Ein Nazi tötet, ein Innenminister labert Scheiße und der Rest der Bevölkerung lässt sich vom Wesentlichen ablenken. Das ist unser Stand zwei Wochen nach dem Terroranschlag in Halle. In diesem Text will ich erklären, wieso wir in Zukunft die Äußerungen von Politikern häufiger als Bullshit bezeichnen sollten, um ein konstruktiveres Umfeld zu schaffen für die Diskussionen, die ja geführt werden müssen.

Schauen wir uns dazu erst noch einmal an, was passiert ist: Bereits vier Tage nach der Tat in Halle sprach Innenminister Horst Seehofer in einem Interview über die Risiken der "Gamerszene" und darüber, dass man sie stärker überwachen müsse. Sofort reagierten Gamer und Digital Natives auf Seehofer empört mit einem Schwung argumentativer Schellen.

Wer nun ernsthaft glaubt, dass Seehofer nicht völligen Quatsch erzählt hat, nur weil in der Zwischenzeit selbst Gamer zugestimmt haben, dass es auf bestimmten Plattformen durchaus Probleme mit Rechtsextremismus gibt, den muss ich leider enttäuschen: Nein, Seehofer hat nicht recht, auch kein bisschen, auch nicht aus Versehen. Wenn er überhaupt recht hat, dann weil er die Gruppe so groß fasst, dass immer ein bisschen was dabei ist. Das sorgt aber nicht dafür, dass man die üblen Typen schneller fängt, sondern höchstens dafür, dass sie noch ein bisschen besser abtauchen können.

Ich frage mich: Warum? Warum tut Seehofer, was er tut? Vielleicht, um anderen Senioren die passenden Schuldigen für das Unglück in der Welt präsentieren zu können? Vielleicht aufgrund fehlender Kompetenz, vielleicht aufgrund seines Alters? Mit 70 wirft man ja schon mal ein paar Begriffe durcheinander – und vielleicht meinte er mit "Gamerszene" eigentlich bestimmte Untergruppen der Memekultur und die dazugehörigen Internetforen. 

Aber abgesehen davon, dass man die Äußerungen eines Innenministers nicht in diesem Umfang optimistisch inhaltsvoller interpretieren sollte, als sie ausgefallen sind – schließlich ist das immer noch ein erwachsener Mann und kein drolliges Kleinkind –, wäre Wohlwollen falsch: Seehofer sprach in dem Clip, der Anlass der ganzen Debatte ist, explizit und ausschließlich von Personen, die Computerspiele spielen. Er sprach von Gamern, nicht von verlorenen Seelen in Alt-Right-Memeforen oder auf rechtsextremen Discord-Servern.

Damit hat Seehofer selbst den Begriff superunscharf gemacht. Gamer sind – wie der Name schon sagt – Personen, die Videospiele spielen. Unabhängig davon, ob man Candy Crush auf Facebook, Angry Birds auf dem Smartphone, Fortnite auf einer Konsole oder Anno auf dem PC spielt. Wer regelmäßig spielt, ist Gamer und gehört damit zu einer Demografie, die in Deutschland 34 Millionen Bürger umfasst. Gamer sind also gut 40 Prozent der Bevölkerung. Frauen und Männer sind entgegen mancher Vorurteile etwa gleichverteilt und von den 14- bis 29-Jährigen sind sogar 71 Prozent Gamer und Gamerinnen. "Die Gamerszene" gibt es also genauso wenig wie "die Kaffeetrinkerszene" oder "die Laugenbrezel-Esser-Szene". Und es ist viel wahrscheinlicher, dass ein 27-jähriger Naziterrorist Videospiele spielt, als dass er es nicht tut.

Nachdem wir nun geklärt haben, dass die alleinige Tatsache, der Nazi habe Games gespielt, bedeutungslos ist, betrachten wir den von Seehofer angesprochenen Aspekt, dass in den Shootern, die er offensichtlich vor Augen hat, wenn er von Games redet, teilweise die Grenze zwischen Spielen und Simulationen verwischt würden. Das triggert mich auf mehreren Ebenen.