Gesichtertausch: Der Parodist Jim Meskimen wird George Clooney. Und der wird Christopher Walken. Und wieder von vorn. Und immer so weiter. © Sham00k/Jim Meskimen/YouTube

Leute, die Prominente imitieren, gelten in Deutschland als Dienstleister, selten als Künstler. Man nennt sie Parodisten oder Imitatoren. Oder Komiker, aber das ist schon fast eine Beschimpfung. Doch auch in den USA, wo zwischen high und low weniger unterschieden wird, kann man sich als Stimmenimitator für eine bedauerliche Figur halten. Jim Meskimen, 60 Jahre alt, Kalifornier, Comedian, hat das mit engen Reimen getan in einem selbstironischen Gedicht, es trägt den Titel Pity the Poor Impressionist: Hab' Mitleid mit dem armen Parodisten. In einem seiner Videos hat er es, nun ja: aufgesagt, allerdings mit seinen Imitationen von 20 Schauspielerstimmen, die er blitzschnell und beeindruckend nachahmt. Das Video wurde auf YouTube mittlerweile fast eine Million Mal abgerufen und hat sich zu einem Meme entwickelt.

Die Sache ist nämlich die: Man hört nicht nur die Stimmen von John Malkovich, Tommy Lee Jones, Robert De Niro, Nicholas Cage, Christoph Waltz und Robin Williams. Meskimens Gesicht verwandelt sich in dem Video auch täuschend echt in die der Imitierten, ein prominentes Gesicht morpht in das nächste. Die Anverwandlung ist technisch so gut, dass der Unterschied zu den echten Menschen praktisch verschwindet und man sich irgendwann fragt: Wozu jemanden parodieren, wenn die Parodie identisch mit dem Parodierten wird? Wo bleibt die überformte Wahrheit, die Übertreibung, die den Menschen, seine Makel und seine Einzigartigkeit erst richtig kenntlich macht? Mit anderen Worten: Wo bleibt die Kunst?

Die Kunst versteckt sich hier in der Deepfake-Technologie, mit der das Video erstellt wurde. Sham00K heißt der YouTuber, der Meskimens stimmliche Meisterleistung visuell übersetzt hat. Er hat dafür die frei erhältliche Open-Source-Software DeepFaceLab benutzt, die im Prinzip jeder Mensch gebrauchen kann, der einen Rechner mit einer guten Grafikkarte, einem halbwegs schnellen Prozessor und genug Speicherplatz besitzt – und im Zweifel ein paar Tage Zeit hat, zu warten, bis der Computer fertig ist mit dem Rechnen. DeepFaceLab operiert mit machine learning, die Software wird auf Gesichter trainiert, und je mehr Bilder und Videos dieser Gesichter man ihr zufüttert, desto besser wird das Ergebnis.

Sham00K hat nach eigenen Angaben 1.200 Stunden Videos und 300.000 Fotos der von Meskimen Imitierten für das zweieinhalbminütige YouTube-Video verarbeitet, um die Gesichter der parodierten Schauspieler mit dem Gesicht von Jim Meskimen zu verschmelzen. Die Visagen kleben da nicht bloß steif drauf wie bei technisch weniger avancierten face swaps

Auf Sham00Ks Kanälen bei YouTube, Twitter und anderen Plattformen kann man viele andere Deepfakes sehen: John Travolta als Forrest Gump (statt Tom Hanks), Tom Selleck als Indiana Jones (statt Harrison Ford), Will Smith als Neo aus The Matrix (statt Keanu Reeves). Travolta statt Hanks und Selleck statt Ford spielen mit dem handwerklichen Gefälle zwischen dem Originaldarsteller und dem Kopisten. Denn Hanks und Ford haben mehr schauspielerische Technik drauf als ihre eher typorientierten Kollegen Travolta oder Selleck. Smith statt Reeves: Hier geht es wohl auch um Hautfarbe, oder einfach um den täglichen Internetquatsch, wenn Smith mit der Frisur von Reeves spielt. Die Schauspielerstimmen sind in diesen Videos unverändert.

Den einen Star durch den anderen zu ersetzen, sich berühmte Filme in kleinen Ausschnitten mit anderer Besetzung anzuschauen: Das ist nichts weiter als eine zusätzliche unterhaltsame Ablenkung. Doch die Technologie dahinter wirft grundsätzliche Fragen auf. Im Schlafzimmer, in den Medien und bald in den Künsten.

250 Stunden will Sham00K an den zweieinhalb Minuten gebastelt haben, die Meskimens 20 Parodien brauchen, wie er auf seinem YouTube-Kanal unter einem Making-of schreibt. Auf Twitter hat Sham00K keine 500 Follower, er ist dort erst seit August dieses Jahres aktiv. Sein Name spielt damit: Shamook ist wüster Slang für einen kleinen Penis – das passt gut in die digitale Erzählung, dass im Internet auch die Kleinen ganz groß rauskommen können.

Wie für so viele medientechnische Entwicklungen der vergangenen circa 200 Jahre war auch im Bereich Deepfake die Pornografie ein wesentlicher Motor. Von der Fotografie durch das Schlüsselloch über den Kintopp zur Videokassette, der DVD und dem Streaming: Pornoproduzenten wussten stets früh, welches Medium den ehrlichen Schweiß der Hände in hartes Geld verwandelt. Bei Deepfakes landen die Gesichter von prominenten Frauen nun technisch perfekt auf den nackten Körpern von Pornodarstellerinnen. Das ist ekelhaft und lässt Ungutes in Sachen privater revenge porn ahnen, je einfacher die Deepfake-Technologie zu bedienen sein wird – ist aber an sich noch kein Phänomen, das die Kultur der Bilder wesentlich verändern wird.