Das von mir mitverfasste Büchlein Mit Rechten reden teilt mit Klassikern wie Der Untergang des Abendlandes oder Die Unfähigkeit zu trauern die zweifelhafte Ehre, den Diskurs um eine Floskel bereichert zu haben. Völlig losgelöst vom Text schweben die drei Wörter seines Titels schwerelos durch die Ödnis einer Debatte, die sich hartnäckig weigert, einem verwickelten Problem anders beizukommen als durch eine plumpe Alternative: Müssen wir mit Rechten reden – oder sie bekämpfen? Als ob das eine das andere ausschlösse! Als ob nicht beides längst stattfände, ohne dass irgendjemand um Erlaubnis gefragt worden wäre. Seit die organisierte Rechte wieder zu einem Machtfaktor geworden ist, haben Politiker, Journalisten und Wissenschaftler kaum eine andere Wahl, als mit ihren Vertretern, Anhängern und Hinterleuten zu reden. Und die Parlamentsdebatten, Talkshows und Interviews verweisen ja nur an exponiertem Ort auf etwas, das Tag für Tag unzählige Male auch ganz beiläufig geschieht. 

Ob in den sozialen Medien, ob in Vereinen, Gewerkschaften und Kirchengemeinden, ob auf Familienfeiern, im Büro und selbst im Freundeskreis: Der mal um Abgrenzung, mal um Verständnis bemühte, oft gehässige, meist frustrierende, fast immer anstrengende Umgang mit Leuten, die fundamental anders denken und fühlen als man selbst, ist zu einer alltäglichen Erfahrung geworden. Ob dieses Reden stattfindet, hat die Wirklichkeit längst entschieden. Umso dringlicher stellen sich dafür andere Fragen: Wie miteinander reden? Wann? Mit wem? Unter welchen Umständen? Zu welchem Zweck? Mit welchen Erwartungen? Zu welchen Bedingungen? Mit welchen Chancen und Risiken? Und nicht zuletzt: Wer? Bin ich selbst überhaupt bereit, solche Gespräche zu führen? Oder will ich es lieber anderen überlassen? Diese Fragen zeugen weniger von Moral als von Klugheit, einer Tugend, ohne die man auf Dauer keinen Konflikt unbeschadet überstehen wird.

Und klug sollten wir sein, denn unsere Zeit ist auf eine so kämpferische Weise politisch, wie wir es seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt haben. Ob wir es wollen oder nicht, wir werden uns daran gewöhnen müssen, Politik über das sonst übliche Maß hinaus auch als Kampf zu betrachten. Wie er zu führen ist, welche Gefahren er birgt, nach welchen Kriterien sich sein Erfolg bemisst, scheinen Schlüsselfragen unserer Zeit zu sein. Dagegen stellt uns das Reden mit Rechten vor eher taktische Probleme. Nicht unwichtig, aber vor der Taktik kommt die Strategie. Lenins klassische Frage "Was tun?" wäre sinnlos, hätte man nicht zuvor Carl Schmitts strategische Maxime befolgt: "Erkenne die Lage!" Am Ende wird jeder für sich selbst entscheiden müssen, inwiefern es geboten sein mag, in Metaphern und Begriffen des Kampfes über das eigene Engagement nachzudenken. 

Damit es aber überhaupt etwas zu entscheiden gibt, will ich meine Sicht auf die politische Lage darstellen. Zu diesem Zweck werde ich drei Sätze interpretieren, die vom vielfachen Gebrauch so abgeschliffen sind, dass man ihre kantige Klugheit kaum noch bemerkt. Der erste Satz stammt vom Atheisten Karl Marx, der Hegels Behauptung, die weltgeschichtlichen Tatsachen ereigneten sich immer zweimal, bekanntlich so glossierte: "Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andere Mal als lumpige Farce." Der zweite Satz stammt von einem Katholiken, dem im Februar dieses Jahres verstorbenen Verfassungsjuristen Ernst-Wolfgang Böckenförde: "Der freiheitliche, säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Der Urheber des dritten Satzes war ein Meister des blutigsten aller Handwerke. Und so heißt denn auch das einzige Werk, das der chinesische General Sun Tzu hinterlassen hat: Die Kunst des Krieges. Von den vielen funkelnden Aphorismen, die dieser zweieinhalbtausend Jahre alte Urtext des strategischen Denkens enthält, lautet der meistzitierte: "Jede Kriegsführung beruht auf Täuschung."

Weimarer Verhältnisse?

Marx' Satz ist nicht geschichtsphilosophisch gemeint. Anders als Hegel und viele seiner Epigonen denkt Marx hier nicht über die Ähnlichkeit von historischen Ereignissen nach. Er stellt nur fest, dass es in politisch unsicheren Lagen das Bedürfnis gibt, sich mithilfe weltgeschichtlicher Analogien Orientierung zu verschaffen. Gerade in Umbruchzeiten, so Marx, neigten die Lebenden dazu, sich von den großen Toten der Vergangenheit "Namen, Schlachtparole, Kostüm" zu leihen, um in "dieser altehrwürdigen Verkleidung" das verstörend Neue ins milde Licht einer vertrauten Geschichte zu tauchen. Der Satz hat eine psychologische Pointe, und sie ist von schwarzer Ironie. Während nämlich die Totenerweckung in manchen Fällen dazu diene, "die neuen Kämpfe zu verherrlichen" und eine im Hier und Jetzt "gegebene Aufgabe in der Phantasie zu übertreiben", so bedeute sie in anderen genau das Gegenteil: eine Flucht vor der Wirklichkeit in den Abklatsch eines historischen Dramas. "So maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789 bis 1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und römisches Kaisertum"; dagegen "wusste die Revolution von 1848 nicht besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von 1793 bis 1795 zu parodieren." Und am Ende dieser Parodie steht eben jene "lumpige Farce", von der Marx am Anfang seines Textes spricht. Der Staatsstreich, mit dem Louis Bonaparte 1851 das Zwischenspiel der II. Republik beendete, ist ein lächerliches Zitat des 18. Brumaire 1799, als Louis' Onkel Bonaparte die Staatsgewalt an sich gerissen hatte, um in einem Parforceritt sondergleichen Europa die letzten Reste des Mittelalters auszutreiben.

Wenn Marx hier eine Wahrheit über die Geschichtsbedürftigkeit politischer Zeiten ausspricht, dann heißt das auch: über uns. Meine Schriftstellerkollegin Katja Petrowskaja hat die Zeit des Nationalsozialismus, oder wie es in ihrer sowjetischen Heimat hieß: des Hitlerfaschismus, und des Zweiten Weltkriegs einmal "unsere Antike" genannt. Womit gemeint war, dass wir uns die Geschichten aus dieser Zeit immer wieder aufs Neue erzählen, im Kino, im Fernsehen, in der Wissenschaft, in Gesprächen, und nicht zuletzt natürlich in der Literatur, so wie Katja und ich es in unseren Büchern auf ganz unterschiedliche Weise getan hatten. Das war 2014. Aber seitdem hat sich die Lage dramatisch verändert. Inzwischen erzählen wir uns diese Geschichten nicht mehr. Wir spielen sie nach oder, um es mit Marx zu sagen: Wir leihen uns Namen, Schlachtparolen und Kostüme der 1930er-Jahre, um die Kämpfe unserer Gegenwart in die Kulissen der späten Weimarer Republik und damit vor den Horizont des Nationalsozialismus zu stellen.

Ich nenne stellvertretend für viele den Aktionskünstler Philipp Ruch, der 2018, nachdem er sämtliche Ausgaben der linksliberalen Weltbühne von 1932 gelesen hatte, meinte feststellen zu müssen, dass "Weimar brennend aktuell" ist. In einem kurz darauf veröffentlichten Redemanuskript las sich das dann so: "Ich fürchte, dass unsere Gesellschaft unterspült werden kann, wie es schon einmal in nur vier Jahren, zwischen 1928 und 1932, geschehen ist. […] Warum tolerieren wir Demokratiefeinde? […] Diese Politik gipfelte schon einmal im Appeasement von 1938 […]. Der Fehler, die eigene Faulheit zur Friedensliebe umzudekorieren, darf uns nicht noch einmal unterlaufen. Es wird niemals demokratisch oder tolerant sein, demokratiefeindliche Umtriebe [wie auf] auf den Straßen von Chemnitz zu dulden […]. Wir glauben, dem Kampf mit Toleranz zu entkommen. […]. [Aber] den Kampf werden wir kämpfen müssen. Oder wie Churchill es ausdrückte: 'Sie hatten die Wahl zwischen Krieg und Schande. Sie haben die Schande gewählt und werden den Krieg bekommen.'"

Ruch ist für diese und ähnliche Äußerungen vielfach kritisiert worden, aber meines Erachtens aus den falschen Gründen. Kritik verdienen diese Sätze nicht, weil sie extrem sind. Im Gegenteil, in der karikaturhaften Überzeichnung drücken sie nicht nur eine weitverbreitete Meinung mit wünschenswerter Klarheit aus, sie sprechen auch ein tatsächlich existierendes Problem an, nämlich die Frage, wie sich eine auf Toleranz gegründete Demokratie angesichts ihrer Gefährdung verhalten soll. Kritik verdient Ruch, weil er das Problem, das er mit dramatischen Worten beschwört, durch die historische Analogie gleich wieder verschleiert. Statt es ernst zu nehmen und sich für den postulierten Kampf geistig zu rüsten, parodiert er die Zeitgeschichte, indem er sich Churchills Zigarre in den Mundwinkel schiebt und uns zuraunt: Ihr wisst doch, wie Stalin, Roosevelt und ich das Übel, das euch heute wieder bedroht, seinerzeit aus der Welt schaffen mussten, weil zuvor andere versagt hatten. Also zieht die richtigen Schlüsse aus der Geschichte!