Der amerikanische Nachrichtenkanal Fox News hat ein besonderes Verständnis von Nachrichten, das muss man wissen, bevor man ihn einschaltet. Der zum Medienkonzern News Corporation von Rupert Murdoch gehörende Fernsehsender berichtet tagsüber, was auf der Welt geschieht, wobei die Welt dort zumeist die USA meint. Das sind die "News" bei Fox News. Abends wird das Weltgeschehen dann kommentiert, das heißt bei Fox News "Editorial" und passiert in den Sendungen von Tucker Carlson, Sean Hannity und Laura Ingraham. Es bedeutet jedoch nicht, dass diese zwei Moderatoren und diese Moderatorin über das sprechen, was ihr Sender tagsüber berichtet hat.

Wenn sie das aber doch tun, kann das wie in den vergangenen Tagen der Impeachment-Anhörungen im Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses zu etwas Erstaunlichem führen: Dann bekommt man als Zuschauer und Zuschauerin zwei verschiedene Welten präsentiert, eine tagsüber, eine abends. In denen treten zwar dieselben Menschen an denselben Orten auf. Aber was sie tun und vor allem sagen, bedeutet etwas völlig anderes. Als Zusehender kann einem der Kopf zu schwirren beginnen.

Auf der "News"-Seite des Kanals wurden die Impeachment-Anhörungen von Dienstag bis Donnerstag tagsüber live übertragen. Seriöse Journalisten wie Chris Wallace und Bret Baier erklärten begleitend dazu oft äußerst genau, wie ernst die Vergehen sind, die dem US-Präsidenten Donald Trump am Ende der Prüfung eines möglichen Amtsenthebungsverfahrens vorgeworfen werden könnten. Als die Abende hereinbrachen, erschien irgendwann Tucker Carlson auf dem Bildschirm, und plötzlich sendete Fox News aus einem Paralleluniversum. In dem verhedderten sich die Demokraten in Widersprüche. In dem drohten nicht etwa Donald Trump juristische Schwierigkeiten, sondern Joe Biden, dem ehemaligen Vizepräsidenten und jetzigen Präsidentschaftsbewerber der Demokraten. In Vor-Trump-Zeiten war dieser Übergang von der Tages- zur Abendschicht bei Fox News noch fließend. Während der Obama-Jahre etwa warfen die "News"-Leute mit unschuldiger Miene Fragen auf, die die Talker dann zu wilden Verschwörungstheorien verwursteten. Seit Donald Trump regiert, hat dieser Übergang die Wirkung eines mentalen Schleudertraumas.

Wenn der Abend graut, kommen die Verschwörungen

Mit Tucker Carlson beginnt der Abend auf Fox News. Der Mann trug früher gern Fliege, er hat auch als 50-Jähriger etwas Milchbubihaftes und offenkundig weißnationalistische Ansichten. Carlsons darstellerisches Talent besteht vor allem darin, sehr ausdrucksreich Schock und Verwirrung mimen zu können. Auf ihn folgt Sean Hannity, der laut Medienberichten häufig mit Donald Trump telefoniert. An Hannitys Sendung fällt besonders auf, wie erschütternd ähnlich die Liturgie ist, die der Moderator von Abend zu Abend herunterbetet. Den Abend beschließt Laura Ingraham, die für Verschwörungstheorien zuständig zu sein scheint, für die Hannity zu nüchtern ist.

Diesen Dreien zuzuschauen ist eine Denkübung, die aus dem permanenten Auflösen kognitiver Dissonanzen besteht: Es ist auch bei Vorkenntnis der Faktenlage schwierig, nach einer ihrer Sendungen eine Zusammenfassung der Nachrichten des Tages zu geben. In ihrer Berichterstattung über die Impeachment-Anhörungen etwa werden Zeitebenen und Zusammenhänge bunt gemischt. Illegal und legal, normale Diplomatie und Korruption wechseln unentwegt die Rollen. Ingraham scheint prinzipiell nicht zwischen der US-Verfassung und dem US-Strafrecht zu unterscheiden (wenn etwas nicht in der Verfassung verankert ist, ist es anscheinend kein Verbrechen). Alle bezeichnen alles mögliche als "Hörensagen", was juristisch ziemlich genau definiert ist und hier absolut nicht zutrifft. Es ist ein riesiges Durcheinander.

Doch von vorne.

Dienstag. Am Morgen sagt Lieutenant Colonel Alexander Vindman aus, der im National Security Council (NSC) für Europa-Angelegenheiten zuständig ist und im Weißen Haus arbeitet. Ingraham und Carlson haben sich schon länger auf ihn eingeschossen: Weil Vindman in der Ukraine geboren wurde, stellen sie seine Loyalität zu den USA infrage. Was am Tag von Vindmans öffentlicher Befragung noch nicht bekannt ist: Sein Anwalt wird Laura Ingraham tags drauf einen Brief zustellen lassen, in dem er die Moderatorin ultimativ auffordert, eine Richtigstellung zu senden, weil sie Vindman vor laufender Kamera der Spionage bezichtigt hat – ein Verbrechen, bei dem Angeklagten in den USA schlimmstenfalls die Todesstrafe droht.

Aus der Spionage-Mythologie bedienen sich am Dienstag auch die Republikaner im Ausschuss freimütig, als sie den hochdekorierten Berufssoldaten angehen. Objektiv betrachtet läuft es nicht gut für sie: Auf die Vorhaltung, Fiona Hill, eine ehemalige Mitarbeiterin des ebenfalls bereits ehemaligen Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton, habe Vindmans Urteilskraft in Zweifel gezogen, liest Vindman aus seinem aktuellen Personalbeurteilungsbogen vor, den er mitgebracht hat. In dem bescheinigt Hill, die im Juli ihren NSC-Posten aufgegeben hat, Vindman herausragende Leistungen.

Noch schlimmer wird es für die Republikaner am Nachmittag, als zwei von ihnen selbst erwünschte Zeugen aussagen, der ehemalige US-Sondergesandte in der Ukraine, Kurt Volker, und Hills Nachfolger als Europa- und Russlandexperte beim NSC, Tim Morrison. Volker zieht eine früher gemachte, wichtige Aussage zurück. Die hatte gelautet: Volker habe keine Anhaltspunkte dafür gehabt, dass Präsident Trump eine Gegenleistung dafür gefordert habe, damit der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj das Weiße Haus besuchen dürfe und vom Kongress bewilligte Militärhilfen an die Ukraine ausgezahlt würden. Morrison wiederum gibt zu, der US-Botschafter an der EU, Gordon Sondland, habe ihm gegenüber die Existenz dieses sogenannten Quidproquo zugegeben.