Vor ein paar Monaten machte mich meine beste Freundin zur Patin ihres zweijährigen Sohnes. Auf der Kirchenbank saß ich neben dem Onkel des Kindes, einer weiteren langjährigen Freundin und einem Freund der Mutter des Täuflings. Im entscheidenden Moment bat der Pfarrer "die Familie" zum Taufbecken.

Anne Waak, 1982 in Dresden geboren, ist Journalistin und Buchautorin. Sie gehört zu den Gastgebern des Talkformats "NUN – Die Kunst der Stunde" und zu den Gründern von "waahr.de", einem Onlinearchiv für Kulturjournalismus. Sie lebt in Berlin. Anne Waak ist Gastautorin von "10 nach 8". © Christian Werner

Ich blieb sitzen, weil ich nicht verstand, dass er damit auch mich gemeint hatte. Der Pfarrer hatte mangels anderer Begriffe für uns vier Paten auf das Wort Familie zurückgegriffen und uns damit zu einer solchen gemacht. Er hatte sich, ob absichtlich oder nicht, als progressiver erwiesen, als ich es in dem Moment war. Vielleicht hatte er sich aber auch daran erinnert, dass Jesus selbst das Kind zweier Väter und einer Leihmutter war.

Je mehr Patchwork- und Regenbogenfamilien zur Normalität werden, desto unzeitgemäßer wird das Konzept von Familie, deren Verbindungen allein auf Biologie beruhen. In Kanada ist es schon seit 2014 möglich, vier Personen als soziale Eltern eines Kindes eintragen zu lassen. Dennoch erweist sich das Bild von der auf Blutsverwandtschaft beruhenden Familie als hartnäckig – wie ich an diesem Sonntag in der Kirche an meiner eigenen Nichtreaktion merkte.

Das hat nichts damit zu tun, dass das tradierte Konzept in irgendeiner Weise natürlich wäre. "Die Mehrheit der Menschen auf der Welt geht nicht davon aus, dass sich Verwandtschaft durch Blutsbande konstituiert", schreibt die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun in ihrer Verwandtschaft als Kulturgeschichte. Abseits des Westens wird Verwandtschaft zum Beispiel nach Merkmalen wie des gemeinsamen Wohnens (so ist es etwa unter der Bevölkerung von Malaysia) oder des Teilens der Mahlzeiten (zum Beispiel bei den Nuern im Südsudan) definiert. Im Amazonasgebiet gelten Menschen als Verwandte, die denselben Feind haben.

Es wäre zu viel zu behaupten, dass meine beste Freundin und ich einen gemeinsamen Feind namens Heteronormativität hätten. Aber wir stehen ihr beide unabhängig voneinander skeptisch gegenüber. Das Konzept der Ehe wollte uns nie so richtig einleuchten, die Kleinfamilie von Papa, Mama, Kind erschien uns ebenso wenig zwingend. Warum auch? Betrachtet man die Scheidungs- und Trennungsraten von heterosexuellen Paaren mit Kindern, kann man kaum von einem Erfolgsmodell sprechen.

Kleine Kinder bedeuten immer Stress und zunehmend prekär werdende Arbeitsverhältnisse. Explodierende Mieten und andere steigende Lebenshaltungskosten tragen nicht eben zur Entspannung der Situation junger Familien bei. Und so werden aus Paaren mit der Geburt der Kinder "selbst reproduzierende Familieneinheiten", wie sie die britische Feministin Laurie Penny in ihrem Buch Unsagbare Dinge nennt, "jede isoliert in ihrem jeweiligen Kampf".

Es ist dennoch nachvollziehbar, dass die Idee von Papa, Mama und ihren ein bis drei leiblichen Kindern für viele nach wie vor zur Vorstellung von einem geglückten Leben dazugehört (und dass diese Vorstellung mittlerweile auch in vielen homosexuellen Beziehungen Einzug hält). Denn unsere Kultur erzählt uns unser Leben lang wenig anderes, die meisten Menschen wachsen immer noch mit diesem vermeintlichen Idealbild auf – so brüchig es auch sein mag. Aber die Kleinfamilie ist längst kein Schicksal mehr.

Meine beste Freundin und ich kennen uns seit 15 Jahren, zehn davon haben wir als Zweier-WG zusammengewohnt – mal mehr, mal weniger eng. Als wir uns auf unsere Wohnung bewarben, hatte der so progressive wie gewiefte Mitarbeiter der Hausverwaltung angeregt, dass wir statt als WG als lesbisches Paar auftreten sollten, das erhöhe unsere Chancen. Er sollte recht behalten. Wir zogen ein und brachten halb zur Tarnung, halb als Witz über unserer Türklingel ein gemeinsames Foto in einem kitschigen goldenen Bilderrahmen in Herzform an. Wir fingen an, gegenüber anderen von uns beiden als Paar zu sprechen, von einer Ehe, die allerdings weder geschlossen noch jemals "vollzogen" wurde. Irgendwann ließen wir uns die gleiche Tätowierung stechen. Wir tragen beide einen stecknadelkopfgroßen dunklen Punkt am linken Handgelenk, irgendetwas zwischen Freundschaftstattoo und Ehering. Dabei mögen wir beide weder Tätowierungen noch Ringe besonders. Aber selbst ein halb ironisches Zeichen der Verbundenheit ist immer noch wenigstens halb ernst gemeint. So wurde die Sache mit der Lesben-WG schrittweise vom Running Gag zu so etwas wie dem Fundament unseres Zusammenlebens.

Seit anderthalb Jahren ist der Sohn meiner besten Freundin – mein Patenkind – Teil unserer WG. Die Hälfte der Woche lebt er bei uns, die andere Hälfte verbringt er bei seinem Vater, der nur ein paar Hundert Meter entfernt wohnt. Neulich sagte sie fast nebenbei zu mir: "Er ist auch dein Kind." Das erste Wort dieses Kindes war "Mama", bald darauf sagte er "Anne". Manchmal betonte er meinen Namen auf der letzten Silbe, als hätte er sich das bei einigen der Kinder in unserem Viertel abgeschaut. Anne heißt auf Türkisch: Mama.