Ich bin keine Neurologin, keine Psychoanalytikerin, keine Logopädin. Ich entnehme kein Nervenwasser und leite keine klinischen Studien, interessiere mich aber für Tics und das Tourettesyndrom. So wie andere sich für Fußball oder Unterwassertiere begeistern, faszinieren mich Phänomene, die nicht beabsichtigt sind und das Unbewusste berühren.

Mascha Jacobs, Jahrgang 1978, Autorin, Podcasterin und Mitherausgeberin der Zeitschrift "Pop. Kultur und Kritik". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8“. © ZEIT ONLINE

Ausgelöst wurde dieses Interesse durch die Beobachtung einer Fremden in einer Kantine. Die Bewegungen der Frau, die eher schlicht gekleidet und wohl Anfang 40 war, waren so eigenartig, dass man sie auf den ersten Blick für ungeschickt hätte halten können. Aufgefallen war mir zuerst ihr doppelter Hüpfschritt – ein Stolpern wie ein Stepptanz. Für ein Missgeschick etwas zu dick aufgetragen. Elegant und laut, mir gefiel diese Mischung sofort. Zu ihren Bewegungen machte die Frau Geräusche. Ziemlich geschickt und scheinbar zielsicher, aber gleichzeitig seltsam automatisch und willkürlich. Kein Räuspern, Hüsteln, Nasehochziehen. Nichts Ekliges. Mit jeder Bewegung ein Geräusch. Der Transport des Tabletts in Richtung Kasse glich einer Choreographie, die Frau stellte das Tablett ab, schob es ein Stück, hob es an, stellte es wieder ab, alles wieder von vorn. Ich stand direkt hinter ihr. Wenn ich diesen Bewegungsablauf jetzt aufschreibe, sehe ich die Frau direkt vor mir und kann nicht aufhören, sie wie ein animiertes GIF in einen Loop zu schicken.

Auf dem Weg zum Tisch, ich folgte ihr lautlos, ein unauffälliger Rempler gegen ein anderes Tablett, ein kurzes Knirschen, kleine Verzögerungen im Gang, tack, taa-tack, der Biss in den Apfel, grrsch, noch während sie einen Tisch suchte. Dann seufzte sie dreimal kurz hintereinander, bevor sie sich setzte.

Es war, als sei ich in den ersten Kurzfilm von Chantal Akerman gefallen, Saute ma Ville: Ton-Bild-Scheren, Alltagsgeräusche, bizarre Rhythmen der Handlungen, die jederzeit aus dem Ruder laufen konnten. Ich konnte nicht wegschauen, setzte mich in die Nähe der Frau und fühlte mich sofort wie die beste Mitarbeiterin einer Detektei. Die Gesten der Frau wurden überpräzise, ihre Geräusche zur Melodie.

Doch das, was so schön komponiert erschien, war keinesfalls intendiert. Die Frau litt ganz offenkundig unter einer Tic-Störung, die eigenartigen Gesten und Geräusche entschlüpften ihr unbewusst, erfuhr ich bei den ersten Recherchen hinterher zu Hause.

Unter Tics versteht man spontane Geräusche, Wortäußerungen oder Bewegungen, die ohne den Willen des Betroffenen zustande kommen. Eine mir treffend erscheinende Beschreibung dieser komplexen Krankheit steht im Buch Der Tic, sein Wesen und seine Behandlung der französischen Neurologen Henry Meige und Eugene Feindel, dessen Übersetzung im Jahr 1903 auf Deutsch erschienen ist. Darin heißt es: "Es genügt nicht, daß eine Geste in dem Moment, wo sie auftritt, unangebracht ist: es muss vielmehr sicher sein, daß sie im Moment ihrer Ausführung mit keiner Vorstellung im Zusammenhang steht, der sie ihre Entstehung verdankte. Charakterisiert sich die Bewegung außerdem durch allzu häufige Wiederholung, durch beständige Zwecklosigkeit, stürmisches Drängen, Schwierigkeit im Unterdrücken und nachfolgende Befriedigung, dann ist es ein Tic." Meige und Feindel beobachteten, dass Tics häufig in ungleichen Intervallen auftreten und keinem Rhythmus folgen. Tics sind ungeordneter, als es die von mir beobachtete Szene erahnen ließ.

1884 wurde diese mysteriöse neuropsychiatrische Erkrankung von Gilles de la Tourette erstmals ausführlich beschrieben und von der Hysterie und Epilepsie abgegrenzt. Heute kann mithilfe bildgebender Verfahren lokalisiert werden, welche Areale im Gehirn bei einem "Anfall" arbeiten, nämlich die sogenannten Basalganglien, mehrere Kerngebiete des Endhirns unterhalb der Großhirnrinde.