Es war ein Abend im Januar 2016, als Theodor Wonja Michael gemeinsam mit der Holocaust-Überlebenden Marie Nejar auf eine Bühne in Frankfurt am Main trat. Er sprach über sein Leben und seine Wünsche für die Zukunft. Rund 300 Menschen erhoben sich von ihren Sitzen. Tosender Applaus, der nicht aufhören wollte. Die meisten Gäste waren Teil der Schwarzen Bewegung in Deutschland. Die Anwesenden feierten an diesem Abend 30 Jahre Bestehen der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), und Michael war nicht nur Schirmherr der Veranstaltung. Seine Rolle als Vorbild für all diejenigen Menschen, die in Deutschland Rassismus ausgesetzt sind, sich dagegen wehren und behaupten wollen, wurde mehr als deutlich. 

Michael wurde im Jahr 1925 als viertes und jüngstes Kind einer weißen Deutschen und eines Kameruners geboren. Bis 1919 stand Michaels Vaterland als sogenanntes "Schutzgebiet" unter deutscher Kolonialherrschaft. Er wurde zum Zeitzeugen, zum Überlebenden einer Epoche, in der schwarze Menschen in Deutschland nicht erwünscht waren und auf rassistische Klischees reduziert wurden. Sein Vater Theophilus Wonja Michael entstammte einer aristokratischen Familie, seine Mutter Martha war eine Näherin aus Ostpreußen. Sie starb ein Jahr nach seiner Geburt. Als Halbwaise wuchs Michael zunächst bei seinem Vater auf, der die Familie als U-Bahnbauer durchbrachte, später lebte er unter erbärmlichen Umständen bei Pflegeeltern. In deren "Völkerschauen" musste er bereits als kleiner Junge entwürdigende Szenen mimen und sich begaffen lassen. Michael begann zu stottern, mit 14 Jahren hatte er bereits Magengeschwüre. 

Als 1934 auch der Vater starb, wurden die vier Geschwister getrennt. Drei verließen das Land, Michael blieb in Nazideutschland. Er musste das Gymnasium verlassen, bekam einen "Fremdenpass" und wurde mit dem N-Wort gekennzeichnet. Der Krieg verschärfte die Situation: Bei Bombenangriffen wurde er aus dem Luftschutzbunker vertrieben. Ein Schlüsselmoment der Ausgrenzung wurde für ihn, als sogenannter "Artfremder" nicht in die Deutsche Arbeitsfront aufgenommen zu werden. Die Angst, sterilisiert zu werden, wie es vielen schwarzen deutschen Kindern und Erwachsenen zu dieser Zeit geschah – ambulant und teils ohne Narkose – begleitete ihn. 

Er schlug sich als Page, Portier und Komparse durch, verhielt sich unauffällig, mied behördliche Kontakte, hatte keine Beziehung. Anderen schwarzen Menschen begegnete er nur, wenn er mit ihnen arbeitete, in Propagandafilmen wie etwa Carl Peters mit Hans Albers. Mit Marie Nejar, die bei der 30-Jahr-Feier der ISD neben ihm auf der Bühne saß, war Michael als Komparse in der 1942 gedrehten Romanverfilmung Münchhausen zu sehen. Wer beim Film arbeitete, galt als "kriegswichtig" und konnte sich davor schützen, auf offener Straße aufgegriffen zu werden. Schätzungen zufolge wurden 2.000 schwarze Menschen in Konzentrationslagern von den Nationalsozialisten ermordet. Michael wurde 1943, als Münchhausen ins Kino kam, in einem Arbeitslager als Zwangsarbeiter interniert, wo er 1945 die Befreiung erlebte. 

Michaels afrodeutsches Leben verband die Kapitel deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts zwischen kolonialem Selbstverständnis bis in die der Weimarer Republik, den rassistischen Bezügen des NS-Staates, deren fehlender Aufarbeitung in der Nachkriegszeit und der wieder wachsenden afrikanischen Diaspora in Deutschland. Seine Zeugenschaft zeigte auch, dass die schwarzen Opfer des Holocausts bis heute weder Anerkennung noch "Entschädigung" für ihr Leid erhalten haben. Sein Tod macht deutlich, dass die Möglichkeit für Letzteres schwindet, Michael war einer der wenigen verbliebenen Zeitzeugen. Überlebende, die darüber berichten können, dass es zwar keinen gesonderten Vernichtungsbefehl der NS für Angehörige der afrikanischen Diaspora gab, sich der gezielte Anti-Schwarzen-Rassismus in dieser Zeit jedoch belegen lässt – die Sterilisierung, Internierung und Ermordung schwarzer Menschen.