Spätestens seit Sophie Passmanns gleichnamigem Buch heizt der provokante Kampfbegriff Alte weiße Männer dankenswerterweise die feministische Debatte an. Und tatsächlich ist es amüsant, wie sich Passmann gegenüber einflussreiche Männer aus Politik und Medien mit unfreiwilligen Aussagen als Alte weiße Männer outen, die aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts mit Privilegien ausgestattet, gut ausgebildet und gutverdienend, das gesellschaftliche System repräsentieren und die Macht innehaben. Aber ist es nicht endlich an der Zeit, im Sinne eines konstruktiven Feminismus positive weibliche Vorbilder zu etablieren und sich nicht länger an Männern mit Macht zu orientieren? Die Aufmerksamkeit auf eine Gruppe zu lenken, die bisher unerhört, unbeschrieben und ungesehen am Rande des Systems stand? Bühne frei für Alte weise Frauen: gut ausgebildet, weniger gut verdienend, mit schlechteren Karrieremöglichkeiten, aber mit einer spezifischen Lebenserfahrung, die vom Rande des Systems geprägt ist.

Nicole Andries, geboren 1967 bei Trier, arbeitet als Autorin in Berlin. Aktuell beschäftigt sie sich mit dem gesellschaftlichen Phänomen von Existenzgründungen im Alter. Zuletzt erschien ihr Buch "Wir wollen es nochmal wissen! Frauen, die kein Alter kennen" (Elisabeth Sandmann Verlag/Suhrkamp). Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Volkmar Otto

Wie Alte weiße Männer ticken, weiß ich. Schließlich ist es ihre Welt und ihr System, in dem ich mich als Frau seit jeher zurechtfinden, arrangieren und einpassen muss. Sehr viel weniger aber wusste ich bisher von Alten weisen Frauen. Bis ich sie für ein Buchprojekt traf und hören durfte. Da leuchtete in der Vielfalt ihrer Lebensgeschichten ein weiblicher Erfahrungsschatz auf, der mich begeistert und mit dem ich mich identifizieren kann.

Zugleich habe ich das Gefühl, dass diese Kriegs- und Nachkriegsgeneration Alter weiser Frauen einen deutlichen Bruch mit vorangegangenen weiblichen Generationen vollzogen hat. Und das nicht nur, weil diesen Frauen eine längere Lebenszeit bei größerer Fitness beschert ist, sondern auch, weil sie mit Selbstbewusstsein mehr Sichtbarkeit fordern, um endlich öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Geschichten zu bekommen und die Erfahrungen eines "neuen Alters" aus weiblicher Perspektive teilen zu können. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

Wie "Alte weise Frauen" früher schwiegen

Seit ich denken kann, war meine Oma alt. Ihr schmales Gesicht, in das das Leben, die Sonne, der Krieg, der Mann und die Kinder tausendfache Falten hineingeknetet hatten, war wie bei den Großmüttern meiner Freundinnen umrahmt von einem bunten Kopftuch. Und wie die anderen trug auch meine Oma zu Hause einen Kittel, in dem sie unablässig wuselte, schrubbte, nähte und kochte, im Sommer das geerntete Obst einweckte und im Winter den Schnee schippte. Als Kind war ich davon überzeugt, Omas kämen als alte Frauen auf die Welt und alle alten Frauen seien Omas. 

Dass meine Großmutter als junge Frau den Neckar im Brustschwimmen in Rekordzeit bezwungen und Landesmeisterin von Baden-Württemberg war, davon hatte sie mir in ihrer Bescheidenheit, denn die gilt dem Patriarchat als weibliche Tugend, nie erzählt. Und auch nicht davon, dass ihre Opernstimme kurz vor dem Krieg einmal im Radio zu hören gewesen war. Ihre Wünsche und Träume hielt meine Oma tief in sich und vor uns verborgen. 

Heute glaube ich, die rastlose Betriebsamkeit, mit der sie tagtäglich Haus, Garten und Hof, Mann und Enkelkinder versorgte, war ihr Mittel, das eigene Wollen immer wieder zu bändigen, um sich selbst zu vergessen.

So waren die einzigen Müßiggänge meiner Oma unsere Spaziergänge zwischen Weinbergen und in Wäldern. Wenn ich am Abend ins Bett sank, hatte ich viel von ihrem Gebaren und ihrem Frausein gelernt, das aus einer Zeit stammte, die im Verschwinden begriffen war. Zwischen ihr und meiner Mutter und damit mitten durch mich hindurch verlief eine Bruchlinie von Tradition und Moderne.