Natürlich, die Diskussion über die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke ist schon wieder Ewigkeiten her, und bis diese Redakteure einen endlich mal durchgelassen haben, dauert es noch länger, aber weil es mir als Feuilletonistin sowieso komplett egal sein darf, ob ich meine Leserinnen durch das, was ich schreibe, in Ekstase versetze (Zwinkersmiley, wir sind hier schließlich nicht auf Twitter), möchte ich es trotzdem versuchen, und zwar einfach, weil ich es kann (Privileg).

Bei der Handke-Sache jedenfalls ging es um die verschiedensten Themen (Genozid-Leugnung, Trennung von Werk und Autor, "Politische Korrektheit", Betroffensein), aber worum es auch ging, das war die Frage nach Herrschaftsausübung und Macht. Von den Diskussionsteilnehmern wurde dabei die Trennungslinie bezüglich der Frage, in wessen Händen diese Macht liegt und liegen sollte, mitunter recht deutlich markiert, nämlich entlang der Medien, die sie kritisierten.  

Auf der einen Seite standen die auf Twitter "das Feuilleton" genannten Printmedien. Sie hatten zuletzt diverse Schriftsteller (Thomas Melle, Eugen Ruge, Nora Bossong) mandatiert, die in ihren Artikeln Handke mit dem Hinweis darauf verteidigten, dass dieses Internet 2.0 und insbesondere Twitter ein Problem seien. Nun sind jene Schriftsteller und Schriftstellerinnen zwar keine Feuilletonmitglieder, aber was auf der Gegenseite ankam, war: "Das Feuilleton" hat etwas gegen "die" von Twitter. Twitter-User (weltweit 139 Millionen aktive Nutzer pro Tag), so die Kritik, neigten zu Komplexitätsreduktion, zur moralischen Überlegenheit, zur bequemen Einteilung in Gut und Böse und würden insgesamt immer totalitärer.

Weitere Twitter-Probleme sah man in einer "Atmosphäre der Intellektuellenfeindlichkeit" (Thomas Melle), die ja wirklich ein Grund dafür sein könnte, dass die Schriftstellerin Nora Bossong davon ausgeht, dass die, die in "Tweetsprache zu Hause sind, tatsächlich noch nie von Weltliteratur in Ekstase geraten sind".

Antonia Baum lebt in Berlin und studierte dort Literaturwissenschaft und Geschichte. Sie schreibt Romane ("Vollkommen leblos, bestenfalls tot", 2011, "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren", 2015, "Tony Soprano stirbt nicht", 2016) und veröffentlichte zuletzt den feministischen Essay "Stillleben". Von 2012 bis 2016 war sie Redakteurin im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", inzwischen arbeitet sie als Autorin des ZEIT-Feuilletons. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Andreas Hornoff

Es gehört nicht viel dazu, diese Analysen zu schlicht zu finden, und es ist auch keine Überraschung, darauf hinzuweisen, dass unterschiedliche Medien unterschiedliche Sprechweisen hervorbringen, worüber viele der von dieser Kritik adressierten Twitter-User recht gut Bescheid wissen dürften. Aber es ist ohnehin produktiver, sich klarzumachen, auf wen oder was sich die Twitter-Kritiker eigentlich beziehen, wenn sie so pauschal und theoriefern von der stalinistischen Twitter-Welt reden.

Sie beziehen sich auf das, was der Literaturkritiker Denis Scheck zu Beginn der Handke-Debatte pauschal und theoriefern als die "politische Korrektheit" bezeichnete (halt dieses ganze Feminismuszeug, Migranten, Schwule und so weiter). Sie beziehen sich auf ein bestimmtes Twitter-Milieu (eher jung, akademisch, "links"), das sich für die Rechte von Frauen und Minderheiten einsetzt und das sich vermutlich treffend beschreiben lässt mit: folgt auch Margarete Stokowski. Ein zentrales Merkmal der Kritik an dem Twitter-Verhalten dieses Milieus ist, dass man sie Kritik nicht nennen kann, sondern eher einen affektiven Galopp ("So nicht, Freunde!", beziehungsweise: "Nichts kann man mehr sagen"). Dass diese Vorgehensweise legitim gefunden wurde, liegt zum einen daran, dass "das Feuilleton" – das heißt konkret die drei genannten Schriftstellerinnen und Schriftsteller – "das Medium Twitter" hier geringschätzen und moralisch diskreditieren wollte, um es an den unwichtigen Platz zu verweisen, den es einst hatte, was eine interessante Idee ist, wenn man bedenkt, dass die Handke-Debatte ohne Twitter nicht denkbar ist.