Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser ZEIT-ONLINE-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

Kürzlich erklärte ein junger Chinese auf einem Bulletinboard im Internet: "Mein Vater ist jetzt nicht mehr mein Vater!"

Der junge Mann verlangte von seinem Vater, einem treuen Fan der US-Basketballmannschaft Houston Rockets, sich von der Mannschaft loszusagen. Es ging um einen Tweet von Daryl Morey, dem Generalmanager des Vereins, vom 2. Oktober: "Fight for Freedom, Stand with Hong Kong." Die Demokratiebewegung in Hongkong, mit der Morey sich solidarisch erklärte, wird von der chinesischen Regierung als Versuch dargestellt, China zu spalten. Der Zorn in der Chinesisch sprechenden Welt war groß. Viele riefen zum Boykott der US-Basketballliga NBA auf. Aber für den Vater des jungen Mannes hatte der Tweet des Managers nichts mit der Mannschaft zu tun. In seiner Wut machte der junge Patriot auf Ödipus.

In den vergangenen Monaten hat der wütende Nationalismus einer neuen Generation von Chinesinnen und Chinesen die ganze Welt erstaunt. Deren Ablehnung der Hongkonger Demokratiebewegung war nicht nur leidenschaftlich und patriotisch, sondern auch aggressiv und weltweit. In Kanada fuhren mit der chinesischen Flagge geschmückte Ferraris durch die Straßen, die Hongkonger wurden als "Pleitefotzen" beschimpft. In Australien wurden Auslandschinesen und Journalisten wegen ihrer Sympathie für die Demokratiebewegung bedroht, ein Mädchen aus Hongkong, das "HK stay strong!" rief, bekam im Chor "Fuck your mother" zu hören. In vielen Städten, darunter in Paris, kam es zu tätlichen Angriffen auf Journalisten und Pro-Hongkong-Demonstranten.

Und dies in Zeiten, in denen chinesische Studentinnen und Studenten über Studiengebühren Milliarden Dollar zur Finanzierung westlicher Universitäten beitragen, vor allem in Englisch sprechenden Ländern, und langfristigen Einfluss auf ihre Gastländer haben. Schon seit Jahren müssen sich internationale Großkonzerne, die unwissentlich chinesische Territorialansprüche infrage gestellt oder Menschenrechtsfragen aufgeworfen haben, beim "chinesischen Volk" entschuldigen. Die meisten ihrer "Fehler" und Fauxpas wurden von patriotischen jungen Chinesen mit guten Englischkenntnissen entdeckt und empört verbreitet.

Die offiziellen chinesischen Medien haben diese neue Generation von Patrioten freudig begrüßt. CGCN, ein offizieller englischsprachiger Fernsehsender in China, hat vom Aufstieg der "chinesischen Generation Z" gesprochen. Zitiert wurde dabei Zak Dychtwald, dessen Buch Young China: Wie eine neue chinesische Generation ihr Land und die ganze Welt verändert im kommenden April auf Deutsch erscheint: "Grundsätzlich gilt, dass sie modernisieren wollen, ohne zu verwestlichen. Sie erleben eine Vom-Tellerwäscher-zum Millionär-Geschichte, die auf der Welt ohnegleichen ist. Und diese Einzigartigkeit ist ihnen bewusst. Sie sind stolz darauf."

Während die junge Generation im Westen die Politik kritisiert und an Fridays-for-Future-Protesten für die Zukunft der Menschheit teilnimmt, übt sich ihr chinesisches Gegenüber in nationalistischem Auftrumpfen und hält stolz einem Einparteiensystem die Treue. In einer Reihe von Videointerviews, die von einer rechtspopulistischen britischen Website verbreitet wurden, fragt der Reporter eine Gruppe chinesischer Studenten in Australien, ob sie der Meinung seien, dass die chinesische Regierung irgendetwas falsch mache. Alle antworten, ohne zu zögern: "Nein, überhaupt nichts." Viele dieser Festlandchinesen kennen die fünf Forderungen der Hongkonger Demokratiebewegung an ihre Regierung nicht und interessieren sich auch nicht für sie. Sie sind überzeugt, dass die Hongkonger Unabhängigkeit fordern, obwohl die meisten Demokratieaktivisten dort möchten, dass Hongkong ein Teil von China bleibt.

Wer versucht, im Denken der chinesischen Z-Patrioten Konsistenz zu entdecken, wird unweigerlich enttäuscht. Viele von ihnen würden gern in westlichen Ländern studieren und arbeiten oder tun es schon, glauben aber, dass die westlichen Demokratien gegen das chinesische Einparteiensystem keine Chance haben. Ihr Respekt gilt Machthabern wie Wladimir Putin, Xi Jinping und Donald Trump, obwohl die beiden Letzteren inzwischen Kontrahenten sind. Die Z-Patrioten behaupten, in China gebe es mehr Freiheit als im Westen, und sagen gleichzeitig, zu viel Freiheit sei nicht gut – wie man am Westen sehen könne. Der geringste Anschein antichinesischen Rassismus bringt sie zur Raserei, sie glauben aber trotzdem, dass Schwarze intellektuell unterlegen seien und die westliche Political Correctness die Wahrheit verschleiere. Es ist ein Hotpot aus Haltungen, Werten und Verhalten, die den Menschen im Westen fremd und verwirrend vorkommen müssen.

Sind Chinas Z-Patrioten das Resultat von Gehirnwäsche? Die Antwort lautet: ja, auch. Aber nicht nur. Sicher, man hat sie in ein sorgfältig geflochtenes Netz aus Propaganda und Zensur gehüllt, unter den Augen eines wachsamen Apparats. Doch auch das kulturelle und gesellschaftliche Erbe spielen eine Rolle. In diesem Netz suchen die jungen Chinesinnen und Chinesen nach ihrem Ort. Irgendwann werden sie an dem Netz selbst mitknüpfen dürfen.