritisierten Baldis Entscheidung. Schließlich würden die Frauen ja freiwillig so tanzen. Und was selbstbestimmt sei, sei schließlich feministisch. Tatsächlich ist das stark verkürzt. Selbstbestimmung ist durchaus eine relevante Größe im Feminismus; doch im Umkehrschluss ist nicht alles, was selbstbestimmt ist, automatisch dazu geeignet, mehr Gleichberechtigung zu erreichen oder Frauen zu stärken – ich kenne jedenfalls einige Alba-Zuschauerinnen, die die Auftritte der Dancers nur schwer ertragen konnten.

Und in der Tat ist einiges an den Alba Dancern sexistisch, egal wie selbstbestimmt sie sich fürs Cheerleading entscheiden. Erstens treten sie nur bei Spielen der Basketballherren, nicht aber der Basketballfrauen auf. Zweitens wählte die Trainerin Valesca Stix Tänzerinnen nach eigener Aussage nach normiertem und eher langweiligem Schönheitsideal und nicht etwa nach Können aus. Und drittens verrichteten sie ihre Arbeit (bis auf die Trainerin) unbezahlt. Das liest sich nicht gerade wie ein Lehrstück in weiblichem Empowerment.

Dabei könnte die Geschichte des Cheerleadings durchaus eine feministische Erfolgsgeschichte sein. Schließlich war diese Tätigkeit – wörtlich das "Anleiten des Jubelns" – ursprünglich eine rein männliche Angelegenheit, in die sich Frauen erst mühsam vorkämpfen mussten. Anders als in Deutschland, wo Breiten- und Leistungssport über Vereine und deren immer noch männlich dominierte Fanclubs organisiert wird, ist Sport in den USA eine Aufgabe der Bildungseinrichtungen – Schulen, Colleges, Universitäten. Dort entstand Cheerleading Mitte des 19. Jahrhunderts: Junge Männer animierten die Fans der eigenen Mannschaft am Spielrand mit Sprüchen und Megafonen zum Jubeln. Ein Cheerleader zu sein, das war eine ehrenvolle Aufgabe. Eine männliche Aufgabe, für die nur die besten Führungspersönlichkeiten geeignet waren. Tatsächlich waren drei US-amerikanische Präsidenten – Dwight D. Eisenhower, Franklin Roosevelt und Ronald Reagan – in ihrer Collegezeit Cheerleader. Nicht Pompons, nackte Haut und Spagat standen im Vordergrund, sondern Megafone und derbe Sprüche.