Vor zehn Jahren habe ich ein Buch geschrieben, das ich in meinem Lebenslauf bisher stets verschwiegen habe. Weil ich mich dafür schäme. Das Buch heißt Herzmist: Fünf junge Frauen – 33 Mädchengespräche über Liebe, Leid und Leidenschaft. Ich veröffentlichte es unter meinem StudiVZ-Namen: Juleska Vonhagen. Mit Freundinnen spreche ich darin über Männer, Liebe und Beziehungen.

Julia Friese (1,70 Meter) ist Deutschlands größte Pop-Autorin, Musikkritikerin und Kolumnistin. Als Kind war sie kleiner. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Christian Werner

In der Verlagsankündigung hieß es: "Mädchengespräche unter Twenty-Somethings, authentisch und unzensiert. Ob peinlich, lustig oder tragisch, alles wird erzählt, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass andere Mädels heftig mit den Köpfen nicken, weil ihnen dasselbe auch schon passiert ist." Die Prämisse des Buchs war, dass "Mädchen" – wir waren Anfang 20 – sobald sie allein sind, fast ausschließlich über Liebe und Beziehungen reden.

Das Diminutiv "Mädchen" habe ich damals genauso wenig infrage gestellt, wie unsere eher geringe Diversität und heteronormative Perspektive. Auch die Aussage, dass junge Frauen kaum ein anderes Gesprächsthema haben als Männer, kam mir nicht beschränkend vor. Ganz im Gegenteil. Im Nachhall von Sex and the City galt genau das als selbstbewusst und mutig.

Zehn Jahre später ist das weibliche Reden über Liebe ein Stereotyp wie Schuhe kaufen. Es haftet ihm etwas leicht Einfältiges an. Wie mir auf den damaligen Pressefotos. Sie zeigen mich in Posen, die definitiv nicht sagen: Ich bin Rundfunkreporterin, Germanistikstudentin sowie Autorin. Sondern eher: Ich komme aus der Provinz und finde Katy Perry scharf. Meine Haare waren lackschwarz gefärbt, ich zog eine Schnute und trug bunte H&M-Kleider. Und trotzdem war das Buch erfolgreich. Es brachte mich zu TV Total, in die erste Joko-&-Klaas-Show aller Zeiten (MTV Home) sowie auf die Leipziger Buchmesse zu einer Lesung mit Sarah Kuttner und Olli Schulz.

Anlässlich seines runden Geburtstags nahm ich das Buch jetzt wieder aus dem Schrank. Sicher, ich wusste noch, dass die Fragen, die wir uns gestellt hatten, nur so vor Klischees trieften: "Können Frauen einen One-Night-Stand genauso genießen wie Männer oder denken wir dabei gleich an Nestbau?" "Männer schauen Pornos. Was halten wir davon?" Und: "Ist es normal, dass selbstbewusste Frauen zu eifersüchtigen Furien werden, wenn es um die Ex des Partners geht?" Aber ich wusste nicht mehr im Detail, wie wir damals geredet hatten.

Ich hatte vergessen, dass wir kein Problem damit hatten, "Männer, die sich hektisch verhalten" als "tuckig" zu deklarieren. Ich hatte vergessen, dass wir uns zwar für Abtreibungen aussprachen, allerdings auch dafür waren, diese drastischer zu benennen: Abtreibung sei ein Euphemismus für Abtöten, lese ich eine meiner Freundinnen sagen. Zudem muss ich lesen, wie ich über Mütter als "Säugkühe" rede und bekenne, wie hässlich ich Frauen nach der Geburt fände: "Strunzglückliche Klötze mit Schrumpelbaby." Nach der Geburt möglichst schnell wieder schlank zu sein, schien unfassbar wichtig zu sein. Dick sein befanden die meisten von uns als per se unattraktiv. Ein Kaiserschnitt mit Bauchstraffung sollte es eines Tages werden. 

Dass Herzmist ein "bestimmt wichtiges Stück Zeitgeschichte" ist, hatte ich damals ironisch in das Vorwort geschrieben. Das Hamburger Abendblatt hatte in seiner Magazinbeilage befunden, ich sei "frühreif und intelligent". Auf MySpace und StudiVZ kamen Anfragen bezüglich Dates sowie Danksagungen. Kritik gab es nur vereinzelt und wenn sie kam, dann hieß es: "pseudointelligent."

Ich ließ das Buch in den Schoß zurückfallen, aus dem es einst gekommen war, und war merkwürdig betroffen. Nur wenige Tage zuvor hatte ich mit einigem Entsetzen auf Twitter gelesen, dass in einem populären Vaterschaftsratgeber schwangere Frauen als "Wasserbüffel" beschrieben werden und sein Autor zudem Tipps parat hat, wie man diese "trotzdem noch beschlafen kann". 

Das Buch war zuerst 2010 erschienen, der Autor hatte – ebenfalls auf Twitter –  zu Protokoll gebracht, dass er das heute so nicht mehr schreiben würde, und für weitere Auflagen eine Überarbeitung der Stelle in Erwägung ziehe. Aber ich, ich hatte ihn bereits abgestempelt. Ganz so, als sei das, was er 2010 geschrieben hatte, ehrlicher, aufrichtiger, näher dran an seiner "wahren" Meinung als das, was er neun Jahre später zur Korrektur hervorbrachte.