Das menschliche Leben spiele sich, so der sowjetische Filmemacher Andrej Tarkowski, zwischen den zwei übermächtigen Polen des Liebens und des Opferns ab. Tarkowski, 1932 geboren, verinnerlichte nur zu gut die zentrale Stellung des Opferns in der zunächst christlichen, dann sowjetischen Ideologie, allem voran die Aufwertung des Kollektivs gegenüber dem kleinen Menschen und seinem kleinen Leben.

Jelena Jeremejewa arbeitet als freie Autorin und Regisseurin an der Schnittstelle zwischen Forschung und Kunst. In ihren Filmen "Der Ernst des Lebens" (SWR) und "Irgendwo dazwischen" (WDR) thematisierte sie Fragen der Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit unter Jugendlichen mit Migrationserfahrung. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Sich und das Eigene auf dem Altar der Bedürfnisse der Gemeinschaft zu opfern, die schon immer größer waren als man selbst, das saugte ich wortwörtlich mit der Muttermilch auf. Das klassische Familienleben meiner Kindheit lastete auf den Schultern meiner Mutter, die Vollzeit gearbeitet hat und im Gegensatz zu mir keine Zeit hatte, über ihr Lebenskonzept, ihre Rolle und Verantwortung nachzudenken. Während mein Vater mit mir bei langen Spaziergängen Kastanien sammelte oder Schneemänner baute, hat sie für eine fünfköpfige Familie gewaschen und geputzt: Kiew, Achtzigerjahre, Akademikerhaushalt, Schwarz-Weiß-Fernseher, keine Waschmaschine. Zum Glück oder Unglück meiner Mutter lebten wir in einer 60 Quadratmeter kleinen Zweizimmerwohnung und besaßen keine Berge an Kleidung und Gegenständen. Meine Eltern wären wahrscheinlich gern, wie ich heute am Wochenende, einfach mal liegen geblieben, hätten die Zeitung oder ein Buch gelesen oder sich mal ausgiebig und in Ruhe gestritten über all das, was sich die Woche über aufgestaut hat. Doch fünf Tage Erwerbsarbeit mündeten in der freudlosen Pflichterfüllung ihrer Sorgearbeit. Meine Oma kochte und sorgte hier und da für weiteren Zündstoff.

In meiner durch und durch vom Sozialismus geprägten Familie, auf diesem kleinen Wohnraum, bedeutete Liebe Opfern. Das Lieben ging nicht fließend in das Opfern über, das Opfern erfüllte die Vorstellung von Liebe vielmehr ganz.

Dass ich heute Lieben und Opfern als eine Dichotomie denken kann, verdanke ich der Entscheidung meiner Eltern, die unser Familienleben geopfert haben, indem meine Mutter sich 1994 für die Emigration nach Deutschland entschied und mein Vater dagegen. Meine Reflexion über die Selbstverständlichkeit ihrer Selbstlosigkeit ist aus dem Bruch und aus der Distanz erwachsen, die erst möglich waren, weil ich in Deutschland Alternativen kennenlernen konnte. Und seit ich heute, zwischen den unterschiedlichen Anforderungen an mich selbst, untergehe.

Meine eigene Geschichte der Selbstaufopferung nahm klassischerweise mit meiner eigenen Mutterschaft Kontur an – mit der Hergabe meines Körpers, des mentalen, seelischen Raums für ein neues Leben. Sie wurde fortgesetzt mit der Lebenszeit, die ich ausschließlich den Kindern und ihren Belangen widmete. Zu der Selbstaufopferung gesellte sich im Handumdrehen auch ein Optimierungsmotor – zu den bereits mehr oder weniger erprobten Rollen der Filmautorin, loyalen Freundin, leidenschaftlichen Partnerin gesellte sich die Rolle der guten, sprich selbstlosen Mutter. 

Auch wenn die Worte "Hergabe" und "ausschließlich" sehr absolut klingen, empfinde ich sie zuweilen genau so. Ich bereue weder die Kinder noch die Familiengründung, liebe beides, so gut ich eben kann, empfinde ambivalent und lege Wert auf Ehrlichkeit, auch, wenn sie Schmerzen verursacht. Die ständige Priorisierung von Bedürfnissen anderer ermüdet mich und lässt mich meine eigenen, immer leiser werdenden Sehnsüchte und Empfindungen überhören. Zeit mit Kindern kann ich nur dann in anderen Begriffen denken, wenn ich Zeit habe, für mich zu sorgen und mich um Dinge zu kümmern, die mir darüber hinaus wichtig sind. Beispielsweise an einem Film zu arbeiten oder diesen Text zu schreiben.          

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich für all die Einschnitte und Investitionen, für die täglichen Verunmöglichungen nichts erwarte. Für all die zahllosen Elternabende, Basketballtourniere an Wochenenden, Sankt-Martins-Umzüge mit vom Wind, Regen oder Feuer zerstörten Laternen, all das pädagogisch wertvolle Spielzeug, all diese Hörspiele, die ich auf Autofahrten mitanhören musste – bis ich merkte, dass genau hier meine persönliche Opferbereitschaft aufhört und die Ohrstöpsel Leben retten.

Opfergaben verleihen selten Flügel. Sie ziehen klare Erwartungen nach sich, etablieren eine unausgesprochene Balance zwischen Geben und Empfangen. Nur wie ist eine gesunde Balance möglich, wenn die eigene Mutter Liebe gepredigt und Opfer gelebt hat? 

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir dieser Spagat zwischen Mutter- und Tochterrolle, zwischen all den Ansprüchen und Inanspruchnahmen unbeschadet gelingt.