Das ist doch irgendwie auch merkwürdig. Dass man sich über die Strohhalme, die Plastiktüten, die SUV und die Schnitzel leer debattiert, aber über eine der umsatzstärksten Branchen Deutschlands bislang kaum eine Silbe verloren hat, nämlich die Bekleidungsindustrie. Nicht jeden Bundesbürger betreffen Flugreisen und Tempolimit, Schaschlikspieß und Ölheizung, aber so ziemlich jeder hatte zu diesen Themen etwas zu vermelden. Na ja, vermelden ist nicht ganz richtig. Meistens geht es darum, dass die Konsumenten meinen, etwas verteidigen zu müssen. Die größte Angst der Deutschen, noch vor der Angst vor Flüchtlingen, dem Russen und den Grünen, ist die Angst vor dem Zukurzkommen. Sie macht die Mehrheit der Leute schier irre. Die Nachkriegsjahre, der Hunger und so weiter. Die alte Geschichte von "Wir hatten doch nichts". Irgendwie funktioniert die Erzählung immer noch. Sie wird manchmal abgelöst durch die Erzählung von leeren Regalen in der DDR oder Bulgarien oder wo auch immer man zu Besuch bei der Tante war; damals, vor dem Fall des Eisernen Vorhangs. Leere Regale, wuuuaaaahhaaarrrgghhh, Grusel, Grusel!!!

Überfressene Milieus in Wegwerfgesellschaften funktionieren so. Man kann sie nicht mit Qualität und Nachhaltigkeit, mit Menschenrechten, Anstand und Würde ködern, sondern mit dem ältesten aller Marketingtricks, nämlich der Suggestion von Mangel. Jeder kennt das. Man legt schneller etwas in den Warenkorb, wenn der Onlineshop vorsichtshalber warnt, dass nur noch zwei Handtücher verfügbar seien. Auch das Buchen eines Fluges funktioniert so. Egal, welchen Flug man anklickt, immer gibt es nur noch drei Plätze. Nur noch drei Plätze!!

Die Fleischbranche erzielt seit vielen Jahren einen Umsatz von um die 20 Milliarden Euro. Das ist ziemlich viel und die Aspekte dieser massiven Überproduktion wurden gerade erst wieder in den vergangenen Monaten sehr intensiv diskutiert. Der viel größere Umsatz aber wird von der Textilbranche eingefahren. 35 Milliarden Euro jährlich werden in Deutschland mit Kleidung gemacht. Nicht Italien oder Spanien sind Europas Marktführer in der Textil- und Modeindustrie, sondern Deutschland.

Eine Hose, 8.000 Liter Wasser

Es ist ganz sicher eine Frage der Zeit, bis in einem größeren Umfang als bisher das Verhältnis zur Bekleidung geklärt wird. Das ist ja auch das Wahnwitzige: Nirgendwo in Europa wird so viel Geld mit Textilien erwirtschaftet wie in Deutschland. Gleichzeitig wird über kein anderes Volk so sehr gespottet wie über die Klamotten der hiesigen Bevölkerung. Es ist immer dasselbe: Das Mehr an Waren verführt die Leute nicht zu mehr Eleganz, nicht zu einer besseren Esskultur, nicht zu einem bedächtigeren und wählerischen Umgang. Stattdessen unreflektierte Maßlosigkeit. Das ist und bleibt unsexy. Woran wird da bloß so verbissen festgehalten?

Die Konsumpsychologen sollen sich mal bitte häufiger und lauter melden, man will das gern etwas besser verstehen. Warum fällt es den Konsumenten leicht, sich mehrere Jeans in einem Jahr zu kaufen, wo man doch weiß, dass eine einzige Hose einen Verbrauch von 8.000 Liter Wasser hat? Wieso bieten Supermärkte und andere Warenhäuser T-Shirts für drei Euro an? Irgendwer muss doch die Baumwolle säen und pflücken, einer muss sie spinnen, einer färben, wieder ein anderer nähen und so weiter. Meistens handelt es sich dabei um Frauen und Kinder.