Deutschland feiert mal wieder – die falschen Feste? Seit 30 Jahren dreht sich alles um "Mauerfall" und "Wiedervereinigung". Bis zu diesem Jahr ging es dabei sehr selten um die Friedliche Revolution. Schon die Bezeichnung hatte in den vergangenen 30 Jahren Seltenheitswert, noch immer ist häufig nur von einer "Wende" die Rede. Ein Begriff, der viel zu kurz greift. Und noch dazu von Egon Krenz, dem letzten SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden der DDR, geprägt wurde.

Kathrin Mahler Walther, geboren 1970, gehörte zu den jüngsten Bürgerrechtler*innen der früheren DDR. Für ihr Engagement erhielt sie am 2. Oktober das Bundesverdienstkreuz. Im Mai 2019 initiierte sie den Offenen Brief an die Kommission "30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit", mit dem sich 57 Bürgerrechtler*innen dafür aussprachen, den 9. Oktober in den Mittelpunkt der Jubiläumsfeierlichkeiten zu rücken. Sie ist heute geschäftsführendes Vorstandsmitglied der EAF Berlin, einem Forschungs- und Beratungsinstitut zur Förderung von Vielfalt und Chancengleichheit, und Gastautorin von "10 nach 8". © Verena Brühning

Ohne die Friedliche Revolution hätte es weder den Mauerdurchbruch am 9. November gegeben noch die Wiedervereinigung von Bundesrepublik und DDR am 3. Oktober 1990. Doch diese beiden sind Anlässe, die vor allem aus westdeutscher Perspektive identitätsstiftend sind, denn sie bezeichnen jene kurzen Momente, in denen Westdeutsche auf Ostdeutsche trafen und sich auch für die Westdeutschen etwas veränderte. Die Erinnerung an die Friedliche Revolution steht dagegen für die Zeit davor: den Mut der Ostdeutschen, die ihre Angst überwunden und mit ihrem friedlichen Protest das Regime in die Knie gezwungen haben.

Ich erinnere mich noch gut an diesen 9. Oktober 1989 in Leipzig: Es kamen immer mehr Menschen zu den Friedensgebeten der letzten Wochen und sie bewegten sich weiter und weiter aus der Nikolaikirche hinaus. Gerade erst, am 7. Oktober, hatte es anlässlich der Feierlichkeiten zum Gründungstag der DDR an vielen Orten in der DDR Proteste gegeben, gegen die die Polizei brutal vorging, allein in Leipzig wurden mehr als 200 Menschen festgenommen. Die Luft vibrierte förmlich. Einen Tag zuvor saßen wir, Bürgerrechtler*innen aus drei Leipziger Gruppen, zusammen und überlegten voller Sorge, was wir tun können. Ergebnis war der Appell des Arbeitskreises Gerechtigkeit, der Arbeitsgruppe Menschenrechte und der Arbeitsgruppe Umweltschutz, in dem wir die Menschen zur Gewaltfreiheit aufriefen. Denn "Wir sind ein Volk!", so schrieben wir damals und meinten noch etwas ganz anderes damit als jener Slogan, mit dem die CDU dann ab Dezember auf den Leipziger Montagsdemos für die Wiedervereinigung warb. Wir wollten den Zusammenhalt der Menschen in der DDR stärken und die Demonstrierenden erinnern, dass "auf der anderen Seite" ihre Brüder, Söhne und Freunde stehen, die gerade ihren Dienst in der Armee ableisten mussten. 

Den Appell druckten wir in der Nacht in einer 30.000er Auflage und verteilten ihn am Montag in der Stadt. Im Westen war er in der taz zu lesen. Veröffentlichungen in der Westpresse hatten für uns eine hohe Bedeutung – sie waren einerseits unser Schutz und andererseits das Sprachrohr in die DDR hinein. In einem Land ohne Pressefreiheit waren wir darauf angewiesen, dass die Menschen über das Westfernsehen erfuhren, was in der DDR los war. Deshalb wollten wir am 9. Oktober systematisch Beobachtungsposten in der Leipziger Innenstadt aufbauen, um sicherzustellen, dass Nachrichten über den Verlauf des Abends aus der Stadt herausdringen konnten. Das war nicht leicht, die wichtigsten Positionen waren durch die Stasi besetzt. Doch wir verfügten über ein strategisch aufgebautes Netzwerk. Durch meine gute Verbindung in die Reformierte Kirche konnte ich mich in der unbeleuchteten Kanzlei der Kirche postieren und den Demonstrationszug von dort aus beobachten. So gelang es mir auch, Siegbert Schefke und Aram Radomski von der Berliner Umweltbibliothek, die die Demonstration filmen wollten, Zugang zum Turm der Reformierten Kirche zu ermöglichen. Die beiden standen dort oben stundenlang in der Kälte und auch sie mussten ungesehen bleiben, denn auf den Dächern der gegenüberliegenden Häuser lauerten die Scharfschützen der Staatssicherheit.

Dieser 9. Oktober war der Tag der Entscheidung. Alle blickten nach Leipzig. Im Laufe des Tages wurde überall in der Stadt lasterweise Bereitschaftspolizei positioniert, die Kampfgruppen waren in Alarmbereitschaft, die Krankenhäuser wurden mit Blutkonserven ausgerüstet, in den Betrieben wurde davor gewarnt, in die Innenstadt zu gehen. Die Angst vor dem "Schießbefehl" war allgegenwärtig. Und trotzdem überwanden die Menschen diese Angst. 100.000 Menschen aus vielen Städten der DDR zogen an diesem Abend über den Leipziger Ring. Sangen die Internationale und We shall overcome – Lieder, die in der DDR jeder kannte.

Deutsche Einheit - Der 9. Oktober war ein Tag der Entscheidung Die Montagsdemonstrationen leiteten das Ende der DDR ein. In diesem Datum, an dem in Leipzig protestiert wurde, sehen Zeitzeugen den wahren Tag der Deutschen Einheit. © Foto: Picture Alliance/dpa