Ein Problem politischer Theorien ist, dass ein vulgäres Verständnis von ihnen die Welt in eine Hölle verwandeln kann. Karl Marx zum Beispiel hat die Wendung "Diktatur des Proletariats" etwas ungenau benutzt, um eine in seiner deterministischen Vorstellung von Geschichte künftige und nur zwischenzeitliche Dominanz der bis dato Ausgebeuteten über ihre Ausbeuter zu beschreiben. Danach sollte die klassenlose Gesellschaft folgen. Als reale Gesellschaftssysteme haben von Marx inspirierte Diktaturen im 20. Jahrhundert dann aber gemordet, unterdrückt und aller Barmherzigkeit gespottet.

Man muss das einerseits immer wieder sagen, weil es wahr ist. Andererseits aber auch, um bloß nicht in den Verdacht zu geraten, irgendetwas zu verharmlosen, sobald man auf qualitative Unterschiede zwischen mutmaßlich linken und rechten Strömungen der Gegenwart hinweist, vor allem den extremen unter ihnen. Das hat wiederum zu tun mit dem vulgären Verständnis jenes gemeinhin schlicht "Extremismusheorie" genannten Denkmodells, dessen verkürzte Rezeption sich gerade zur Gefahr für demokratische Realitäten auswächst.

Mögen die Forscher rund um den Chemnitzer Emeritus (und Miturheber der Theorie) Eckhard Jesse auch an komplexen Beschreibungen der Gesellschaft basteln, die sich eben nicht in der simplen Gleichsetzung von links und rechts erschöpfen: Längst hat die von Jesse selbst gebrauchte (vulgäre) Metapher des Hufeisens den Diskurs beschädigt. Das Bild von den gesellschaftlichen Extremen, die in gleicher Form von der Mitte wegragen und sich an den Enden fast wieder berühren, ist aber auch zu verführerisch. Kaum eine Diskussion über rassistisch motivierte Gewalt-, gar Mordtaten, in der nicht unmittelbar darauf verwiesen würde, dass brennende Luxusautos in Berliner Szenekiezen ebenfalls zu verurteilen sind.

In den Deutungen der Landtagswahl in Thüringen – auch den medialen – zeigt sich nun besonders krass, wie falsch das alles ist. Die Gleichsetzung des Quasisozialdemokraten Bodo Ramelow und des Staatsfeinds Björn Höcke als vermeintliche Antagonisten einer schwammig unterdefinierten "bürgerlichen" Mitte ist nicht einmal als Zuspitzung brauchbar. Auch die nachgeschobene Erläuterung hilft nicht, dass rassistische Weltbilder grundlegend menschenfeindlich und mörderisch sind, antirassistische hingegen nur, wenn sie als Teil eines autoritären Staatsverständnisses missverstanden werden.

Im Gegenteil macht Letzteres den Antifaschismus als potenziellen Unterdrückungsmechanismus wiederum missverständlich. Das sorgt dafür, dass Antifaschistinnen unter Rechtfertigungsdruck geraten, wenn sie – doch eigentlich ganz im Sinne der hoffentlich ja wehrhaften Demokratie – Faschisten als Antidemokraten markieren. Mit diesen sucht man schlicht keine Kompromisse. Und man arbeitet auch dann nicht mit ihnen politisch zusammen, wenn sie Tweedsakkos tragen.

Keine Angst vor dem schwarzen Block

Es ist nun einerseits langweilig, diesen Zusammenhang wieder und wieder zu betonen. Andererseits ist jetzt auch die Zeit für Redundanz. Denn die Faschisten werden auch weitermachen, die "Gefahr von links" und die Bedrohung durch Zuwanderer als größte Schrecknisse für den inneren Frieden des Landes zu beschreiben – ungeachtet etwa der Statistiken zu Hasskriminalität.

Rechtskonservative werden darum weiterhin versucht sein, sich rechtskonservativ auftretenden Faschisten habituell und biografisch näher zu fühlen als Leuten, die nicht gleich Reißaus nehmen, wenn auf einer Antinazidemo der schwarze Block aufmarschiert. Doch genau das ist jetzt demokratische Herzensaufgabe: bis weit in die Union und ihre Wählerschaft hinein ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass jeder "Alerta Antifascista"-Rufende begrüßenswerter ist als der freundliche AfDler von nebenan.